Bürgermeisterinnen braucht das Land

Au am Rhein (as) – Im Landkreis Rastatt gibt es zwei Bürgermeisterinnen. Zu wenig, findet Veronika Laukart (40) aus Au am Rhein, die sich im landesweiten Bürgermeisterinnen-Netzwerk engagiert.

Wünscht sich im Landkreis mehr Bürgermeisterinnen: Veronika Laukart. Foto: Stefan Bau

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Wünscht sich im Landkreis mehr Bürgermeisterinnen: Veronika Laukart. Foto: Stefan Bau

Einer Studie zufolge gibt es mehr Bürgermeister mit dem Namen Thomas als Frauen in diesem Amt. Im Landkreis Rastatt sind es gerade mal zwei. Die BT-Infografik hat gemeinsam mit dem BT-Instagram-Team eine Grafik erstellt, die dies mit Blick auf das BT-Verbreitungsgebiet eindrücklich zeigt. Veronika Laukart (40), seit 2017 Bürgermeisterin in Au am Rhein, kann das nicht verstehen, denn sie findet, es ist der beste Job der Welt, wie sie BT-Redakteurin Anja Groß verrät. Doch es braucht einen Partner, der das mitträgt, räumt sie ein – und den Austausch mit Kolleginnen, die landesweit in einem Netzwerk organisiert sind, zu dem auch Laukart gehört.
BT: Frau Laukart, Sie waren gerade beim Netzwerktreffen der Oberbürgermeisterinnen und Bürgermeisterinnen von Baden-Württemberg. Man sollte nicht meinen, dass es im 21. Jahrhundert solche Treffen wirklich braucht...

Veronika Laukart (lacht): Das ist Tradition und in einer Zeit entstanden, als es in Baden-Württemberg noch nicht viele Bürger- und Oberbürgermeisterinnen gab. Es waren drei, die das ins Leben gerufen haben. Jedes Jahr kamen neue dazu – jetzt sind wir bei über 90, wenn alle kommen. Dieses Jahr in Niefern-Öschelbronn waren wir über 50.

BT: Im Landkreis Rastatt mit 23 Gemeinden sind Katrin Buhrke in Forbach und Sie die einzigen Bürgermeisterinnen. Wie fühlt sich das an?

Laukart: Ich habe kein Problem damit, manchmal finde ich das sogar gut.

BT: Warum das?

Laukart: Weil man als weibliches Mitglied in so einer Männerdomäne eher Tipps bekommt von den männlichen Kollegen, als wenn die untereinander wären.

BT: Aber Sie haben nicht das Gefühl, dass die quasi von oben herab mit Ihnen umgehen oder Sie nicht ernst nehmen?

Laukart: Das überhaupt nicht. Nein, das ist das Schöne, wenn nicht so viele weibliche Kolleginnen da sind, kümmern sich die männlichen Kollegen besonders um einen – bis hin zum Kaffeebringen. Aber Spaß beiseite: Ich denke, eine gesunde Mischung ist schon gut bei Bürgermeistertreffen an sich, denn der Austausch ist ein ganz anderer, als wenn die Männer nur unter sich wären.

BT: Das heißt, es wäre aus Ihrer Sicht schon wünschenswert, wenn noch ein paar Bürgermeisterinnen dazukommen würden?

Laukart: Ja, für den Landkreis wäre es sicherlich gut. In Steinmauern wird ja demnächst gewählt – mal schauen, ob sich da auch eine Frau bewirbt.

BT: Auf den Verwaltungshochschulen sind Frauen eher in der Überzahl, dennoch bewerben sich nur sehr wenige bei Bürgermeisterwahlen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Laukart: Das fragen wir uns beim Netzwerktreffen jedes Mal und können es uns nicht so richtig erklären. 80 bis 90 Prozent an den Hochschulen sind Frauen, aber in den Führungspositionen – also auch auf der Amtsleiterebene – gibt es nur sehr wenige Frauen. Vielleicht hat es doch etwas damit zu tun, dass bei Bürgermeisterinnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwieriger ist als in anderen Jobs. Man kann nicht Teilzeit arbeiten, und wenn man noch Nachwuchs plant, ist es schwierig.

BT: Aber ist es nicht eine Frage der Organisation?

Laukart: Auch, denn beim letzten Netzwerktreffen waren drei Kolleginnen samt Baby im Kinderwagen dabei. Eine hat vor zehn Wochen ihr Baby bekommen. Sie geht jetzt wieder arbeiten und ihr Mann bleibt zu Hause. Also solche Beispiele gibt es auch.

BT: Das heißt, es müsste sich auch in der Gesellschaft noch etwas ändern?

Laukart: Wahrscheinlich eher in der Wahrnehmung von arbeitenden Müttern.

