Corona-Auswirkungen auf Nahrungsmittelhersteller

Karlsruhe (BNN) – Süßigkeiten gehen prima in Krisenzeiten, Kantinen-Kost dagegen ziemlich schlecht. Die Nahrungsmittelhersteller der Region sind entsprechend unterschiedlich herausgefordert.

Pizza und Baguette für die Welt: Die Freiberger-Gruppe betreibt in Muggensturm eines der größten Pizza-Werke Europas. Foto: Andrea Fabry

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Pizza und Baguette für die Welt: Die Freiberger-Gruppe betreibt in Muggensturm eines der größten Pizza-Werke Europas. Foto: Andrea Fabry

Das zeigt nicht nur das Beispiel Dr. Oetker – der Familienkonzern schließt seine Ettlinger Produktion.

Es war ein Paukenschlag im noch jungen Jahr für die 190 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im traditionsreichen Ettlinger Werk von Dr. Oetker – der Nahrungsmittelkonzern will die Produktion schließen (wir berichteten). Seit Jahren geht die Nachfrage nach Suppen und Soßen bei Großverbrauchern wie Kantinen und Gastronomie zurück, die in Ettlingen hergestellt werden. Die Corona-Krise mit ihrem Homeoffice-Effekt hat diese Entwicklung nochmals befeuert.

Nicht rechtzeitig gegengesteuert

Der breit aufgestellte Nahrungsmittel-Riese mache es sich dennoch zu leicht, sagt Elwis Capece, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Mittelbaden-Nordschwarzwald (NGG). Die Bielefelder Konzernleitung habe schon vor einigen Jahren den Trend erkannt „und nichts getan, um da gegenzusteuern“. Finanzstark wie Dr. Oetker sei, hätte das Unternehmen durchaus ins Werk Ettlingen investieren können, damit es fit für die Zukunft wird.

„Es ist natürlich sehr bedauerlich, dass der Standort so heruntergefahren wird“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe, Guido Glania, zum Thema Dr. Oetker. Der IHK gehe es nun auch darum, für die Auszubildenden Lösungen zu finden. „Ich bin optimistisch, dass wir da helfen können.“

Soßen und Fertigsuppen würden aber auch von Endkunden – also im Supermarkt – weniger nachgefragt als früher, stellt Gewerkschafter Capece fest. „Da haben sich die Essgewohnheiten der Leute einfach verändert.“

Gefragt seien hingegen Pizza, Baguette & Co aus dem Tiefkühlfach, so Glania und Capece. Glania: „Alles, was an Endverbraucher geht, läuft – was an Gastronomie und Großküchen geht, ist schwierig.“

Süßigkeiten als Seelentröster

Zudem sei festzustellen, dass Hersteller von Essig- und Senfspezialitäten von der Kochleidenschaft vieler Menschen hierzulande profitieren, führt Capece weiter aus. Und Süßigkeiten sind wohl in Krisen-Zeiten ein Seelentröster. „Die Süßigkeiten haben expandiert.“

Diese Trends spiegeln sich auch bei Unternehmen wider, die in der Region Nahrungsmittel herstellen. Für diese Recherche wurden bewusst Getränkehersteller sowie (Groß-)Bäckereien ausgenommen. Es bestehen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – folgende größere und großen Unternehmen:

Müller Fleisch aus Birkenfeld – das Unternehmen stand 2020 wegen eines Corona-Ausbruchs massiv in der Kritik. Ein Wettbewerber ist Edeka Südwest Fleisch in Rheinstetten, der sich auf die Zerlegung spezialisiert hat.

Teil des Südzucker-Konzerns ist die Berliner Freiberger-Gruppe. Sie betreibt in Muggensturm eines der größten Pizzawerke Europas. „Die hatten im vergangenen Jahr sogar einen Peak nach oben und halten sich auf einem guten Niveau“, sagt Capece.

Nudel-Geschäft läuft gut

Gut läuft grundsätzlich nach seiner Kenntnis auch das Nudel-Geschäft: Hier sind Zabler in Bruchsal („Hochzeit-Nudeln“) und Jeremias in Birkenfeld zu nennen – wobei Jeremias den Schwerpunkt auf Großkunden als Abnehmer hat und daher speziell herausgefordert ist.

Die Vibema GmbH (Linkenheim-Hochstetten) zählt zu den größten italienischen Teigwarenproduzenten in Deutschland. Sie ist auf die Herstellung frischer und gefüllter Pasta wie Tortellini, Tortelloni und Ravioli spezialisiert. Seit fast vier Jahrzehnten beliefert das Ettlinger Unternehmen Zia Pina Gastronomen und Großhändler mit Pasta.

Feldmann (Karlsruhe) und Balema (Kehl) produzieren Essige. Ein Spezialist ist auch die Schwarzwaldmilch mit ihrem Werk in Offenburg: Dort werden Flüssigkeiten getrocknet und das Pulver weltweit zu Kunden – etwa in der Backwaren- und Süßigkeitenindustrie – geliefert.

Marzipan stellt das Karlsruher Traditionsunternehmen Kondima her. „Die profitieren davon, dass Süßigkeiten insgesamt boomen“, sagt Capece.

Zu nennen wäre auch noch der Baby-Gläschenkost-Hersteller Sunval aus Waghäusel. Er produziert Eigenmarken, beispielsweise für namhafte Drogerieketten, und gehört seit einigen Jahren zum Branchenriesen Deutsches Milchkontor.

200 Betriebe im Ernährungsgewerbe

Nach Glanias Angaben gibt es allein im Bezirk der IHK Karlsruhe fast 200 Betriebe im Ernährungsgewerbe – das ist eine erkleckliche Zahl, zumal viele beim Stichwort Technologieregion vor allem an IT-Dienstleister und Automotive denken.

Verschwunden sind in den vergangenen Jahren einige traditionsreiche Produktionsstätten in der Region: Dazu zählt die 1969 gegründeten Zuckerwarenfabrik Egon Hirsch („Hirsch Lolly“) in Oberderdingen – die Herstellung wurde dort Mitte 2015 beendet.

Die Eigentümer von Ragolds Süßwaren (Karlsruhe) haben ihre Marken („Rachengold“, „Atemgold“) an die August-Storck-Gruppe verkauft und Ende 2005 das Unternehmen geschlossen.

Geschichte ist ebenso die Zuckerfabrik Waghäusel, deren Gründung ins Jahr 1837 reicht. Der Südzucker-Konzern schloss sie 1995. NGG-Geschäftsführer Capece erinnert zudem an die früheren Werke des Tiefkühlspezialisten TMF („Iceline“) in Karlsruhe und Remchingen.

Einen großen Kampf hatten die Gewerkschafter und der streitbare Betriebsratsvorsitzende Rainer Gerspach mit dem Nestlé-Konzern ausgefochten, als es um dessen Thomy-Werk in Karlsruhe ging. Es war dem Schweizer Lebensmittel-Multi nicht rentabel genug – und wurde 2001 dichtgemacht.


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