Caritas: „Wir kämpfen nicht für uns“

Baden-Baden (kli) – Gesucht wird ein neuer Caritas-Chef. Christian Hermes, geboren in Baden-Baden und aufgewachsen in Weisenbach, ist einer der Bewerber. Im BT-Interview sagt er, warum er antritt.

„Badische Liberalität und Schwarzwälder Stabilität“: Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes strebt das Amt des Caritas-Chefs an.       Foto: Katholische Kirche Stuttgart

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„Badische Liberalität und Schwarzwälder Stabilität“: Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes strebt das Amt des Caritas-Chefs an. Foto: Katholische Kirche Stuttgart

Am kommenden Mittwoch wählt der Deutsche Caritasverband in Freiburg einen neuen Chef. Gesucht wird ein Nachfolger von Peter Neher für das Amt an der Spitze des größten privatrechtlichen Arbeitgebers in Deutschland. Einer der Bewerber um den Chefposten stammt aus Mittelbaden.
Christian Hermes ist in Baden-Baden geboren und in Weisenbach aufgewachsen. Der 51-Jährige hat katholische Theologie und Philosophie in Tübingen und Paris studiert und ist seit 2011 Dompfarrer und Stadtdekan in Stuttgart. BT-Redakteur Dieter Klink sprach mit Hermes im Vorfeld der Wahl.

BT: Herr Hermes, Sie wollen Caritas-Präsident werden. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Eigenschaft, die ein Caritas-Präsident braucht? Geht es in erster Linie um politischen Lobbyismus?
Christian Hermes: Die wichtigste Eigenschaft, glaube ich, ergibt sich aus der Idee des Verbands. Der Präsident muss genau das tun: Verbinden. Es gilt, die sehr vielen Player und Interessen zu koordinieren, zu vernetzen, Stärken zu erkennen und zu bündeln, Entwicklungen wahrzunehmen, zu initiieren und zu begleiten und die Kompetenz und Power zielgerichtet in den politischen und gesellschaftlichen Prozess einzubringen.

BT: Was heißt das?
Hermes: Wir sind als größter Wohlfahrtsverband mit über 6.000 Rechtsträgern sehr vielfältig, sehr bunt, von großen Krankenhausträgern bis zu kleinen Kreisverbänden, von den spezialisierten Fachverbänden bis zu den karitativen Orden. Da geht es um mehr als Lobbyismus. Wir kämpfen nicht für uns, sondern für die Menschen, für die alle diese Einrichtungen mit fast 700.000 Mitarbeitenden täglich da sind.

BT: Was motiviert Sie zu Ihrer Bewerbung?
Hermes: Ich wurde angesprochen und „bearbeitet“ und habe zunehmend auch Interesse gefunden. Das ist eine wahnsinnig spannende und schöne Aufgabe.

Kritisch vertraut mit kirchlichen Strukturen

BT: Und was, würden Sie sagen, befähigt Sie zu dem Präsidentenamt?
Hermes: Helfen kann mir meine langjährige Leitungserfahrung in einer großen Stadtkirche, in der inhaltliche und strukturelle Probleme zu lösen waren und, glaube ich, auch weitgehend erfolgreich gelöst wurden. Politische Erfahrung, Erfahrung aus großen karitativen Organisationen, durchaus kritische Vertrautheit mit kirchlichen Strukturen, Freude am Netzwerken, theologische und ethische und hoffentlich auch geistliche Kompetenz, eine gewisse Problemlösungs- und Managementkompetenz: das scheint vielen zu gefallen, und das bringe ich gerne ein.

BT: Sie sind in Baden-Baden geboren und in Weisenbach aufgewachsen. Wie hat Sie das geprägt, auch mit Blick auf Ihr angestrebtes Caritas-Führungsamt?
Hermes: Ich bin dankbar, in Weisenbach und im Murgtal in einem Umfeld aufgewachsen zu sein, in dem es selbstverständlich war, sich für die Gemeinschaft zu engagieren, und wo es auch viele Möglichkeiten gab, Verantwortung zu lernen. Und das ist bis heute so. Man bringt sich ein: in der Kirchengemeinde, in Vereinen, denken Sie nur an den großartigen Latschigbadverein, der dieses wunderbare Freibad erhält. Dieser Sinn für Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit ist toll, verbunden mit badischer Liberalität und Freude am Leben. Und, ja, auch eine gewisse Schwarzwälder Stabilität, wenn ich es so nennen darf, ist für diese und jede Führungsaufgabe hilfreich.

