Charme vergangener Tage

Rastatt (sl) – Legendär war das Kaufhaus KD in der Rastatter Kaiserstraße, das vor genau zehn Jahren geschlossen wurde. Sein Vorgänger war das erste Warenhaus in der Barockstadt gewesen.

1892 eröffnete Max Knopf in Rastatt eine „Zweigniederlassung“ des Warenhauses „Geschw. Knopf“ in Karlsruhe. Auf einer über 100 Jahre alten Postkarte ist das Geschäft zu sehen.  Foto: Stadtmuseum Rastatt

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1892 eröffnete Max Knopf in Rastatt eine „Zweigniederlassung“ des Warenhauses „Geschw. Knopf“ in Karlsruhe. Auf einer über 100 Jahre alten Postkarte ist das Geschäft zu sehen. Foto: Stadtmuseum Rastatt

An die knarzende Treppe und den schier unerschöpflichen Warenfundus erinnern sich viele Rastatter noch gut. „Alles außer Lebensmittel und Brillen“, hieß einst ein Werbespruch in den 1950ern. Legendär war das Angebot an Fastnachtsartikeln: Das KD in der Kaiserstraße ist Geschichte – und das nun auch schon wieder seit zehn Jahren.
Iris Baumgärtner, Leiterin des Stadtmuseums, und Stadtarchivar Oliver Fieg haben seinerzeit einige Gegenstände aus dem Firmenbesitz gerettet und bewahren sie für die Nachwelt auf. Handelte es sich beim KD doch immerhin um das erste Warenkaufhaus in der Barockstadt – wenn auch zunächst unter einem anderen Namen.

1892 eröffnete Max Knopf mit seinem Schwager Rudolf Schmoller in Rastatt eine „Zweigniederlassung“ des Warenhauses „Geschw. Knopf“. Das Stammhaus befand sich in Karlsruhe in dem heutigen Karstadtgebäude in der Kaiserstraße und wäre heute 130 Jahre alt, berichtet Iris Baumgärtner. Von der Fächerstadt aus gründete die jüdische Familie Knopf zahlreiche Filialen im südwestdeutschen Raum.

Jüdische Kaufmannsfamilie wird boykottiert

Das Geschäft expandierte, und die zunächst manuell hergestellte Ware wurde auf sogenannte „Manufakturwaren“ aus der Fabrik umgestellt. Dieser Umstand und auch der Großeinkauf für alle Filialbetriebe begünstigte die Preispolitik des Unternehmens. Somit war auch in Rastatt bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine „Warenhauskette“ vertreten, zu einem Zeitpunkt, als die Festungsmauern fielen und Rastatt jedes ansiedlungswillige Gewerbe begrüßte und auch unterstützte, weiß Baumgärtner.

Doch die Zeiten wurden für die jüdische Kaufmannsfamilie zunehmend bedrohlich, als die Nazis an die Macht kamen. Schon am 31. März 1933 wurde die Rastatter Knopf-Filiale von SS-und SA-Leute im Rahmen der in ganz Deutschland organisierten Boykottaktionen gegen jüdische Firmen attackiert und Kunden am Betreten des Kaufhauses gehindert. Die nationalsozialistische Presse hetzte gegen die jüdischen „Großbasare“ und behauptete, Knopf würde schlechte Ware verkaufen und seine Mitarbeiter schikanieren.

Der Druck auf das Unternehmen von offizieller Seite wuchs und die bereits abgeschaffte Warenhaussteuer wurde wieder eingeführt. Die Familie Knopf sah sich schließlich – nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen – gezwungen, die Warenhäuser zu verkaufen. Arthur Knopf ging in die Schweiz, um die dortigen Filialen zu leiten, die noch bis in die 1970er Jahre existierten, beschreibt die Museumschefin das weitere Schicksal.

In Rastatt übernahm der ehemalige Geschäftsführer Kurt Duchâteau 1938 die Filiale der Brüder Knopf. Er und später seine Söhne führten das bei der Bevölkerung sehr beliebte KD, das Kurzwaren aller Art, Textilien und Spielsachen anbot, über 72 Jahre als Familienbetrieb – bis Mai 2010. Das in Rastatt schon zur Legende gewordene, nie modernisierte Einzelhandelsgeschäft mit der knarrenden Holztreppe schloss vor zehn Jahren aus Wirtschaftlichkeitsgründen.

Kay Duchâteau leitete mit seinem Bruder Stefan das KD bis zur Schließung 2010. Einige Erinnerungsstücke wanderten ins Museum.  Foto: Stadtmuseum Rastatt

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Kay Duchâteau leitete mit seinem Bruder Stefan das KD bis zur Schließung 2010. Einige Erinnerungsstücke wanderten ins Museum. Foto: Stadtmuseum Rastatt

An sie erinnert sich wohl jeder, der jemals im KD eingekauft hat: Die knarzende Treppe ins Obergeschoss.  Foto: Stadtmuseum Rastatt

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An sie erinnert sich wohl jeder, der jemals im KD eingekauft hat: Die knarzende Treppe ins Obergeschoss. Foto: Stadtmuseum Rastatt

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Erstellt:
15. Mai 2020, 14:00 Uhr
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