„Charisma wird immer wichtiger“

Baden-Baden (fk) – Wissenschaftler Sebastian Jäckle spricht im BT-Interview über den Stellenwert der Ausstrahlung von Politikern in der heutigen Zeit.

Elektrisierend: Emmanuel Macron steht, wie auch der österreichische Kanzler Sebastian Kurz, für einen neuen Typ Politiker, sagt Jäckle. Foto: Charles Platiau/dpa

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Elektrisierend: Emmanuel Macron steht, wie auch der österreichische Kanzler Sebastian Kurz, für einen neuen Typ Politiker, sagt Jäckle. Foto: Charles Platiau/dpa

Sie werden oft bejubelt und erleben nicht für möglich gehaltene, kometenhafte Aufstiege: Politiker mit einem besonderen Charisma. Die Liste reicht von Caesar über Napoleon bis zu Hitler, von Putin über Obama bis Trump. Doch wie wichtig ist ein solch charismatisches Auftreten in der heutigen Politik wirklich, welche Gefahren birgt es im Hinblick auf den Rechtspopulismus? Über diese Fragen hat sich BT-Redakteur Florian Krekel mit dem Freiburger Politikwissenschaftler Sebastian Jäckle unterhalten.

BT: Herr Jäckle, was versteht man heute landläufig unter dem Charismatischen Führerprinzip?

Sebastian Jäckle: Der Begriff der charismatischen Herrschaft wird in den Medien häufig verwendet um Politiker zu bezeichnen, die eine gewisse Strahlkraft besitzen. Seien es Erdogan, Trump, Putin oder die vergleichsweise jungen Politiker Emmanuel Macron und Sebastian Kurz – ihnen allen wird ein starkes Charisma bescheinigt, das ihnen geholfen hat, an die Macht zu gelangen und sich nun teilweise schon lange dort zu halten.

BT: Deutschland war in der Geschichte meist ein Land mit einer charismatischen Person an der Spitze, sei es der Kaiser oder im Dritten Reich. Prägt uns dieses Denken bis heute?

Jäckle: Charismatische Persönlichkeiten haben stets in der Geschichte die Politik geprägt. Ob Alexander der Große, Hannibal oder Cäsar in der Antike, oder Napoleon, Lenin oder der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi als Beispiele aus der etwas jüngeren europäischen Vergangenheit. Sie alle werden von der Geschichtsschreibung als sehr charismatische Personen bezeichnet, denen es gelang, die Bevölkerung respektive ihre Truppen mit sich zu reißen und von der Notwendigkeit ihres Tuns zu überzeugen. In der deutschen Geschichte konnte zweifellos Karl dem Großen ein solches Charisma bescheinigt werden. Nach ihm allerdings gab es da lange Zeit niemanden mit einer solchen Strahlkraft. Auch im Kaiserreich, das durch die preußische Bürokratie geprägt war, konnte der Kaiser nur bedingt als charismatische Person bezeichnet werden. Ob der Aufstieg Hitlers in Teilen mit einem tief verwurzelten Wunsch nach einer charismatischen Führungspersönlichkeit zu erklären ist, wird in der Wissenschaft zumindest diskutiert.

BT: Wie wichtig ist das Prinzip einer charismatischen Führungsfigur in der heutigen Politik?

Jäckle: Wenn man den wissenschaftlichen Begriff der charismatischen Herrschaft etwas breiter begreift, dann zeigt sich, dass insbesondere durch die heute gegebenen Möglichkeiten der direkten Ansprache der Bevölkerung, durch Massenmedien und noch viel mehr durch soziale Medien ein charismatisches Auftreten für Politiker immer wichtiger wird. Welchen Einfluss ein solches Auftreten für Politiker haben kann, zeigte sich besonders prägnant bereits 1960 bei der Fernsehdebatte zwischen dem damaligen Amtsinhaber Richard Nixon und seinem demokratischen Herausforderer John F. Kennedy. Neben dem jugendlich auftretenden, mit großen Charisma ausgestatteten Kennedy wirkte Nixon alt, kränklich und in seinen Ausführungen fahrig. Unter anderem sein schlechter Auftritt bei dieser Debatte wird von der Politikwissenschaft als Grund für seine Niederlage bei der Wahl betrachtet. In der heutigen Zeit sind solche öffentlichkeitswirksamen Elemente der Persönlichkeit eines Politikers oftmals noch zentraler, was man gut an den Twitter-Einlassungen eines Donald Trump erkennen kann.

BT: Und wie verhält es sich in der deutschen Politik?

