Corona-Infektionen bislang kein Thema

Rheinstetten (sj) – Die Wohnsituation der Werkvertragsmitarbeiter des Edeka-Fleischwerks rückt zunehmend in den Fokus. Der Konzern betont: Hygiene und Arbeitsschutz haben „oberste Priorität“.

Seit 2011 ist das Fleischwerk direkt hinter der Karlsruher Messe in Betrieb: Von dort werden rund 1200 Edeka-Märkte im Südwesten versorgt. Foto: Jehle

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Seit 2011 ist das Fleischwerk direkt hinter der Karlsruher Messe in Betrieb: Von dort werden rund 1200 Edeka-Märkte im Südwesten versorgt. Foto: Jehle

Die Namen klingen so, als ob hier überwiegend Polen wohnen: Anna, Malgorzata, Agneszka, Elzbieta steht auf den Briefkästen, 17 der 31 Namen sind die von Frauen. „prywatna“ steht noch da, zu Deutsch: „privat“. Es ist eine von mehr als einem Dutzend Massenunterkünften in der Gemeinde Durmersheim – von Mitarbeiterinnen einer Leiharbeitsfirma, die knapp zehn Kilometer weiter nördlich in einem Fleischwerk des Lebensmittelkonzerns Edeka arbeiten.

Das Werk liegt am Rande des Gewerbegebiets „Neue Messe“ Rheinstetten, am südlichen Stadtrand von Karlsruhe. Und blieb bislang – glaubt man den Behörden – von der Corona-Krise verschont.

Hygiene und Arbeitsschutz hätten „oberste Priorität“ versichert ein Sprecher des Edeka-Konzerns in Offenburg, man halte sich an die vorgegebenen Standards und habe „entsprechende Maßnahmen“ ergriffen. Welche das sind, lässt er offen. Infektionen mit dem Corona-Virus sind bislang kein Thema im größten Einzelbetrieb für Fleisch- und Wurstverarbeitung im Südwesten, der 1200 Filialen beliefert.

Im Fokus der Gemeinde Durmersheim

Die Wohnsituation der Arbeiterinnen und Arbeiter im Fleischwerk – das keine eigene Schlachterei betreibt, dafür aber Fleisch und Wurstwaren verarbeitet und verpackt – steht freilich im Fokus der Gemeinde Durmersheim. Dort, wo der Briefkasten mit den 31 Namen an einem Zweifamilienhaus hängt – als nur ein Beispiel von mehreren.

„Wir haben eine Verdachtsliste mit 17 Objekten in Durmersheim und gehen von einer Dunkelziffer aus“, sagt der Bürgermeister der 12000 Einwohner-Gemeinde, Andreas Augustin (CDU). Er geht von 20 (oder mehr) Wohnungen aus, in denen – unter vergleichbaren Umständen – das Personal des Fleischwerks untergebracht ist. Das war schon des Öfteren Thema im Gemeinderat. Bei Augustins Worten klingt durch, dass ihm bei der Entwicklung unwohl ist.

„Ausbeutung im Niedriglohnsektor, Abzocke beim Wohnen“

In der nördlich gelegenen Nachbarstadt Rheinstetten, dem Standort des Fleischwerks, ist von einer solchen Zahl an Massenunterkünften nichts bekannt. Vermutlich weil dort, noch direkt im Speckgürtel von Karlsruhe gelegen, die Mieten höher liegen.

Man muss das Zweifamilienhaus in Durmersheim nicht betreten haben, um sich ausmalen zu können, wie eng aufeinander die 31 Personen dort wohnen. Der im Ort beheimatete Rastatter Kreisrat Dieter Balle (Linke) hat zusammen mit dem Karlsruher Kreisratskollegen Martin Behr aus Rheinstetten versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, und hat Unterkünfte aufgesucht. Bei einer öffentlichen Kundgebung am 13. Juni wetterte Balle: Die dort einquartierten Werkvertragsarbeiter würden „doppelter Ausbeutung unterliegen“. Zur Ausbeutung im Niedriglohnsektor käme „die Abzocke beim Wohnen“. In Vierbettzimmern würde nach seiner Kenntnis „bis zu 20 Euro pro Nacht“ verlangt.

