Corona-Blues im Gernsbacher Mädchenheim

Gernsbach (vgk) – 13 Wochen hatten die Bewohnerinnen des Gernsbacher Mädchenheims kaum Möglichkeiten, das Gelände zu verlassen. Auch sonst bringt Corona für die Einrichtung viele neue Hürden mit sich.

Dem Corona-Blues keinen Raum lassen: Aus Paletten bauen die Bewohnerinnen des Mädchenheims in Gernsbach Möbel. Foto: Veronika Gareus-Kugel

© vgk

Dem Corona-Blues keinen Raum lassen: Aus Paletten bauen die Bewohnerinnen des Mädchenheims in Gernsbach Möbel. Foto: Veronika Gareus-Kugel

„Aufgrund der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus und der damit verbundenen Kontaktsperren können wir momentan keine Besucher in der Einrichtung empfangen.“ Dieser Hinweis des Evangelischen Mädchenheims Gernsbach ziert derzeit so oder leicht abgewandelt viele Webseiten von Einrichtungen, in denen Menschen betreut werden.

Der Lockdown im Frühjahr hat die 27 Mädchen des Heims schwer getroffen. Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Die Schulen wurden geschlossen, die bisherigen Tagesstrukturen hatten keinen Bestand mehr.

Kaum aus der Skifreizeit Ende Februar in Österreich zurück, war Schluss mit lieb gewordenen Traditionen und Gewohnheiten. Von da an bestimmte der Lockdown den Alltag der Jugendhilfeeinrichtung. Die beliebte Pfingstfreizeit fiel ebenfalls dem Virus zum Opfer. Eine Adventfeier mit Theaterspiel, Kaffee und Kuchen wird es auch nicht geben.

Jugendhilfe wurde schlicht vergessen

Für die Zehn- bis 21-Jährigen begann eine schwierige Zeit, sagte rückblickend Einrichtungsleiterin und Geschäftsführerin Ute Zächelein. Im Eiltempo mussten IT-Infrastruktur aufgerüstet, Lerngruppen und Tablets organisiert werden, da es nicht genügend Endgeräte gab. Der Unterrichtsausfall musste kompensiert werden.

Was für sich schon eine Herausforderung darstellte, bekam für die Heilpädagogen eine ganz neue zusätzliche Dimension. Diese hatten mit dem Unterrichtsmaterial von sechs Schulen und noch mehr unterschiedlichen Lernkonzepten zu kämpfen. Schon allein, alle ankommenden E-Mails zu sortieren und den richtigen Empfängern zuzuleiten, verursachte einen erheblichen Aufwand. Vieles musste neu gedacht und vernünftige Tagesstrukturen frisch aufgebaut werden. In der Praxis bedeutete dies, dass das WLAN-Netz des Mädchenheims schnell überfordert war. Hinzu gesellten sich widersprüchliche Regeln vom Amt.

Auch die Dienstpläne mussten neu geschrieben werden. Für einzelne der Jugend- und Heimerzieherinnen oder Heilpädagogen stand plötzlich die Betreuung der eigenen Kinder im Vordergrund, Mitarbeiter blieben zu Hause. Als Grund erzählte Zächelein dem BT, dass der Gesetzgeber zu Beginn der Pandemie bei der Ausweisung systemrelevanter Berufe schlicht die Jugendhilfe vergessen habe. Diese Berufsgruppe hatte somit zunächst keinen Anspruch auf eine Notbetreuung ihrer Kinder. Ein Umstand, der erst nachträglich korrigiert wurde. Es musste deshalb mit dem vorhandenen Personal mehr Zeit abgedeckt werden, erläuterte Zächelein die Schwierigkeiten. Um dem Corona-Blues innerhalb des Kosmos Mädchenheims keinen Raum zu lassen, organisierten die Betreuer Waldspaziergänge und entwarfen umfassende Freizeitprogramme.

Unter anderem wurden Paletten-Möbel gebaut und der Umgang mit Maske und Abstand geübt. „Unsere Mädchen haben sich optimal auf die Corona-Umgangsformen vorbereitet“, sagte Erziehungsleiterin und stellvertretende Einrichtungsleiterin Stefanie Franz nicht ohne Stolz. Freunde der Einrichtung begannen Masken zu nähen, um die Jugendlichen mit je drei Gesichtsmasken auszurüsten.

13 Wochen hatten die Mädchen kaum Möglichkeiten, das Heimgelände zu verlassen. Umso mehr Bedeutung wurde den Smartphones beigemessen. Der Transfer in die Wirklichkeit fand in der Weise statt, dass man mit den Jugendlichen auch den Supermarkt ansteuerte, um zu zeigen, dass überall nichts geht. Die Mädchen haben sich sehr darüber gefreut, wieder in die Schule gehen zu dürfen, führte Zächelein weiter aus. Auch habe man ihnen mehr freie Zeit eingeräumt, die sie mit ihren Familien verbringen durften.

Als weiteren Corona-Effekt bezeichneten Zächelein und ihre Stellvertreterin Stefanie Franz ausbleibende Bewerbungen von Studierenden auf der Suche nach einem Praktikumsplatz. Auch konnte festgestellt werden, dass die Jugendämter nicht in vollem Umfang arbeiteten. Es gab keine prall gefüllten Wartelisten, wie sonst im Frühsommer, wie die Einrichtungsleiterinnen darlegten.

Wie es jetzt weiterzugehen hat, das entscheiden die Infektionszahlen. „Erst mal haben wir die nächste Freizeit im März 2021 abgesagt. Ebenfalls gehen wir mit den Mädchen ins Gespräch, um ihnen die Kontaktbeschränkungen darzulegen. Festzustellen war jedoch, dass diese schon alles parat haben. Auch hoffen wir, dass die Schulen durchhalten werden“, betonte Zächelein.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.