Claus Preiss geht in den Ruhestand

Bühl/Kehl (tas) – Claus Preiss war fast 50 Jahre lang Vorstandschef der Volksbank Bühl. Bei der Digitalisierung des Instituts hat er Maßstäbe gesetzt. Nun geht Preiss in Ruhestand.

Claus Preiss gibt zum Jahreswechsel die Verantwortung für die Volksbank Bühl ab. Foto: privat

© Claus Preiss

Claus Preiss gibt zum Jahreswechsel die Verantwortung für die Volksbank Bühl ab. Foto: privat

Fast 50 Jahre bei ein und demselben Arbeitgeber zu bleiben, ist eine Kunst, die heute nur noch die wenigsten Beschäftigten hinbekommen. Erst recht, wenn es sich dabei um Banker aus der ersten Führungsetage handelt. Claus Preiss ist ein solcher Banker.

Personifiziertes Aushängeschild

Er hat das halbe Jahrhundert bei seinem Arbeitgeber, der Volksbank Bühl, zwar nicht ganz vollgemacht, doch gefühlt ist der Ortenauer schon seit einer halben Ewigkeit das personifizierte Aushängeschild des genossenschaftlichen Instituts, das im kommenden Jahr ohne den quirligen Netzwerker auskommen muss: Zum Jahresende geht Preiss in den Ruhestand.

Als Claus Preiss sich beruflich für die Kreditbranche entschied, gab es das Wort „Banking“ im Deutschen noch gar nicht. Das Geschäft mit dem Geld hatte eine gewissen Beschaulichkeit. Bis zum Jahr 1970 wurden die Belege und Verträge zwischen der Kehler Filiale und der Zentrale der Volksbank Bühl noch mit der damaligen Schmalspurbahn (badisch umgangssprachlich: Endeköpfer), später mit dem Bus hin- und hertransportiert – in den heutigen digitalen Zeiten undenkbar.

„Früher war die Finanzwelt einfacher“

„Früher war die Finanzwelt einfacher. Es gab ein Sparbuch, vielleicht noch Bundesschatzbriefe. Damit war das Thema erledigt. Heute beschäftigen wir uns mit komplexeren Produkten, daran muss sich auch die Arbeitswelt ausrichten“, sagt Preiss, der die Umbrüche aber immer als Chance verstanden hat. „Früher war es schön, heute aber auch. Die Annehmlichkeiten, die die Digitalisierung mit sich bringen, möchte ich nicht missen.“

Früh entdeckte er beispielsweise die Sozialen Medien, um mit Bankkunden in Kontakt zu kommen und ein regional orientiertes Netzwerk zu stricken. 2008 begann die „digitale Lernreise“ des Instituts, ein Jahr später errichtete Preiss zusammen mit seinen Kollegen eine Innovationswerkstatt innerhalb der Bank, um die globalen Megatrends, die sich aus der Digitalisierung ergaben, für die Volksbank Bühl nutzbar zu machen.

Dabei machten die Genossen mit der Bespielung von Facebook, Twitter & Co. nicht Halt. Sie entwickelte eine eigene Crowdfunding-Plattform, um soziale Projekte im Geschäftsgebiet zu unterstützen. Oder die Bank veranstaltete sogenannte Hackathons, bei denen Mitarbeiter aus verschiedene Bereichen für mehrere Tage zusammengezogen werden, um an der Lösung eines konkreten Problems zu arbeiten.

Volksbank schafft es in die „Tagesschau“

Preiss ist überzeugt, dass man den Beschäftigten bei der Umsetzung neuer Ideen vor allem Freiraum verschaffen muss. Kein Wunder also, dass sich Mitarbeiter der Volksbank Bühl auf Digitalveranstaltungen wie der Re:publica in Berlin oder anderen Leitmessen tummeln können, um Ideen für das regionale Geldhaus zu sammeln.

Dass es das vergleichsweise kleine Institut mit seinem digitalen Engagement im Frühjahr 2011 sogar in die „Tagesschau“ und auch in viele deutsche Zeitungen schaffte und im genossenschaftlichen Bankenlager zudem Nachahmer fand – das macht Preiss auch ein bisschen stolz.

Fleiß auch außerhalb der Öffnungszeiten

Das lebenslange Lernen, die Förderung der jungen Talente – das lag dem Kehler stets am Herzen. Denn Preiss gehört zu denjenigen, die selbst immer gerne neue Impulse aufnahmen, um im beruflichen Leben vorwärts zu kommen. Preiss blieb seinem Arbeitgeber dabei aber stets treu. 1973 heuerte er bei der Volksbank Bühl als Auszubildender an, weil ihm die Öffnungszeiten der örtlichen Bankfiliale am Standort Kehl attraktive Arbeitszeiten suggerierten: Von 9 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr geöffnet, stand an der Eingangstür. „Als ich als Jugendlicher einmal in die Bank ging, um mir französische Francs zu holen, fiel mir das Schild auf. Das hat mir so gefallen, dass ich mich dort beworben habe“, sagt er.

Fleiß auch außerhalb der Öffnungszeiten muss Preiss trotzdem an den Tag gelegt haben, denn Stück für Stück und mit den entsprechenden Aus- und Fortbildungen arbeitete sich der Jung-Banker nach oben. 1986 wurde er stellvertretender Leiter der Filiale in Kehl. Zehn Jahre später stieg er zum Filialdirektor auf und erhielt Prokura in der Gesamtbank. 1999 schließlich zog Preiss in den Vorstand ein, den er seit 2002 führt. In diversen Gremien im genossenschaftlichen System ist er landes- und bundesweit ein gefragter Gesprächspartner.

Risiken nehmen nicht ab

Aufgrund der Agilität der Bank, einer klaren Vision von der Zukunft, und auch weil die Bilanzzahlen stets passten, stand Preiss bis zuletzt für die Selbstständigkeit des mittelbadischen Instituts. Ob das angesichts der derzeitigen Fusionsdynamik im deutschen Volksbankenlager nach seinem Ausscheiden auch so bleiben wird, ist ungewiss. Die Risiken in der Branchen nähmen nicht ab, und die Chance, auch auf lange Sicht ausreichend Ertrag zu generieren, würde nicht größer, meint der Ruheständler in spe.

Was macht Claus Preiss ab dem 1. Januar 2022? Eine Harley kaufen, so wie der eine oder andere Ruheständler es macht, muss er nicht. Die hat er bereits. Und auch einen großen Garten, „in dem ich leidenschaftlich gerne arbeite. Langweilig wird es mir auf jeden Fall nicht.“

Ihr Autor

Von BT-Redakteur Tobias Symanski

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Erstellt:
28. Dezember 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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