Burghardt: Erst Sprinterin, nun Bobanschieberin

Baden-Baden (ket) – Im BT-Interview erklärt Alexandra Burghardt wie aus einer 100-Meter-Sprinterin eine Bobanschieberin wurde – und wieso gerade sie dafür prädestiniert ist.

Groß und schnell: Alexandra Burghardt (Mitte) im 100-Meter-Halbfinale der Olympischen Spiele in Tokio. Foto: Oliver Weiken/dpa

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Groß und schnell: Alexandra Burghardt (Mitte) im 100-Meter-Halbfinale der Olympischen Spiele in Tokio. Foto: Oliver Weiken/dpa

Mit der deutschen 4 x 100-Meter Staffel ist Alexandra Burghardt bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio auf Platz fünf gestürmt, nun, nur ein halbes Jahr später, bietet sich der 27-jährigen Sprinterin des SV Wacker Burghausen unter Umständen erneut die Möglichkeit, um olympische Ehren kämpfen zu können. Diesmal bei den Winterspielen in Peking (4. - 20. Februar) – und im Bob von Mariama Jamanka, der Olympiasiegerin von Pyeongchang 2018. BT-Redakteur Frank Ketterer hat die zweifache deutsche Sprint-Meisterin, deren Bestzeit über 100 Meter bei 11,01 Sekunden liegt, erzählt, wie sie im Bob gelandet ist.

BT: Frau Burghardt, am Sonntag starten Sie in Innsbruck erstmals im Bob-Weltcup. Wie kam es dazu?
Alexandra Burghardt: Anfragen vom Bobverband, ob ich es nicht mal als Anschieberin versuchen möchte, gab es in den vergangenen Jahren ja schon des Öfteren. Aber bis dato wollte ich das nicht, weil es für mich ein bisschen eine Flucht aus dem Sprint gewesen wäre, wo es in den letzten Jahren ja nicht immer so lief, wie ich mir das vorgestellt hatte. Das letzte Jahr hat das aber verändert, weil ich mit meiner Olympiateilnahme und meinen Bestzeiten eine tolle Saison hatte. Deshalb habe ich dieses Mal, als wieder angefragt wurde, zugesagt. Die Aussicht, nochmal Olympische Spiele erleben zu dürfen, war doch sehr verlockend.

BT: Was prädestiniert eine Sprinterin dazu, einen Bob anzuschieben?
Burghardt: Generell die Schnelligkeit. Außerdem können wir Sprinter meistens ganz gut beschleunigen, was im Bobsport essenziell ist. Was mich von den anderen Sprinterinnen zudem unterscheidet, sind Größe und Gewicht. Ich bin 1,82 m groß und 72 Kilo schwer. Da findet man zumindest in Deutschland keine andere Sprinterin, die das mitbringt. Die anderen sind eher so um die 1,65 m groß und entsprechend leichter. Ohne diese Masse schiebt es sich aber auch nicht mehr so leicht an. So gesehen bin ich fürs Anschieben gemacht.

„Damit gerechnet, das Ding zu gewinnen“

BT: Bei einem Anschubtest Anfang September sind Sie auf Anhieb Zweite hinter Deborah Levi geworden. Die Fachwelt war darüber ziemlich verblüfft – Sie auch?
Burghardt: Eigentlich nicht. Ich hatte sogar damit gerechnet, das Ding zu gewinnen. Aber dafür habe ich der ganzen Sache wohl zu wenig Gewichtung gegeben, auch weil es einen Tag vor dem ISTAF-Meeting in Berlin stattfand. Meinen Start dort wollte ich auf keinen Fall gefährden, weshalb ich nur einen Anschiebe-Versuch gemacht habe. Immerhin zu Platz zwei hat der gereicht.

BT: Wie ging es dann weiter? Wie sind Sie ausgerechnet im Bob von Mariama Jamanka, der Olympiasiegerin von 2018, gelandet?
Burghardt: Die ganze Sache ging ja von Anfang an von Mariama aus, bzw. von Stefan Bosch, dem bayrischen Landestrainer. Der hatte mich angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, Mariamas Team zu verstärken, weil sie zwei, drei Ausfälle zu kompensieren hatte. Ansonsten ist seit dem Test gar nicht so viel passiert. Ich hab noch zwei Mal auf der Tartanbahn angeschoben, um zumindest ein paar Feinheiten kennenzulernen – und vor zwei Wochen gab es dann in Innsbruck die ersten Fahrten. Insgesamt sechs habe ich jetzt hinter mir.

