Chaos-Fahrt mit Schutzengel in Weitenung

Gernsbach (stj) – Ein 19-Jähriger ohne Führerschein hat im März einen schweren Unfall verursacht. Der Kumpel, der ihm den Pkw zur Verfügung stellte, musste sich am Dienstag vor Gericht verantworten.

Wegen vorsätzlichen Ermächtigens zum Fahren ohne Fahrerlaubnis stand ein 21-Jähriger früherer Gernsbacher vor dem Amtsgericht. Foto: Peter Steffen (dpa)

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Wegen vorsätzlichen Ermächtigens zum Fahren ohne Fahrerlaubnis stand ein 21-Jähriger früherer Gernsbacher vor dem Amtsgericht. Foto: Peter Steffen (dpa)

Die Anklage, die vor dem Amtsgericht Gernsbach verlesen wurde, klang wie eine Horrorgeschichte. Aber sie hat ein Happy End. Denn die vier jungen Menschen, um die es ging, leben alle noch. Dank eines Schutzengels, der offenbar seine schützende Hand über die Insassen des Pkw gehalten hat, als sich dieser am 29. März mit überhöhter Geschwindigkeit auf einem Feldweg in Weitenung mehrfach überschlug. Am Steuer saß ein 19-Jähriger aus Bühl, der keinen Führerschein besitzt. Ihm hatte ein zwei Jahre älterer Gernsbacher den Mazda überlassen. Der 21-Jährige musste sich nun vor Gericht verantworten – wegen vorsätzlichen Ermächtigens zum Fahren ohne Fahrerlaubnis.

„Wir wollten den Tag genießen“, erinnerte sich der junge Mann auf der Anklagebank. Von einem Kumpel habe er den Mazda bekommen, den er schon häufiger gefahren sei. Mit drei anderen Jungs war er gegen 18.45 Uhr auf dem landwirtschaftlichen Wirtschaftsweg „Am alten Römerpfad“ in Weitenung in Richtung Vimbuch unterwegs, wo man den Pkw betanken wollte. „Auf dem Feldweg habe ich ihn dann fahren lassen“, erzählte der Angeklagte gefasst. Er habe nicht gewusst, dass der 19-Jährige keinen Führerschein hat. Dieser habe versichert, den Wagen schon oft gefahren zu sein. „Ich habe ihm vertraut.“

Mit bis zu 130 km/h auf dem Feldweg

Doch dieses Vertrauen verflog schnell. Denn der Kumpel ohne Lappen drückte gleich mächtig aufs Gaspedal, beschleunigte laut Anklageschrift auf dem Feldweg auf bis zu 130 km/h. Aufforderungen, er solle abbremsen, kamen zu spät oder wurden ignoriert. Der Angeklagte war auf der Rückbank noch nicht mal angeschnallt, als sein Kollege nach waghalsigen Manövern die Kontrolle über den Mazda verlor und diesen nach mehreren Überschlägen aufs Dach legte. Den Unangeschnallten hat es dabei aus dem Fenster geschleudert.

„Da hätten Sie tot sein können oder querschnittsgelähmt“, sprach Amtsgerichtsdirektor Ekkhart Koch dem Angeklagten ins Gewissen. Dieser lag nach der Chaos-Fahrt blutüberströmt mit einem gebrochenen Arm auf dem Feld; der Unfallfahrer ließ seinen Kumpel aber dort liegen und haute ab, ohne sich um ihn zu kümmern. Das machte immerhin einer der zwei weiteren Insassen, zudem kamen eine Radfahrerin und zwei Traktorfahrer zur Hilfe, bis Notarzt und Rettungshubschrauber vor Ort waren.

Mehr als ein halbes Jahr später hat der junge Mann, der am Goethe-Gymnasium Abitur gemacht hat und kürzlich aus dem Murgtal weggezogen ist, immer noch Probleme mit dem linken Arm. Dass es nicht schlimmer gekommen ist, sei aber genauso ein Wunder, wie die Tatsache, dass die anderen Drei nur geringfügige Verletzungen davongetragen haben, stellten Richter und Staatsanwaltschaft fest. Sie werteten das Verhalten des Angeklagten allenfalls als Beihilfe zum Fahren ohne Fahrerlaubnis. Hinzu kam, dass er weder im Bundeszentralregister noch im Fahreignungsregister bisher einen Eintrag vorzuweisen hatte. „Es handelt sich um eine jugendtypische Verfehlung“, stellten die Juristen fest und das Verfahren nach einer Ermahnung ein. „Sie haben heute zum zweiten Mal Glück“, betonte Koch.


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