Corona-Einschränkungen Fluch und Segen zugleich

Rastatt (red) – Die außergewöhnliche Situation aufgrund der Corona-Pandemie hat nach Einschätzung der Psychologischen Beratungsstelle im Landratsamt zu erwartbaren Belastungen und Problemen geführt, aber auch positive Veränderungen angestoßen.

 Foto: Henning Kaiser/dpa

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„Das Bild ist vielfältig und facettenreich“, zieht Johannes Baumann eine erste Zwischenbilanz. Er leitet die Beratungsstelle, die ihr Angebot den Gegebenheiten angepasst hat. Im Hinblick auf die Auswirkungen der pandemiebedingten Einschränkungen auf Familien und junge Menschen ergibt sich nach den ersten Beobachtungen der Fachleute im Rahmen der Beratungsarbeit ein widersprüchliches Bild: Manche Familien erleben erhebliche zusätzliche Belastungen, in anderen Fällen scheint die Situation zu positiven Entwicklungen beizutragen. Zusammengefasst die wesentlichen Aspekte:

Fehlende Unterstützung von Kindern mit Schulleistungs- und Sprachproblemen: Dies wertet die Beratungsstelle als „sehr problematisch und folgenschwer“ besonders für Kinder im Grundschulbereich, deren Eltern beim Homeschooling nicht helfen können und die erheblich in Rückstand geraten. Insbesondere Kinder aus benachteiligten Familien haben in der Zeit der geschlossenen Spielplätze, Kitas und Schulen einen hohen Preis bezahlt: Mangelnde Bewegungsmöglichkeiten, ungenügende Förderung, Entwicklungseinschränkungen.

Alleinerziehende: Leiden unter erhöhtem Stress und haben teilweise Überlastungssymptome durch fehlende Kinderbetreuung und Doppelbelastung durch Beruf und Kinderbetreuung. Dies zeigt sich auch bei einigen Familien mit der Folge von eskalierenden Konflikten und Verhaltensproblemen der Kinder.

Reduzierung und Lösung von Konflikten: In einer Reihe von Familien führte reduzierter Leistungsdruck für Kinder (kein Unterricht) und Eltern (im Beruf) zu deutlicher Entspannung, was die Häufigkeit von Konflikten redzierte. Bei manchen Familien ermöglichte ein vermehrtes häusliches Zusammensein die Lösung von lange „verschleppten“ Konflikten, weil die Beteiligten sich nicht mehr aus dem Weg gehen konnten. In anderen Fällen führte die Situation zu Trennungen, was auch eine Lösung sein kann.

Getrennte Eltern: In manchen Familien mit getrennten Eltern hatte der getrennt lebende Elternteil, meist der Vater, mehr Zeit für sein Kind. In einigen Fällen war das sehr positiv, in anderen führte es zu mehr Auseinandersetzungen zwischen getrennten Eltern.

Fehlendes soziales Umfeld: Einige Kinder mit Problemen in Schule und sozialem Umfeld konnten sich zu Hause vom Stress mit Gleichaltrigen entspannen, während andere in der beengten Situation erst recht Verhaltensprobleme entwickelten.

Computerspiele: Fluch und Segen von Computerspielen und Internet wurden noch deutlicher als sonst: Die Risiken, die mit dem Missbrauch von digitalen Medien durch Kinder und Jugendliche einhergehen, sind durch die Corona-Situation gestiegen. In vielen Fällen konnten diese Medien allerdings auch helfen, Langeweile und Stress in der Familie zu überbrücken.

Psychische Belastungen: Nachdem Familien die fehlende Kindertagesbetreuung einige Zeit kompensieren konnten, häufen sich – insbesondere bei vorbelasteten Familien – die negativen Folgen und führen bisweilen zu massiven gesundheitlichen und psychischen Krisen. Dies kann etwa passieren, wenn eine psychisch erkrankte Mutter mit einem sehr unruhigen Säugling durch die Kita-Schließung keine Entlastung mehr bei der Betreuung des Geschwisterkindes hat und so massive Belastungssymptome entwickelt, dass ihr Arzt die Einweisung in eine psychiatrische Klinik erwägen muss.

Die Beratungsstelle hat ihre Arbeit der Corona-Pandemie angepasst und mehr Beratungen über Telefon oder online angeboten. Die Beratungsstellen und der Fachdienst Frühe Hilfen sind seit 20. April wieder für den Kundenverkehr geöffnet. Die Gruppenangebote für Kinder und Jugendliche sind jedoch noch ausgesetzt.

Not macht zudem erfinderisch, wie der „Beratungsspaziergang“ zeigt: Darüber freuen sich manche Familien, denen die Beratungsstelle keinen Hausbesuch anbieten kann (wenn kleine Kinder keine Abstandsregeln einhalten können). Stattdessen können sich Beraterin und Klientin beim Spaziergang in einer ruhigen Straße oder in Wald, Wiese oder Park mit dem gebotenen Abstand beraten (wenn Unbefugte nicht mithören können und der „Beratungsspaziergang“ gewünscht wird).

Infos und Zugang zu den Online-Diensten der Beratungsstelle gibt es auf der Homepage www.landkreis-rastatt.de, Button Onlineberatung auf der Startseite, und unter „Jugend und Familie“.


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