BT: Wie war die erste Fahrt?
Burghardt: Aufregend. Ich war ja mehr oder weniger auf nichts vorbereitet. Von Anschieben bis zum Einsteigen über die Fahrt bis hin zum Bremsen war alles neu für mich. Entsprechend war ich nervös. Zumal das Bremsen in Innsbruck nicht ganz so einfach ist. Aber irgendwie hab ich’s hingekriegt, auch wenn’s mich ganz schön rumgebeutelt hat und ich danach richtig Muskelkater bekommen habe. Das gehört dazu. Ich weiß, dass ich noch viel zu lernen habe. Aber das kommt mit der Zeit – und mit den Fahrten.

„Meine Aufgabe ist es, mich klein zu machen“

BT: In dem Disney-Kult-Film „Cool Runnings“ über das erste Bob-Team aus Jamaika haben die Jungs anfänglich Probleme, nach dem Anschieben auch noch in den Bob zu kommen. Wie war das bei Ihnen?
Burghardt: Also bisher bin ich immer ganz gut reingekommen. Generell hab ich da ja auch genügend Platz.

BT: Wie kann man Einsteigen trainieren? Zu Hause mit Hilfe der Badewanne?
Burghardt: Nein, so weit geht es dann doch nicht. Man macht da viel durchs Visualisieren, also in dem man sich anschaut, wie es die anderen machen. Und man macht die ein oder andere Trockenübung in der Garage. Am besten aber lernt man es natürlich über die Fahrten.

BT: Was neben dem Anschieben ist sonst noch Ihr Job im Bob?
Burghardt: Meine Aufgabe ist es, mich möglichst klein zu machen, um die Aerodynamik nicht zu stören, und dann zu bremsen. Ich habe einen Bremshebel zwischen den Knien, den man nicht zu früh und nicht zu spät ziehen darf.

BT: Was bekommen Sie von einer Fahrt mit?
Burghardt: Also sehen tu ich nichts, außer dem Boden vom Bob. Deshalb ist es auch wichtig, dass man sich die Bahn vorher einprägt, um wenigstens ein bisschen zu wissen, wo man ist und wann man mit dem Bremsen beginnen muss.

Spiele in Peking wäre Kirsche auf der Torte

BT: Beim ersten Weltcup der Saison vor einer Woche hat sich Mariama Jamanka noch von Kira Lipperheide anschieben lassen, diesmal sind Sie an der Reihe. Das klingt nach Ausscheidungswettbewerb, spätestens bei Olympia kann schließlich nur eine Anschieberin im Bob sitzen...
Burghardt: So ist es. Einerseits kann man zwar über die Anschubtests ganz objektiv festmachen, wer schneller ist. Aber es gehört halt auch eine gewisse Technik dazu. Da wird man sehen, wie ich mich anstelle und ob ich gut reinfinde – oder ob eine andere besser ist. Ich lass das auf mich zukommen. Ich hab ja nichts zu verlieren. Ich hatte ja meine Olympischen Spiele schon. Wenn es nochmal klappen sollte, wäre es die Kirsche auf der Sahnetorte.

BT: Bis wann soll eine Entscheidung fallen, wer Anschieberin Nummer eins ist?
Burghardt: Ich werde neben Innsbruck noch die Weltcups in Winterberg und Altenberg fahren. Das heißt, bis Weihnachten weiß ich wohl, wie es ausschaut. Die Nominierung für Peking ist dann Mitte Januar.

BT: Ist Ihnen klar, dass Sie, anders als als deutsche Sprinterin, als deutsche Bobfahrerin automatisch zu den Medaillenkandidaten zählen würden?
Burghardt: Ja. das ist mir durchaus bewusst. Wenn alles gut geht, ist in der Tat eine Medaille drin. Aber ich nehme jetzt erstmal eins nach dem anderen – und da steht am Sonntag mein erster Weltcupstart an. Da möchte ich einen guten Job machen. Dann schaun ‚mer weiter.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
26. November 2021, 20:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 21sec

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