Caritas: „Abschotten ist keine Lösung““

Baden-Baden (kli) – Die EU schottet sich gegenüber Flüchtlingen ab, findet das Hilfswerk Caritas International. Nötig sei eine einheitliche EU-Asylpolitik. Notfalls müsse Deutschland vorangehen.

Die Zustände im Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos sind laut Caritas weiter unzureichend.     Foto: Panagiotis Balaskas/dpa

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Die Zustände im Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos sind laut Caritas weiter unzureichend. Foto: Panagiotis Balaskas/dpa

Das Hilfswerk Caritas International fordert eine neue Asylpolitik der EU. „Die EU muss ernsthaft beginnen, sie zu organisieren“, sagte Caritas-Präsident Peter Neher gestern bei der Jahrespressekonferenz mit Blick auf untragbare Zustände für Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos.

Notfalls müsse Deutschland mit denjenigen Staaten vorangehen, die dazu bereit sind. „Abschotten ist keine Lösung, denn Menschen in Not werden weiter versuchen, nach Europa zu gelangen“, sagte Neher. Eine neue Bundesregierung müsse das Thema aufgreifen und dürfe eine gemeinsame Asylpolitik nicht auf Dauer blockieren lassen, nur weil einzelne Staaten nicht mitmachten. Wenn einige vorangingen, bestehe die Hoffnung, dass die anderen Staaten dann irgendwann nachziehen.

Neher erinnerte daran, dass der allergrößte Teil der Flüchtlinge in den Ursprungsländern oder den Nachbarländern bleibe, nur ein geringer Teil komme nach Europa und ein noch kleinerer nach Deutschland.

Die Zusammenhänge sehen

Humanitäre Hilfe müsse stärker als bisher präventiv arbeiten, berichtete er. In Kenia etwa habe es 2019 Sturzfluten und Überschwemmungen gegeben, hinzu sei eine Heuschreckenplage gekommen, die die Ernte vernichtet habe. Man müsse immer die Zusammenhänge sehen: Der Klimawandel treibe die Menschen in die Flucht. Abwasserprobleme in den Großstädten führten zu Slumbildung wie in vielen Subsahara-Staaten.

Auch in Syrien versuche man seit 20 Jahren, den Menschen – und nicht den Machthabern – zu helfen. „90 Prozent der Bevölkerung dort leben von zwei US-Dollar pro Tag. Die Kinder kennen nur zerstörte Städte, aber keine Schulen oder Spielplätze.“ Auch in Afghanistan sei man aktiv, und zwar mit Partnern vor Ort, „die sich auskennen und auch nach der Krise weiter vor Ort sind“.

Neher sprach sich gegen Pläne aus, Asylverfahren an den EU-Außengrenzen durchzuführen. Diese sollen bis März 2022 auf der Insel Lesbos starten. Dann müssten die Menschen in haftähnlichen Zuständen Monate lang in den Lagern verbleiben, fürchtet Neher. „Effektiver Rechtsschutz kann an der Grenze nicht gewährleistet werden. Diese Verfahren können weder fair noch rechtsstaatlich sein. Vielmehr drohen Verhältnisse wie im Camp Moria, wenn die Menschen nach negativen Bescheiden noch monatelang dort festsitzen.

Besuch auf Lesbos

Der Leiter von Caritas International, Oliver Müller, kam erst am Wochenende von einem Besuch des Übergangslagers Kara Tepe auf Lesbos zurück. Dort leben mehr als 4.000 Personen aus 42 Nationen. Im Vergleich zum abgebrannten Lager Moria hätten sich die Zustände zwar verbessert, seien aber immer noch besorgniserregend. In den Zelten, die nur unzureichend vor dem Wetter schützten, seien die hygienischen Verhältnisse katastrophal, es gebe keine Privatsphäre. „Es hat sich zwar einiges verbessert, aber es ist weiter unzureichend und beschämend“, bilanziert Müller.

Im Jahr 2020 wurde das Hilfswerk stark von der Pandemie in Anspruch genommen. „Nie zuvor hat eine einzelne Krise so viele Todesopfer verursacht und so viele Menschen in existenzielle Not gestürzt“, sagte Müller. In Peru zum Beispiel, dem Land mit der weltweit höchsten Corona-Sterblichkeitsrate, arbeiten 70 Prozent der Menschen im informellen Sektor, fahren in überfüllten Bussen, arbeiten auf überfüllten Märkten. Da sei es sehr wahrscheinlich, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren. Das Gesundheitssystem sei schwach, und Intensivbetten gebe es nur für Reiche.

„Corona deckt die staatlichen Versäumnisse auf“ – denn: Das Wirtschaftswachstum in Peru sei durch Ausbeutung der Bodenschätze erzielt und überdies nicht in Gesundheit und soziale Absicherung gesteckt worden.

Problem Impf-Notstand

Hinzu komme der Impf-Notstand, das derzeit drängendste Problem. Der Impfstoff sei weltweit ungerecht verteilt. 75 Prozent der Impfstoffe würden in nur zehn Ländern verteilt. Von den 1,3 Milliarden Afrikanern hingegen hätten bislang nur drei Prozent Zugang zu Impfungen. Müller forderte daher eine zeitlich befristete Freigabe der Patente auf Impfstoffe und Covid-Medikamente.

Die Pandemie hat Caritas International aber auch ein Plus an Spenden beschert. Das Hilfswerk verzeichnete im Jahr 2020 Spenden in Höhe von 36,7 Millionen Euro, gut zehn Prozent mehr als im Jahr davor (30,38 Millionen). Mit 82,7 Millionen Euro habe man in 74 Ländern 683 Projekte finanziert. „Die Pandemie hat uns allen viel abverlangt, aber viele sind dennoch bereit, das Leid der Menschen in der Welt zu sehen“, sagte Neher.

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Erstellt:
15. Juli 2021, 12:00 Uhr
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