Campus Galli: Mittelalterliche Klosterstadt bei Meßkirch wächst stetig

Meßkirch (ela) – Im Campus Galli bei Meßkirch entsteht über Jahrzehnte eine mittelalterliche Klosterstadt. Nun sind einige Bauwerke und Gärten bereits fertig, neue Projekte stehen an.

Die Holzkirche als Vorläuferin der Abteikirche steht bereits. Foto: Daniela Jörger

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Die Holzkirche als Vorläuferin der Abteikirche steht bereits. Foto: Daniela Jörger

In aufwendiger Handarbeit gehauene Holzbalken liegen in einem Stapel an der Seite bereit, unter einem Sonnensegel werden Dachschauben aus Roggen zu festen Bündeln geschnürt, Handwerker arbeiten an einer Balkenverbindung: Auf der mittelalterlichen Klosterbaustelle Campus Galli bei Meßkirch entsteht derzeit mit der Scheune das erste der zahlreichen Gebäude, die im Klosterplan von St. Gallen verzeichnet sind. „Bis Ende des Jahres wird sie fertig sein“, freut sich Dr. Hannes Napierala, Archäologe und Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins, der das einzigartige Mammutprojekt des Aufbaus einer mittelalterlichen Klosterstadt umsetzt.

Das Maß aller Dinge ist dabei der Klosterplan von St. Gallen, der um das Jahr 820 auf der Insel Reichenau entstand. Auf mehreren miteinander vernähten Pergamentstücken bildet er eine Klosterstadt jener Zeit ab. Gebaut wird auf dem Campus Galli mit den Materialien und Methoden des 9. Jahrhunderts – streng nach wissenschaftlichen Erkenntnissen. Letztere sind oft schwer zu bekommen. Da die Angaben im Klosterplan nicht immer ergiebig sind und manches nur schwer zu rekonstruieren ist, geht vielen Arbeiten eine lange Phase der Forschung voraus, erklärt Napierala. Denn das historische Pergament ist kein detaillierter Bauplan, sondern bildet das Konzept für eine Klosterstadt ab.

Veranschlagt ist das Projekt auf 40 Jahre, dann soll die neue Klosterstadt fertig sein. Seit dem Start 2013 hat sich auf dem rund 25 Hektar großen Gelände schon einiges getan. In kleinen Handwerkerhäusern wird gearbeitet und eine Holzkirche (Vorläuferin der großen Klosterkirche) kann bereits besucht werden. Diese Gebäude sind im Klosterplan nicht erwähnt, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen aber plausibel für die ersten Schritte.

Scheune entsteht derzeit

Plausibel ist laut Napierala ebenfalls, dass nun als erstes Gebäude des Dokuments die Scheune erbaut wird. „Auch nach Kriegen wurden zuerst die Scheunen wieder aufgebaut, um die Ernte zu lagern“, erklärt der Archäologe. Die Vorarbeiten dauerten rund drei Jahre – und liefen mit Hindernissen ab: Mit dem ersten Plan kamen die Handwerker nicht klar, ein Bauforscher verwarf ihn zudem als unrealistisch. Ein neuer Bauplan wurde erstellt, aber zunächst von den Behörden nicht genehmigt. Die Statik musste erdbebensicher sein, da die Scheune für Besucher zugänglich ist – eine der Veränderungen, die moderne Sicherheitsvorschriften geschuldet sind. Die Handwerker mussten viele Balken per Hand hauen und für die Dachdeckung 8.000 Schauben aus Roggen wickeln.

Auch der Bau der neun Meter hohen Holzkirche stellte Herausforderungen an die Handwerker – vor allem, weil es noch nicht viele Erfahrungen gab. So existierten zum Beispiel für die Chorschranken keine Vorbilder. Das Herstellen der rund 14.000 Holzschindeln für das Dach war eine Mammutaufgabe, und das Gießen der 40 Kilogramm schweren Glocke aus Zinnbronze gelang erst im dritten Anlauf. Sie läutet inzwischen täglich – ruft allerdings nicht zum Gebet, sondern die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zum Mittagessen.

Wer über das Gelände spaziert, kommt an bestellten Feldern, Ziegen-, Schafs- und Schweineställen (mit der rückgezüchteten Rasse Düppeler Schweine) sowie verschiedenen Gärten vorbei. In einem wachsen 16 im Plan beschriebene Heilkräuter, in einem weiteren alte Gemüsesorten.

Obstbäume im Paradiesgarten

Der dritte – der Paradiesgarten – ist im Klosterplan Friedhof und Obstgarten zugleich. Die 13 alten Obstsorten haben eher symbolischen Charakter, denn dass sie für eine reiche Ernte sorgen. Darunter ist ein Ableger eines 1.000 Jahre alten Maulbeerbaums, erklärt der Archäologe. Fertig ist auch das mit Schnitzereien verzierte große Holzkreuz, das in rund 700 Arbeitsstunden aus einer etwa 200-jährigen Eiche hergestellt wurde.

Als Nächstes will sich die Mannschaft aus Wissenschaftlern, Handwerkern und freiwilligen Helfern an das erste Steingebäude der Klosterstadt wagen – ein Nebengebäude des Abtshauses mit Küche, drei Schlafkammern, Stube und Keller, das auch möbliert werden soll. „Das ist spannendes Neuland. Wir tasten uns damit auch ein Stück weiter an den Bau der Abteikirche heran“, meint Napierala. Mit der Fertigstellung des ersten Steinhauses kann man im Campus Galli erstmals ein Wohngebäude zeigen. „Das ist wichtig, um die Klosterbaustelle weiterhin schlüssig zu machen.“

Die Mauer, die den Paradiesgarten umrandet, war wiederum ein wichtiges Versuchsobjekt für diesen ersten Steinbau. „Daran haben wir verschiedene Mörtelrezepturen erprobt“, erzählt Napierala. Für die Mauerkrone wurde ebenfalls einiges versucht. Die Abdeckung mit Plattenkalk schlug fehl, bei Frost zersprang das Material. Jetzt decken Holzschindeln die Mauer ab. Auch der Bau des Eingangs mit Rundbogen war eine wichtige Premiere. Noch in weiter Ferne liegt die Krönung der Klosterstadt: der Bau der Abteikirche. Doch Besucher können zumindest schon den künftigen Platz und die Ausmaße betrachten – der Grundriss ist abgesteckt. Vieles andere ist noch offen – und wird Stück für Stück erforscht und erarbeitet.

Der Eingang zum Paradiesgarten, in dem das große Holzkreuz beeindruckt. Foto: Daniela Jörger

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Der Eingang zum Paradiesgarten, in dem das große Holzkreuz beeindruckt. Foto: Daniela Jörger

Die Scheune soll bis Ende des Jahres fertig sein. Foto: Daniela Jörger

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Die Scheune soll bis Ende des Jahres fertig sein. Foto: Daniela Jörger

Im Kräutergarten wachsen Pflanzen, die im Klosterplan beschrieben werden. Foto: Daniela Jörger

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Im Kräutergarten wachsen Pflanzen, die im Klosterplan beschrieben werden. Foto: Daniela Jörger


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