Bühls OB Hubert Schnurr im Interview

Bühl (sre) – Bühls Oberbürgermeister Hubert Schnurr äußert sich im BT-Gespräch über die Belastungen durch Corona, seine Freundschaft zum Stadtpfarrer und die Zukunft.

Die Stadtkirche liegt in Bühl direkt neben den Rathäusern. Die Entwicklung des kirchlichen Lebens beschäftigt auch den OB. Foto: Willi Walter

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Die Stadtkirche liegt in Bühl direkt neben den Rathäusern. Die Entwicklung des kirchlichen Lebens beschäftigt auch den OB. Foto: Willi Walter

Das zu Ende gehende Jahr hat Bühls Oberbürgermeister Hubert Schnurr vor einige Herausforderungen gestellt – nicht nur im Zusammenhang mit der Pandemie. Mit BT-Redakteurin Sarah Reith hat er sich unter anderem über die Auswirkungen von Corona, die Vorwürfe gegen den Stadtpfarrer und die anstehenden Aufgaben unterhalten.

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Bühls OB Hubert Schnurr im Interview
Oberbürgermeister Hubert Schnurr im Gespräch über die zurückliegenden Monate und die anstehenden Aufgaben. Foto: Bernhard Margull

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Bühls OB Hubert Schnurr im Interview
Trotz des schwierigen Jahrs ist OB Hubert Schnurr das Lachen noch nicht vergangen. Foto: Bernhard Margull

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Auch nachdenkliche Momente gibt es in dem Gespräch mit OB Hubert Schnurr. Foto: Bernhard Margull

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BT: Herr Schnurr, 2020 war völlig anders als erwartet: Maskenpflicht und Hygienevorschriften, kein Zwetschgenfest, dafür Autokino und Zirkuszelt als neue Attraktionen. Wie sind die Bühler Bürger mit der Ausnahmesituation umgegangen?

Hubert Schnurr: Ich finde insgesamt sehr diszipliniert, sie haben sich an die Vorgaben gehalten. Es gab natürlich sehr viel Neues, Interessantes, wie das Zirkuszelt, das Autokino. Das wurde mit Freude angenommen, weil es doch an dem gewohnten Angebot an kulturellen, sportlichen Veranstaltungen fehlt. Da ist man um jede Abwechslung froh. Ich hoffe nur, dass sich das irgendwann mal wieder normalisiert, die Stimmung bedarf schon einer Aufhellung.

BT: Eine Aufhellung wäre sicher auch im finanziellen Bereich wünschenswert. Da stand die Zwetschgenstadt schon vor Corona schlecht da. Was kann sich Bühl künftig noch leisten?

Schnurr: 2020 hatten wir Glück, durch Ausgleichszahlungen von Bund und Land unsere Haushaltsplanung sogar besser als geplant über die Runden zu bekommen. Mittelfristig, wenn die Maßnahmen der Industrie nicht greifen sollten, müssen wir natürlich mit geringeren Gewerbesteuereinnahmen auskommen, vieles wird sich verzögern.

„Große Maßnahmen werden vorangetrieben“

BT: Werden geplante Projekte wie der Mensa-Neubau auf dem Campusareal im kommenden Jahr umgesetzt?

Schnurr: Die großen Maßnahmen wie der Neubau der Mensa und auch die Sanierung des Windeck-Gymnasiums werden planmäßig vorangetrieben, genauso wie der Kindergarten-Neubau in Moos. Und was für uns auch wichtig ist: Wir werden nach wie vor die Erschließung von Neubaugebieten forcieren, um unserer Bevölkerung auch Wohnraum anbieten zu können. Als große Tiefbauprojekte stehen die Sanierung der Eichenwaldstraße in Balzhofen an und auch der Neubau eines Regenklärbeckens im Gewerbegebiet Süd. Ansonsten werden wir uns gut überlegen müssen, welche Straßen wir in den nächsten Jahren angehen, das muss alles in den finanziellen Rahmen passen.

BT: Stichwort Seniorenzentrum Neusatzeck: Wohl kein anderes Thema wurde in diesem Jahr im Gemeinderat hitziger diskutiert. Sie haben sogar erstmals von Ihrem Vetorecht Gebrauch gemacht, um eine Ablehnung des Projekts zu verhindern. Am Ende haben Sie sich durchgesetzt. Wie geht es 2021 weiter?

Schnurr: Der Bebauungsplan ist ja mittlerweile beschlossen und somit auch rechtskräftig. Es ist sicher, dass der Investor Anfang 2021 den Bauantrag einreichen wird und dass er, sobald das die Schonzeit der Fledermäuse erlaubt, mit den Neubauten beginnen wird.

Neusatzeck: „Die Finanzierung ist gesichert“

BT: Immer wieder werden Zweifel geäußert, ob der Projektentwickler auch Investoren an der Hand hat, die das Seniorenzentrum finanzieren. Was antworten Sie den Menschen, die Sie darauf ansprechen?