Jäckle: Gleichzeitig ist Charisma auch nicht alles. Insbesondere in Deutschland fanden sich in den letzten Jahrzehnten nur wenige Politiker, denen das Attribut „charismatisch“ zweifelsfrei zugesprochen werden konnte: Franz Josef Strauß, Willy Brandt und Helmut Schmidt waren solche Personen. In Teilen eventuell auch Gerhard Schröder. Helmut Kohl und Angela Merkel hingegen waren und sind beide eher das Gegenstück zu Charismatikern. Aber auch in der zweiten Reihe der Bundesminister finden sich primär Personen, die nicht durch eine überragende persönliche Strahlkraft hervorstechen.

BT: Sie sprechen das fehlende Charisma von Angela Merkel an. Worauf gründet dann ihre lange Kanzlerschaft?

Jäckle: Angela Merkel ist mit Sicherheit nicht das, was man eine sehr charismatische Persönlichkeit nennen würde. Allerdings hat sie es durch ihre lange Amtszeit und ihre ruhige, besonnene, manche würden sagen, zu zaghafte Art der Politikgestaltung, geschafft, sich eine Art eigenes Charisma aufzubauen. Interessant ist, dass Angela Merkel, obgleich sie sich persönlich im Vergleich zu anderen internationalen Spitzenpolitikern wie Trump oder Putin stark zurücknimmt, doch starke auf sie persönlich abzielende Reaktionen bei der Bevölkerung hervorruft. Von den „Merkel muss weg“-Rufen hin zu denjenigen, die in ihrer Person aktuell die einzige Möglichkeit sehen, das Europa, wie wir es kennen, aufrechtzuhalten. Viele Menschen in Deutschland sehen offensichtlich Angela Merkel als die zentrale Gestalt an, von der die Zukunft Deutschlands aktuell abhängt.

BT: Kann „Shootingstar“ Macron die charismatische Führungsrolle für Europa erfüllen?

Jäckle: Neben Angela Merkel, die durch die schwierige Regierungsbildung selbstverständlich geschwächt ist, steht aktuell vor allem Emanuel Macron für ein neues Europa. Er steht, wie auch der österreichische Kanzler Sebastian Kurz, gewissermaßen für einen neuen Typ Politiker. Er ist nicht an die Macht gekommen über die alten Parteien, sondern über eine von ihm selbst gegründete und auf ihn als Person vollkommen zugeschnittene Bewegung „En Marche!“. Macron zeigte gerade zu Beginn seiner Präsidentschaft einen großen Eifer im Aufstellen von Plänen zum Radikalumbau Frankreichs aber auch der gesamten Europäischen Union. Mittlerweile zeigt sich, dass viele seiner Ideen im Klein-Klein der Tagespolitik unterzugehen drohen und mit ihnen auch seine Umfragewerte zu sinken beginnen. Hier zeigt sich erneut, dass eine außeralltägliche, geradezu revolutionäre Herrschaft zunächst elektrisierend auf die Bevölkerung wirken kann, diese Herrschaft zu verstetigen aber ein schwieriger Prozess ist.

BT: Wie sieht es in anderen Ländern aus. Ist die Wahl Trumps ein Beispiel für eine solche Sehnsucht der konservativen Kräfte in den USA?

Jäckle: Die Wahl Donald Trumps kann in Teilen als eine Entscheidung gegen den politischen Sachverstand und für den Glauben an persönliche Heilsbringereigenschaften interpretiert werden. Das ist allerdings in den USA kein ganz neues Phänomen. Bereits die Wahl Barack Obamas wurde ähnlich interpretiert. Als Ausdruck dieser weltweiten, im Nachhinein muss man wohl sagen übersteigerten Erwartungshaltung an ihn, kann sicherlich der Friedensnobelpreis gewertet werden, den Obama 2009 im ersten Jahr seiner Präsidentschaft erhielt. Auch er wurde als Heilsbringer betrachtet, genauso wie dies bei der Wahl Trumps ebenfalls der Fall war – wenn auch mit Sicherheit von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Hillary Clinton hingegen setzte stets auf ihre inhaltlichen Kompetenzen, wohingegen Trump und auch Obama stärker über ihre jeweiligen Persönlichkeiten bei der Wählerschaft zu punkten suchten. Die beiden Niederlagen Clintons (2008 in den demokratischen Vorwahlen gegen Obama) und 2016 bei den Präsidentschaftswahlen gegen Trump zeigen indes, dass das amerikanische Volk mittlerweile scheinbar mehr auf Persönlichkeit und damit Charisma setzt als auf inhaltliche Qualitäten.