BT: Wie wollen Sie die Caritas positionieren und in die Zukunft führen?
Hermes: Die Caritas ist schon jetzt sehr gut positioniert, auch dank der beeindruckenden Arbeit von Peter Neher als Präsident in den vergangenen 18 Jahren. Aber die gesellschaftliche Wirklichkeit und auch die sozialen Herausforderungen entwickeln sich dynamisch: die Aufnahme von Geflüchteten, die Klimakrise, Corona, die demografische Entwicklung, Digitalisierung. Wer weiß, was morgen kommt. Damit muss der Verband und müssen die Mitglieder Schritt halten. Dazu müssen wir vernetzt und agil arbeiten, nicht statisch oder hierarchisch. Meine Vision ist die große Flotte aus eigenständigen und wendigen Booten, nicht der Megatanker, der dann stecken bleibt, wenn es eng wird.

Anwalt für das Soziale

BT: Was fordern Sie von der neuen Bundesregierung, egal wer sie stellt?
Hermes: Die sozialen Folgen von Corona sind noch lange nicht ausgestanden. Klimaschutz, Wirtschaft und Soziales auszutarieren, wird eine große Herausforderung. Und schließlich die Zukunft unseres Sozialstaats, von der Demografie über die Finanzierung bis zum Fachkräftemangel. Da kommt auf die Politik einiges zu. Die Caritas hat da ganz klar Anwalt für das Soziale zu sein. Und dafür kämpfen und trommeln wir, gerade auch deshalb, weil sozial Schwache eben keine Lobby haben.

BT: Sie treten immer wieder als dezidierter Kritiker der AfD hervor. Fraktionschefin Alice Weidel hatte im BT-Interview im Wahlkampf gesagt, die Kirchen sollten sich aus der Politik heraushalten. Was sagen Sie?
Hermes: Vermutlich wäre uns allen mehr gedient, wenn Alice Weidel und die AfD sich aus der Politik heraushalten würden. Die Befürchtungen haben sich ja bestätigt, dass diese Partei immer weiter in den rechten Extremismus abdriftet. Die AfD zerstört Zusammenhalt, sät Hass und Hetze. Die Attacken gegen Kirche und Caritas passen da ja ins Bild. Wenn die AfD uns, wie in der Flüchtlingskrise, attackiert oder als „Gutmenschen“ beschimpft, fällt das auf sie selbst zurück.

BT: Machen Sie eigentlich „Wahlkampf“ gegen die beiden anderen Bewerber?
Hermes: Nein, wir gehen sehr fair und freundlich miteinander um, so wie sich das für die Caritas auch gehört. Ganz früh haben wir vereinbart, dass jeder für sich wirbt, aber nicht gegen die anderen. Wir hatten jede Menge Videokonferenzen und Begegnungen im Vorfeld, mit allen möglichen Unterverbänden, Konferenzen und Gliederungen. Ich habe noch zusätzlich mit vielen Leuten gesprochen, vom Chef der Malteser bis zum Caritasdirektor von Görlitz, von Mitarbeitervertretern bis zu den Fachverbänden. Schon allein diese Gespräche haben mich echt beeindruckt: Wir haben da so großartige Menschen, die wirklich brennen für das Soziale.

Wer alles nicht die Daumen drückt

BT: Und was ist, wenn Sie nicht gewählt werden? Dann geht es weiter als Stadtdekan in Stuttgart wie bisher?
Hermes: Genau so. Abgesehen davon, dass mir in Stuttgart viele nachdrücklich nicht die Daumen drücken, was ich mal als Kompliment deute, bin ich ja auch selbst gerne da, in all den Ämtern und Funktionen in Kirche, Caritas, Stiftungen und Organisationen. Ich bin nicht auf der Flucht, sondern nehme die Kandidatur ganz sportlich als wunderbare Chance. Wenn ich nicht gewählt werden sollte, werde ich ganz versöhnt und zufrieden in Stuttgart weitermachen. Es gibt ja immer genug zu tun. Überall.


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