Schnurr: Es ist nicht unsere Aufgabe als Stadt, das zu hinterfragen. Aber ich weiß, der Investor hat Betreiber, es gibt mehrere Interessenten, und die Finanzierung ist aus meinem Kenntnisstand heraus gesichert.

BT: Die Verseuchung der Böden mit perfluorierten Chemikalien (PFC) beschäftigt die ganze Region. Bühl will eine stark betroffene Fläche beim Gewerbegebiet Bußmatten komplett versiegeln und für Gewerbe nutzen. Werden andere Kommunen Ihrem Beispiel folgen? Lässt sich das PFC-Problem so lösen?

Schnurr: Hier liegen besondere Voraussetzungen vor, insbesondere, was die Bodenbeschaffenheiten anbelangt: Der lehmartige Boden kann mit einem Kalkzementgemisch eine Verbindung eingehen, sodass die Wasserundurchlässigkeit gewährleistet ist. Wir können die Bodenschicht also verdichten und danach versiegeln. Aufgrund dieser Besonderheit ist das eine Möglichkeit, dem Problem PFC in Bühl Herr zu werden. Ob diese Voraussetzungen an anderer Stelle gegeben sind, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Mit dem Stadtpfarrer „nach wie vor befreundet“

BT: Diese Nachricht hat viele Bühler schockiert: Stadtpfarrer Wolf-Dieter Geißler musste wegen Missbrauchsvorwürfen gehen. Sie waren auch persönlich mit ihm befreundet. Wie gehen Sie damit um? Haben Sie noch Kontakt?

Schnurr: Ich bin nach wie vor persönlich mit ihm befreundet, wir treffen uns auch regelmäßig. Und ich gehe ganz normal mit ihm um. Seine Schuld ist auch nicht nachgewiesen. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass er sowas hätte tun können. Ich wünsche ihm, dass er möglichst bald wieder seinem Beruf nachgehen kann, natürlich in einer anderen Pfarrei. Andererseits bin ich sehr bedrückt, dass durch eine, wie ich finde, überschnelle Entscheidung des Erzbistums das kirchliche Leben in unserer Stadt völlig lahmgelegt wurde. Die Kreativität, die unsere Pfarrei ausgemacht hat, die wurde uns genommen.

BT: Lebt Herr Geißler denn noch hier in Bühl?

Schnurr: Herr Geißler ist Ende November umgezogen. Er wohnt jetzt vorübergehend in seiner Heimatstadt, bis entschieden ist, wie es mit ihm weitergeht.

Sorge ums Landschaftsbild

BT: Es war ein Jahr der schlechten Nachrichten. Dazu zählt sicher auch, dass der Obstgroßmarkt Mittelbaden 2021 seine Betriebsstelle in Bühl schließen wird. Was bedeutet das für die Klein- und Nebenerwerbsbauern?

Schnurr: Aufgrund der Zertifizierungsmaßnahmen haben schon in den vergangenen Jahren viele Kleinbetriebe aufgegeben. Mehr betroffen sind jetzt eigentlich die wenigen verbliebenen größeren Erzeuger, die künftig nach Achern fahren müssen. Das ist eine zusätzliche Belastung für unsere Landwirtschaft, weil die Erwerbsgrundlage immer mehr entzogen wird. Das betrifft nicht nur den Obstbau, sondern durch den Preisverfall zunehmend auch den Weinbau. Es bereitet uns große Sorgen, wie sich unser Landschaftsbild entwickeln wird und was wir als Kommune dazu beitragen können, dem entgegenzusteuern.

BT: Ein solcher Beitrag ist sicher das angekündigte Engagement Bühls in der geplanten Bio-Musterregion. Worum geht es dabei konkret?

Schnurr: Das Thema Bio-Musterregion beinhaltet auch den Direktvertrieb einheimischer Produkte. Das muss man natürlich unterstützen. Diese Trends hin zu Bio und Slowfood bieten eine Möglichkeit, dem Obstbau hier in der Region, ganz besonders natürlich der Bühler Zwetschge, wieder eine Zukunft zu geben und vielleicht sogar wieder eine größere Bedeutung. Konkrete Überlegungen gibt es in Bezug auf unser Engagement in der Bio-Musterregion aber noch nicht. Der erste runde Tisch zur Musterregion wird Anfang Januar stattfinden.

BT: Was dagegen coronabedingt nicht stattfinden wird, ist ein Neujahrsempfang. Aber wenn Sie eine Rede halten könnten: Mit welchem Satz würden Sie die Bürger aufs kommende Jahr einstimmen?

Schnurr: Herausforderungen gibt es immer, diese schaffen wir nur gemeinsam, wenn wir zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen, mit positivem, vertrauensvollem Denken und Handeln sind wir füreinander da. Wir sind alle betroffen.

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Erstellt:
30. Dezember 2020, 06:30 Uhr
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