BT: Kann die Sehnsucht nach einer charismatischen Person an der Spitze des Staates als eine mögliche Erklärung für den zunehmenden Aufstieg der Rechtspopulisten gelten?

Jäckle: Das Aufkommen populistischer Strömungen, insbesondere im rechten Lager ist in meinen Augen nicht allein auf einzelne charismatische Persönlichkeiten zurückzuführen. Dies galt in den 1990er Jahren vielleicht für die FPÖ unter dem sehr charismatischen Parteichef Jörg Haider. In der aktuellen Situation spielen einzelne Personen hier aber eine eher untergeordnete Rolle. Gleichwohl bedeutet dies nicht, dass nicht Politiker wie Björn Höcke, denen man durchaus ein charismatisches Auftreten bescheinigen muss, in der Lage sind, gewisse Bevölkerungsgruppen sehr intensiv anzusprechen und auf Parteilinie zu bringen. Daneben finden sich aber gerade an der Spitze der AfD, die als rechtspopulistische Partei eigentlich prädestiniert wäre für charismatische Führerpersönlichkeiten, mit Jörg Meuthen, Alice Weidel und Alexander Gauland drei Personen, denen zentrale Elemente eines solchen Charismas fehlen. Meuthen gelingt es nicht, sein Image als etwas dröger Volkswirtschaftsprofessor abzulegen, Weidel dient allzu offensichtlich ausschließlich als weibliches Aushängeschild der Partei und Gauland kann allein aufgrund seines Alters und seiner teilweise nicht stringenten Ausbrüche ebenfalls nicht als charismatische Integrationsfigur dienen. Insofern ist der Rechtspopulismus, wie er sich aktuell in Deutschland präsentiert, auch nicht primär dem Wunsch nach einem starken Führer entsprungen.

BT: Ist das im Rest von Europa genauso?

Jäckle: Dasselbe gilt zumeist auch für die anderen europäischen Staaten, in denen Rechtspopulisten in den letzten Jahren Gewinne verbuchen konnten. Weder in Frankreich, noch in den Niederlanden oder in Österreich ist der Erfolg der Rechtspopulisten allein oder auch nur vornehmlich auf Marine Le Pen, Geert Wilders oder Heinz-Christian Strache zurückzuführen.

BT: Wie lässt sich der Stimmengewinn für die Rechten in vielen Ländern dann erklären?

Jäckle: Dabei spielen vielmehr ideologische Aspekte eine große Rolle. Insbesondere basieren alle diese Parteien auf der Idee des Nativismus, nach der Staaten eigentlich ethnische Monokulturen sein sollten. Diese Vorstellung gewann mit den steigenden Flüchtlingszahlen des Jahres 2015 in Europa eine große Bedeutung. Welche Persönlichkeit den Parteien vorsteht, spielt hingegen für die meisten Wähler nur eine untergeordnete Rolle.

Sebastian Jäckle. Foto: privat

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Sebastian Jäckle. Foto: privat

Zur Person

Der 36-jährige Sebastian Jäckle hat in München und Venedig Politikwissenschaft studiert und im Anschluss in Heidelberg und Freiburg promoviert. Er arbeitet als Akademischer Rat am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit politischen Eliten, dem Einfluss von Aussehen auf Wahlentscheidungen und den Gründen fremdenfeindlicher Anschläge. In der Lehre versucht er, den Studierenden vor allem die Freuden der Statistik näherzubringen, wie er sagt.

Charismatische Herrschaft in der Wissenschaft

Eingeführt hat den Begriff der deutsche Soziologe Max Weber (1864–1920), der von drei Typen legitimer Herrschaft spricht: Erstens die legale Herrschaft kraft Satzung, zweitens die traditionelle Herrschaft kraft Glaubens an die Heiligkeit der von jeher vorhandenen Ordnungen und eben drittens die charismatische Herrschaft kraft affektueller Hingabe an einen Führer und dessen Charisma. Zentral bei dieser ist Sebastian Jäckle zufolge, dass dem Führer ausschließlich persönlich gefolgt wird und die Herrschaft nur so lange hält, wie die Jünger an seine Führerqualitäten glauben. Es handelt sich um eine revolutionäre, außeralltägliche Herrschaft, die alle bisher geltenden Regeln über den Haufen wirft. Sie wird sie in der Regel nach einer gewissen Zeit erodieren, insbesondere sobald die Person des Führers wegzufallen droht, so Jäckle.

Dieser Artikel ist erstmals im Juli 2018 erschienen. Für die Reihe „Throwback Thursday“ des BT-Instagram-Teams wurde er aus dem Archiv gekramt und aktualisiert.


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