Oft würden die von Edeka beauftragten Subunternehmerfirmen auch nach nationalen Prioritäten arbeiten, sagt Balle. So sei die in Rheinstetten tätige polnische Firma „meat-pros“ derzeit hauptsächlich mit polnischen und ungarischen Arbeitskräften unterwegs, die rumänische Firma „EMA“ beschäftige vorwiegend Rumänen. Edekas Dienstleister auf Werkvertragsbasis seien für ihre Arbeiter so etwas „wie Vollversorger“: Sie besorgen nötige Papiere, den Transport nach Deutschland, den Arbeitsplatz, die Wohnung, den Pendel-Transport zur Arbeit und Arbeitskleidung. Balle nennt das „mafiöse Zustände, die mit deutschem Arbeitsschutzrecht oder Wohnrecht schwer in Einklang zu bringen sind“.

„Für diese Arbeit findet sich kaum jemand“

Bei der Demo am 13. Juni war auch Edeka-Geschäftsführer Andreas Pöschel zugegen. „Wir haben mit einer Kampagne öffentlichkeitswirksam aktiv Mitarbeiter hier aus der Umgebung gesucht. Aber für diese Arbeit – Zerlegung, Produktion, Verpackung und Füllerei – findet sich schlicht kaum jemand.“ Das bestätigt auch Unternehmenssprecher Christhard Deutscher von der Edeka-Zentrale Südwest in Offenburg. Insgesamt seien derzeit rund 1400 Mitarbeiter in dem Betrieb in Rheinstetten beschäftigt, davon rund 450 über Werkverträge, sagt Deutscher. Mit welchen Werkvertragsunternehmen Edeka arbeitet – dazu schweigt Deutscher.

Bei der Karlsruher Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ging man zuletzt noch von 535 Arbeitern aus, die bei Edeka in Rheinstetten über diverse Sub-Unternehmen beschäftigt sind. NGG-Geschäftsführer Elwis Capece war einer der Redner auf der Samstags-Demonstration. Die Unterbringung der Menschen ist Capece schon lange ein Dorn im Auge ( siehe „Zum Thema“).

Die Situation der Beschäftigten in Rheinstetten steht verstärkt im Fokus, seitdem im Großbetrieb Müller Fleisch in Birkenfeld (Enzkreis) Fälle von Corona-Infektionen aufgetreten sind. Für das Fleischwerk bei Karlsruhe sind Infektionen bislang kein Thema.

Behörde hat Adressen der Unterkünfte

Weder Edeka selbst noch das Gesundheitsamt beim Landratsamt Karlsruhe oder das für den Bereich Arbeitsschutz zuständige Regierungspräsidium, sahen bislang Anlass „für flächendeckende Tests der Mitarbeiter“. Auch in Rheinstetten werde, sagt Deutscher, neben Fleisch von vielen verschiedenen Lieferanten, auch Fleisch der Firmenkette Müller verarbeitet.

Ein Sprecher des Karlsruher Landrats bestätigt: „Hinweise auf positive Corona-Fälle aus dem Fleischwerk hat das Gesundheitsamt bislang nicht. Maßnahmen zur Gefahrenabwehr können erst im Fall eines konkreten Verdachts angeordnet werden.“ Als das mit Abstand „größte fleischproduzierende Unternehmen im Landkreis“ stehe das Fleischwerk freilich im besonderen Fokus, auch die „dauernde Eigenkontrolle des Betriebs“ sei sichergestellt. Für die Unterbringung der Mitarbeiter sei das Landratsamt aber „nicht zuständig“.

RP hat Arbeitsschutz im Blick

Das im Bereich des Arbeitsschutzes aktive Regierungspräsidium sagt dazu auf Anfrage: „Für eine Überprüfung der Unterkünfte der Mitarbeiter der Fleischwerke und Schlachthöfe durch das Regierungspräsidium Karlsruhe als zuständige Arbeitsschutzbehörde gibt es keine Rechtsgrundlage“, so eine Sprecherin. Es seien jedoch „bereits im April die Adressen der Unterkünfte ermittelt worden, um auf Anfrage der zuständigen Gesundheitsämter schnell Auskünfte erteilen zu können“. Diese Mitarbeiter – nach Angaben von Edeka rund 450 – so sagt Konzernsprecher Deutscher, würden „verteilt auf zahlreiche Wohngemeinschaften und teilweise in Hotels im Raum Karlsruhe wohnen“. Sie hätten außerdem einen Vertrag nach deutschem Arbeitsrecht und „seien in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt“.

Der Durmersheimer Bürgermeister Augustin will am Thema dran bleiben, möchte sich aber „aufgrund der laufenden Aktivitäten“ nicht im Detail äußern.

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Erstellt:
23. Juni 2020, 18:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 53sec

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