Cazzella überrascht Erfolg seiner Online-Petition

Gernsbach (ham) – Francesco Cazzella hat eine Online-Petition gegen die Hundesteuer-Erhöhung in Gernsbach gestartet. Der Erfolg mit bisher 186 Unterstützern überrascht den Bulldoggen-Besitzer selbst.

Francesco Cazzella spielt mit seinen beiden Hunden Loki, einem Olde English Bulldog, und Weibchen Maja (vorne), einer Englischen Bulldogge, im Garten in Hilpertsau. Foto: Hartmut Metz

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Francesco Cazzella spielt mit seinen beiden Hunden Loki, einem Olde English Bulldog, und Weibchen Maja (vorne), einer Englischen Bulldogge, im Garten in Hilpertsau. Foto: Hartmut Metz

Die Erhöhung der Hundesteuer in Gernsbach auf Rekordniveau in der Region erhitzt weiter die Gemüter. Francesco Cazzella startete Anfang April eine Online-Petition, um diese 2022 wieder von 120 auf 90 Euro für den ersten Hund und von 240 auf 180 Euro für jeden weiteren Hund zurückzuschrauben. Binnen 72 Stunden fanden sich dafür 170 Personen, die auf www.change.org/hundesteuer das Ansinnen unterstützten.

„Ich dachte, ich mache an meinem Geburtstag etwas Sinnvolles, anstatt zu feiern, und entdeckte dafür die Petitionsseite change.org“, erzählt er von seiner Eingebung am 3. April. Selbstkritisch ergänzt der gebürtige Italiener: „Mit 25 Jahren kann man ja mal etwas G’scheites machen. Ich habe die ersten 20 Jahre meines Lebens verschwendet und begann deshalb erst mit 21 meine Ausbildung zum Kaufmann.“ Die hat Cazzella längst abgeschlossen und peilt mittlerweile an der Handelslehranstalt in Gernsbach das Abitur an.

Die Stadtverwaltung macht dem ehrgeizigen Hilpertsauer allerdings bezüglich seiner Online-Unterschriftenaktion wenig Hoffnung, dass sich das Steuerrad für die 763 Hundebesitzer und deren 74 weitere Vierbeiner (Stand 8. Januar 2021) zurückdrehen lässt. „Fakt ist, dass die Erhöhung vom Gemeinderat mit großer Mehrheit und damit rechtsverbindlich beschlossen wurde“, teilt die Stadtverwaltung auf BT-Anfrage mit. Im Januar hatte der Gemeinderat mit 15:8 Stimmen für die Erhöhung votiert, die 26.000 Euro mehr in die marode Kasse spült.

Ratsbeschluss trifft vor allem „arme Einsame“

Mit den 120 Euro katapultierte sich Gernsbach von der Höhe der Hundesteuer von Rang vier auf eins (das BT berichtete). In der Region verlangten zuvor nur Baden-Baden mit 110 Euro, Loffenau (108) und Weisenbach (102) mehr. Forbach (90) lag gleichauf. In Rastatt (84), Gaggenau (75) und Kuppenheim (70) müssen Hundebesitzer deutlich weniger berappen. Obwohl schon auf Facebook eine emotionsgeladene Diskussion um die Erhöhung verpuffte, will Cazzella nicht aufgeben und startete einen eigenen Anlauf (siehe „Zum Thema“).

Seine Argumentationskette will der Besitzer von Loki, einem knapp ein Jahr altem Olde English Bulldog, und Weibchen Maja, einer zweijährigen Englischen Bulldogge, dabei keinesfalls auf sich beziehen. Ihm habe die Erhöhung zu Corona-Zeiten „finanziell nicht wirklich geschadet“. Die 360 statt der bisherigen 270 Euro für seine Bulldoggen können er und seine als selbstständige Gebäudereiniger arbeitende Familie bezahlen. Es gebe jedoch Mitbürger, „die wegen Covid-19 ihre Jobs verloren haben.

Die Hundesteuer während einer globalen Pandemie um 30 Euro zu erhöhen“ sei deshalb „einfach eine Frechheit gegenüber allen Hundehaltern“, findet Cazzella. Dies gelte vor allem gegenüber einsamen Menschen, für die ein Vierbeiner derzeit ein besonders wichtiger Bezugspunkt sei. Denen können 30 Euro mehr im Jahr „weh tun, ich weiß noch genau, wie das war, als meine Familie 2005 aus Italien nach Deutschland kam“.

Deshalb hofft der 25-Jährige, „dass wir genug Unterschriften sammeln können, um die Aufmerksamkeit von Bürgermeister Julian Christ zu bekommen“. Im Gegensatz zu einer vorherigen Diskussion auf Facebook will Cazzella „ohne Drohungen, Hassrede oder sonst was“ zum Ziel kommen, denn „ich habe nämlich viele Drohungen gelesen. Das hilft weder uns noch dem Bürgermeister weiter“, betont er auf www.change.org und ergänzt gegenüber dem BT: „Online las ich Unflätiges wie: ,Wir legen Hundescheiße vor das Haus des Bürgermeisters‘ – ich will das aber ohne Konflikte lösen.“ Bis zum Freitagnachmittag fanden sich 186 Unterzeichner der Petition. „Die meisten kenne ich gar nicht“, betont Cazzella und freut sich über die für ihn überraschend große Resonanz, „obwohl ich keine Freunde behelligte, damit sie auch unterschreiben“. Ab 100 Unterschriften informiert die Petitionsseite den Ansprechpartner. „Bürgermeister Christ müsste deshalb eine E-Mail bekommen haben. Und ich werde informiert, wenn er antwortet“, wartet der Hilpertsauer geduldig und will sich noch nicht direkt an das Stadtoberhaupt oder den Gemeinderat wenden.

Selbst wenn die Petition die 200 Unterschriften knackt, dürften jedoch beide kaum 2022 zurückrudern, da die klamme Stadt dringend Einnahmen benötigt. Das versteht der Kaufmann durchaus – bedauert es aber, wenn die Kommune anderweitig Geld verschwende. „Davon wird mir zunehmend mehr zugetragen“, berichtet er und ärgert sich etwa über die Anschaffung des selten genutzten Terminals zur Ausgabe von Pässen. Das kostete 27.000 Euro – einen Tausender mehr als Gernsbach nun durch die höhere Hundesteuer im Jahr reinholt. Zu einem Hauptargument des Hilpertsauers teilte die Stadt dem BT mit: „Ob hauptsächlich sozial schwache Menschen Hundebesitzer sind, können wir nicht beurteilen.“

Loki und Maja behalten ihr Herrchen

Egal, ob die Petition Erfolg hat oder nicht: Der verspielte Loki und das schüchterne Weibchen Maja müssen sich aber derweil keine Sorgen machen, dass sie bald ein neues Herrchen brauchen. „Die Hunde behalte ich natürlich wie jeder, der Hunde hat!“ Cazzella fürchtet allerdings, dass sich Gernsbacher, die bisher keinen Vierbeiner hielten, nun „eher kein Tier aus dem Tierheim holen“.


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