Corona-Alarm im Gernsbacher Gemeinderat

Gernsbach (stj) – Ein positiv getesteter Verwaltungsmitarbeiter stellt das Hygienekonzept in der Stadthalle Gernsbach auf die Belastungsprobe.

Ein infizierter Rathaus-Mitarbeiter und der Umgang mit dieser Nachricht beschäftigen den Gemeinderat und die Verwaltungsmannschaft. Foto: Stephan Juch

© stj

Ein infizierter Rathaus-Mitarbeiter und der Umgang mit dieser Nachricht beschäftigen den Gemeinderat und die Verwaltungsmannschaft. Foto: Stephan Juch

Bürgermeister Julian Christ ist seit Dienstagmorgen vorsorglich in häuslicher Quarantäne. Er hatte am Vortag Kontakt zu einer positiv getesteten Person. Das gab er unverzüglich bekannt – im Rathaus, bei den Gemeinderäten und der Presse. Dass es sich bei der Kontaktperson um einen Verwaltungsmitarbeiter handelt, der tagsüber im Rathaus gearbeitet und am Montagabend auch an der Gemeinderatssitzung teilgenommen hat, teilte der Schultes aber erst am Mittwochnachmittag mit. Damit sind viele nicht einverstanden.

Christ sieht in dem Sachverhalt, anderthalb Tage mit dieser Information zu warten, kein Versäumnis. Er betont: „Wir nehmen alle Corona sehr ernst.“ Die Risikobegegnung, die er am Montag mit dem betroffenen Mitarbeiter hatte, sei im Rathaus erfolgt. Nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt habe keine Notwendigkeit bestanden, weitere Personen in Quarantäne zu schicken, weil diese allesamt der Kontakt-Kategorie zwei zuzuordnen seien. Das heißt, es handelte sich um Begegnungen mit dem Infizierten, die weniger eng waren und bei denen Hygienemaßnahmen eingehalten wurden. So wie während der abendlichen Gemeinderatssitzung in der Stadthalle. „Das beweist, dass unser Hygienekonzept funktioniert“, betont Christ im BT-Gespräch: Das sei ja genau darauf ausgelegt, dass in einem solchen Fall nicht alle in Quarantäne müssen. „Die Sitzung ist sozusagen ,safe‘“, bestätigt das Landratsamt Rastatt, das bei den Verantwortlichen in Gernsbach kein Fehlverhalten feststellen kann.

Landratsamt: Alles korrekt gelaufen

Das sehen mehrere Gemeinderäte allerdings anders. Einige von ihnen haben am Mittwochnachmittag vom BT erfahren, dass es sich bei der Kontaktperson, wegen derer der Bürgermeister in Quarantäne ist, um einen Verwaltungsmitarbeiter handelt, der auch bei der öffentlichen Sitzung in der Stadthalle war. „Ich kann das absolut nicht nachvollziehen“, ärgert sich Emelie Knöpfle darüber, nicht gleich, also am Dienstagvormittag, informiert worden zu sein. Die junge SPD-Gemeinderätin erinnert in diesem Zusammenhang an den Vorstoß ihrer Fraktion, in Pandemiezeiten Präsenzsitzungen durch Online-Formate zu ersetzen.

Das hätten auch die Grünen bevorzugt, „um genau diesen Fall, der jetzt eingetreten ist, zu verhindern“, wie Birgit Gerhard-Hentschel unterstreicht. So aber haben sich mehr als 60 Personen weit über eine Stunde lang im selben Raum aufgehalten, ohne zu wissen, dass ein Infizierter unter ihnen war. Dass die Fraktionsvorsitzenden erst Mittwochnachmittag davon erfahren haben, hält die Kreisvorsitzende der Grünen auch für zu spät: Wäre sie gleich informiert worden, hätte sie zum Beispiel auf den Besuch bei ihrer Mutter am Tag nach der Sitzung verzichtet. „Wenn Dritte gefährdet werden, geht Gesundheitsschutz vor Datenschutz“, sagt die Juristin zur Begründung des Bürgermeisters, erst nach Vorliegen des PCR-Testergebnisses damit rauszurücken, um wen es sich bei dem Infizierten handelt. Nach dem ersten Schnelltest des Betroffenen am Dienstagfrüh dauerte es bis Mittwochmittag, ehe dieses vorlag.

„Das ist schon ein dicker Hund“, beklagt sich Rudi Seifried über diese Geduld in der Informationskette. Der alte Haudegen der Freien Bürger im Gemeinderat verweist auf die Fürsorgepflicht, die in einem solchen Fall von der Verwaltungsspitze auch gegenüber den Kommunalpolitikern einzuhalten sei. Genauso argumentiert sein Fraktionskollege Walter Schmeiser, der sich sicherheitshalber umgehend zur privaten Schnellteststation auf dem Salmenplatz begab, nachdem er vom BT über den Corona-Alarm im Gemeinderat informiert worden war. Der Ortsvorsteher von Obertsrot-Hilpertsau zeigt sich bezüglich dieser Vorgehensweise des Bürgermeisters „überrascht“, nicht zuletzt weil das Ordnungsamt in Gernsbach eher streng sei, was die Auslegung der Corona-Regeln anbelangt. Schmeiser nennt als Beispiel den kürzlich geplanten Pflanzentauschtag des OGV in Hilpertsau, der trotz umfassenden Hygienekonzepts nicht genehmigt wurde, während eine ähnliche Veranstaltung in Langenbrand problemlos über die Bühne ging. „Das passt irgendwie nicht zusammen.“

Von Für- und Vorsorge: Ein Kommentar von Stephan Juch

Die Verantwortlichen haben sich beim Corona-Alarm in Rathaus und Gemeinderat ans Protokoll gehalten und sich diesbezüglich korrekt verhalten. Das Gesundheitsamt hat nach Rücksprache mit dem positiv getesteten Verwaltungsmitarbeiter einzig Bürgermeister Julian Christ als Kontaktperson der Kategorie eins eingestuft. Deshalb musste auch nur er in Quarantäne. Es wurden zwar weitere Personen genannt, zu denen der Betroffene Kontakt hatte. Weil dieser weniger eng war oder Hygienemaßnahmen eingehalten wurden, brauchten sie aber nicht informiert werden. So weit die Erklärung des Landratsamts und des Bürgermeisters. Jetzt zum Aber. Ein Infektionsrisiko kann auch bei diesen, sogenannten Kontaktpersonen der Kategorie zwei, nicht vollständig ausgeschlossen werden. Von daher wäre es aus Gründen der Vor- und Fürsorge gegenüber den Verwaltungsmitarbeitern im Rathaus und den Teilnehmern der Gemeinderatssitzung angebracht gewesen, sie schnellstmöglich zumindest darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie mit einem positiv Getesteten in einem Raum waren. Damit ließ sich Bürgermeister Julian Christ aber bis Mittwochnachmittag Zeit, weil er die offizielle Bestätigung durch den PCR-Test abwarten wollte. Erst dann erfolgte eine entsprechende E-Mail. Bis die alle gewollten Empfänger gelesen hatten, vergingen ausgehend vom Zeitpunkt des Kontakts circa zwei Tage. Das ist zu lange und passt überhaupt nicht zum sonst so strikten Handeln der Behörden in Sachen Corona. Vergleicht man die Auflagen, die etwa für Vereine, Gaststätten, im Einzelhandel oder beim Friseur gelten, um die Pandemie möglichst effektiv einzudämmen, ist der laxe Umgang in diesem konkreten Fall verständlicherweise für viele schwer nachzuvollziehen.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.