BT: Wie empfinden Sie selbst die Außenwahrnehmung einer berufstätigen Frau und Mutter an der Verwaltungsspitze im Dorf – wird man von Frauen kritisch beäugt und von Männern gönnerhaft behandelt?

Laukart: Das könnte ich jetzt nicht sagen. Wobei eins klar ist: Wenn ich im Dorf unterwegs bin, bei Vereinsvorständebesprechungen oder Vereinsveranstaltungen, treffe ich überwiegend auf Männer. Die einzige Erfahrung diesbezüglich habe ich im Wahlkampf gemacht. Da hat mich nach einer Veranstaltung ein Mann angesprochen, der noch nicht mal aus Au am Rhein kam, und wollte wissen, wie ich mir das alles vorstelle mit Familie und Kindern, wie das funktionieren soll. Ich habe dann nur zurückgefragt, ob er mir diese Frage auch gestellt hätte, wenn ich ein Mann wäre. Darauf hat er nichts mehr gesagt.

„Mein Mann fängt viel ab“

BT: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist sicher auch in Ihrer Familie ein Thema, denn auch eine Bürgermeisterin ist bei vielen Abend- und Wochenendterminen gefordert. Wie organisieren Sie das?

Laukart: Mein Mann fängt viel ab. Wenn am Wochenende Veranstaltungen sind, kann meine Familie immer gerne mitkommen, aber meistens wollen die gar nicht, sondern haben eigene Interessen. Dann schauen wir, dass wir das unter einen Hut bekommen. Glücklicherweise wohnen meine Eltern und meine Schwiegermutter in der Nähe und helfen immer gerne, darüber bin ich sehr froh. Aber ich habe immer Vollzeit gearbeitet, schon als die Jungs klein waren. Insofern war das bei uns schon immer so organisiert.

BT: Aber man braucht ein Netzwerk, sonst geht das nicht?

Laukart: Ja – und Hilfe. Und man braucht einen Partner, der das mitträgt, dann klappt das auch. Aber das muss eben nicht immer zwingend die Frau sein.

BT: Gehen Sie aus weiblicher Sicht Kommunalpolitik anders an, setzen andere Themenschwerpunkte?

Laukart: Ja, Familienpolitik und Soziales haben für mich einen hohen Stellenwert: Spielplätze, Kinderbetreuung, Jugendliche, Senioren, in diesen Bereichen setze ich mehr Schwerpunkte als vielleicht in so technischen Angelegenheiten.

BT: Was nehmen Sie persönlich mit von so einem Netzwerktreffen?

Laukart: Ganz ehrlich: Nach dem Austausch denke ich immer, bei mir ist es eigentlich gar nicht so schlecht. Manchmal steht man vor einer Mammutaufgabe, und dann kommt noch dieses oder jenes dazu und man weiß keine Lösung. Im Austausch erfährt man dann, dass es eigentlich allen so geht, da relativiert sich dann vieles. Und wir schauen auch immer, dass wir einen Dozenten zu bestimmten Themen dabei haben, weil man es doch meistens nicht schafft, zu Fortbildungen zu gehen.

BT: Aber Fortbildung ist ja auch für die Männer wichtig. Warum bedarf es dann dieses Treffens nur für die Frauen?

Laukart: Ich denke, die weibliche Herangehensweise an Themen ist doch oft eine andere. Man tauscht sich anders aus, ist offener, als wenn die männlichen Kollegen dabei wären.

BT: Was würden Sie Frauen raten, die sich mit dem Gedanken tragen, als Bürgermeisterin zu kandidieren?

Laukart: Einfach probieren. Es ist der beste Job, den es gibt, finde ich. Und wenn man nur ein bisschen meint, das könnte einem gefallen, dann sollte man es versuchen. Man kann so viel gestalten, ist so viel mit Menschen unterwegs, man hinterlässt Spuren – das gibt es in keinem anderen Bereich. Wir stellen bei unseren Treffen auch fest, dass viele Bürgermeisterinnen eher in kleinen Kommunen aktiv sind. Das wäre vielleicht auch mein Rat: Bei einer kleinen Kommune anzufangen, ist das Beste, denn da hat man die breiteste Palette an Themen und Aufgaben.

BT: Wollen Sie Ihre Kolleginnen auch mal nach Au am Rhein einladen?

Laukart: Das würde ich gern machen. Aber solange wir kein Hotel haben, ist das schwierig, dann müsste man von Rastatt einen Buspendelverkehr organisieren. Vielleicht gibt es ja irgendwann in den umliegenden Gemeinden weitere Kolleginnen, dann könnte man das gemeinsam organisieren.

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Erstellt:
25. September 2020, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 42sec

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