Bunter Farbfleck im Gefängnisalltag in Bühl

Bühl (sre) – Spray-Kunst bringt Freude: Bei einem Graffiti-Workshop im Bühler Frauengefängnis hat die BT-Redaktion einen Blick hinter die grauen Gefängnismauern werfen dürfen.

Nathalie Hurle (links) und Sebastian Bauer (Siebter von links) haben das besondere Kunstevent ermöglicht. Foto: Sarah Reith

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Nathalie Hurle (links) und Sebastian Bauer (Siebter von links) haben das besondere Kunstevent ermöglicht. Foto: Sarah Reith

Hinter den hohen, mit Stacheldraht gekrönten Betonmauern des Bühler Frauengefängnisses ist es normalerweise eher ruhig. Doch an diesem Tag ist alles anders: Laute Musik dringt nach draußen, Gesprächsfetzen, Gelächter. Statt in ihren Zellen verbringen die Inhaftierten den Nachmittag auf dem Hof und machen knallbunte Graffiti-Kunst.

Angeleitet werden die Frauen von Künstler Sebastian Bauer. Er war mit seinem Projekt schon in verschiedenen Justizvollzugsanstalten (JVA) zu Gast. Angefangen habe alles vor vier Jahren in Pforzheim, berichtet der Remchinger. Damals habe er die Idee gehabt, ehrenamtlich „verpönte Kunst mit verpönten Jungs“ zu machen. Nun hat Vollzugsabteilungsleiterin Nathalie Hurle ihn in die Zwetschgenstadt eingeladen. Und auch den Frauen, die hier in Haft sitzen, macht der bunte Farbfleck im Gefängnisalltag sichtlich Freude. Es ist ein Lichtblick nach langen, ereignislosen Monaten. Wegen Corona sei 2020 „kein so tolles Jahr für die Damen“ gewesen, berichtet Hurle. Das Virus erschwert auch die Abläufe im Gefängnis, Projekte mussten abgesagt werden, Angebote von Ehrenamtlichen waren eingeschränkt.

„Schöne, offene Form der Begegnung“

Doch all das scheint nun vergessen. Fröhlich plaudernd sitzen die Frauen an Biertischen im Hof, vor sich Leinwände, die sie mit Sprühfarben und Stiften bunt gestalten. Das Material konnte durch eine Spende des Bezirksvereins für soziale Rechtspflege besorgt werden. Die Resultate sind ganz unterschiedlich – und doch alle echte Hingucker. Einige Frauen nutzen die bereitgestellten Schablonen, andere gestalten völlig frei. Im Hintergrund ist bereits ein temporäres Riesen-Kunstwerk entstanden: Um sich mit der Farbe vertraut zu machen, haben die Frauen eine Plastikfolie besprüht, die statt des üblichen Volleyballnetzes zwischen zwei Pfeilern hängt.

Schon das Mittagessen sei etwas Besonderes gewesen, berichtet Hurle. Normalerweise nehmen die Gefangenen das Essen allein im Haftraum ein. Nun gab es im Freien Döner und Yufka. Es sei einfach eine „schöne, offene Form der Begegnung“ für die Frauen untereinander und auch mit dem Personal, schwärmt Hurle.

Die Musiktitel bewegen sich zwischen Pop und Hip-Hop – Sebastian Bauer legt auf einen bunten Mix wert: „Ich kenne den Geschmack der Mädels ja nicht.“ Es wird gescherzt, die Frauen zeigen sich gegenseitig stolz ihre Bilder. Auch die JVA-Mitarbeiter sind mittendrin, unterschreiben auf Wunsch der Gefangenen zum Teil sogar auf den Leinwänden, quasi zur Erinnerung. „Heute spürt man, wir sind irgendwie noch Menschen“, sagt Angelika, eine der Insassinnen. Sonst fühle sich manch eine eher wie eine Nummer.

Frauen schenken die Bilder der JVA

Als ein Regenguss die Aktion zum Platzen zu bringen droht, packen alle mit an und bringen in Windeseile Kunstwerke, Farben und Pinsel in Sicherheit. Geduldig stellen sich die Frauen unter. Und als der Regen nachlässt, sind in wenigen Minuten Bänke und Tische abgetrocknet und die Materialien bereitgelegt.

Zum Abschluss darf jede Frau noch ein T-Shirt gestalten. Wer sich nicht selbst traut, bekommt bei Schriftzügen Hilfe von Sebastian Bauer. Einige wünschen sich den eigenen Namen, andere die Namen von Söhnen oder Töchtern, die irgendwo da draußen auf ihre Mütter warten. Ihr T-Shirt darf am Ende jede mit auf die Zelle nehmen, während die meisten Leinwände bis zur Entlassung aufbewahrt werden. Ein paar Frauen schenken ihre Bilder allerdings der JVA: Sie sollen in den Fluren aufgehängt werden. Damit ein kleiner Farbfleck bleibt im grauen Alltag.

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Erstellt:
26. September 2020, 06:30 Uhr
Lesedauer:
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