Corona-Impfung für Kinder: Teils eine Abenteuerreise

Karlsruhe (BNN) – Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Corona-Impfung für Fünf- bis Elfjährige mit Vorerkrankungen. Die Suche nach dem Impftermin mutet aber weiter teils abenteuerlich an.

Laut der Stiko-Empfehlung können Fünf- bis Elfjährige geimpft werden, sofern sie eine Vorerkrankung haben. Es geht aber auch auf besonderen Wunsch der Eltern oder des Kindes. Symbolfoto: Jan Woitas/dpa

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Laut der Stiko-Empfehlung können Fünf- bis Elfjährige geimpft werden, sofern sie eine Vorerkrankung haben. Es geht aber auch auf besonderen Wunsch der Eltern oder des Kindes. Symbolfoto: Jan Woitas/dpa

Beim Versuch, einen Corona-Impftermin für ihre fünfjährige Tochter zu bekommen, hat sich Aileen Weingardt aus Rheinstetten manchmal gefühlt, als würde sie etwas Verbotenes wollen. „Unser Kinderarzt hat gesagt, dass er nicht impft, solange es noch keine Empfehlung der Stiko gibt“, berichtet die Mutter.

Seit die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) Ende November zur Zulassung des Impfstoffes auch für Kinder zwischen fünf und elf Jahren geraten hatte, sind die Weingardts auf der Suche nach einem Impftermin. Bislang allerdings ohne Erfolg. An diesem Donnerstag nun hat sich die Ständige Impfkommission (Stiko) zu Wort gemeldet und ihre Covid-19-Impfempfehlung aktualisiert. Demnach empfiehlt sie Kindern im Alter von fünf bis elf mit Vorerkrankungen die Impfung. „Bei individuellem Wunsch können auch Kinder ohne Vorerkrankung geimpft werden“, heißt es weiter.

Kinderärzte hatten Empfehlung für besonders gefährdete Kinder erwartet

Eine solche Empfehlung mit Einschränkung war von vielen Kinderärzten erwartet worden. „Wichtig ist aber, dass es jetzt überhaupt eine Empfehlung gibt“, sagt Helga Wobig. Die Kinderärztin mit Praxis in Weingarten ist gleichzeitig auch die Obfrau des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) für den Raum Karlsruhe. Obwohl sie es hätte tun dürfen, wurden in ihrer Praxis bislang keine Kinder unter zwölf Jahren gegen Corona geimpft. Sie habe erst die Stiko-Empfehlung abwarten wollen. „Nachdem sie nun da ist, impfen wir auf jeden Fall.“

Für viele impfwillige Kleinkind-Eltern bringt die gerade veröffentlichte Verlautbarung vorerst aber wohl noch nicht das ersehnte Happy-End. Vor Weihnachten wird es voraussichtlich auch bei den Weingardts nichts mehr werden. Wer die Stichwörter Impfen, Kinder und den Wohnort in eine Internet-Suchmaschine eingibt, wird schnell bei einer Seite namens „U12-Schutz.de“ fündig. Dahinter verbirgt sich ein Zusammenschluss von ehrenamtlichen Helfern, Ärzten, Eltern, Lehrern und Erziehern, die sich für die Impfung unter zwölf Jahren stark machen.

„U12-schutz.de“ vermittelt begehrte Impftermine

Wer den Wunsch nach einer Impfung für seine kleinen Kinder hat, kann sich hier auf eine Liste setzen lassen. Sobald ein Termin in der Nähe bekannt gegeben wird, vermitteln die Helfer von „U12-Schutz“ die Termine. Fast 42.000 impfwillige Eltern stehen derzeit auf der Warteliste. Trotz der neuen Stiko-Empfehlung glaubt Netzwerk-Sprecherin Paula nicht, dass ihr Angebot jetzt überflüssig wird. Sie fürchtet ohnehin Lieferengpässe beim speziell abgefüllten Kinder-Impfstoff.

Nach einer abenteuerlichen Impfodysee für ihre eigenen Kinder entschied Paula, anderen Eltern bei der Suche zu helfen. Sie schloss sich einer Elterninitiative an und wurde seitdem zur Expertin in Sachen Kinderimpfungen. Obwohl „U12-Schutz.de“ nichts Verbotenes tut, mag Paula ihren Namen nicht nennen. Das hat zum einen mit vehementen Impfgegnern zu tun, zum anderen aber auch mit dem riesigen Interesse an Terminen.

Zwei Karlsruher Ärzte haben schon Off-Label geimpft

„Wir geben keine Namen preis, auch nicht die der Ärzte, die schon impfen“, erklärt Paula. Aber es gibt sie. „Wir haben zum Beispiel auch zwei Kinderärzte aus Karlsruhe mit im Boot.“ Wer allerdings den Fehler mache, das zu kommunizieren, habe keine Zeit mehr für etwas anderes. „Die Praxen werden dann regelrecht überrannt“, berichtet Paula.

Auch ohne Stiko-Empfehlung: 50 bis 60 Ärzte in Deutschland haben nach Schätzungen von „U12-Schutz.de“ bislang bereits mindestens 20.000 Kinder unter zwölf Jahren geimpft. Bei den so genannten Off-Label-Impfungen entnehmen die Ärzte einem Biontech-Fläschchen ein Drittel der Dosis für Erwachsene, also 0,1 Milliliter. „Die kleine Dosis exakt aufzuziehen, ist schwer“, weiß Paula. Anders als in Österreich hatte sich der Bund hierzulande geweigert, die Haftungsrisiken zu übernehmen. Auch das war ein Grund, warum die meisten Kinderärzte auf die Empfehlung und die Kinder-Ampullen warten wollten.

Landessozialminister Lucha begrüßt die Empfehlung

Der baden-württembergische Sozialminister Manne Lucha (Grüne) begrüßte die Empfehlung der Stiko. „Das ist ein wichtiger Schritt für die weitere Bekämpfung der Pandemie.“ Bereits im November habe sich das Land entsprechend vorbereitet und das Aktionsbündnis Kinder-Impfung ins Leben gerufen. Die Beteiligten hätten sich darauf geeinigt, sofort mit den Impfungen für Kinder zu beginnen, sobald der dafür notwendige Impfstoff eintrifft und eine Stiko-Empfehlung vorliegt.

Nach Angaben des Bundes sind am 13. Dezember schon rund 300.000 Kinderimpfdosen für Baden-Württemberg zu erwarten, eine weitere Lieferung solle im Januar folgen. „Darauf verlassen wir uns, die Kinderärztinnen und –ärzte werden noch vor Weihnachten mit den Impfungen starten können“, so Lucha. Paula allerdings hat ihre Zweifel. „Am 13. Dezember wird Biontech den Stoff an die Großhändler geben. Über die Apotheken gelangen die Fläschchen dann erst in die Praxen. Frühestens am 15. Dezember wird überhaupt ein Arzt die neuen Flaschen im Kühlschrank haben“, meint sie. Weitere Verzögerungen nicht ausgeschlossen.

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