Corona-Jahrgang bekommt Abitur nicht geschenkt

Bühl (nad) – Schülerinnen aus Bühl erzählen über ihr Abschlussjahr im Windeck Gymnasium. Das Abi-Motto lautet: „Die Schule war öfter dicht als wir“.

Erleben ein etwas anderes Abschlussjahr: Sonja Gleike, Sophia Rapp, Celina Maier und Giulia Russo (von links). Foto: Natalie Dresler

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Erleben ein etwas anderes Abschlussjahr: Sonja Gleike, Sophia Rapp, Celina Maier und Giulia Russo (von links). Foto: Natalie Dresler

Derzeit läuft die letzte Schulwoche am Windeck Gymnasium für 69 Schüler des diesjährigen Abiturjahrgangs. Eigentlich würden die Abiturienten jetzt ausgelassen feiern, einen lustigen „Abi-Streich“ an der Schule vorbereiten und den Koffer für den lange geplanten Partyurlaub packen. Doch dieses Jahr ist alles anders. Der „Corona-Jahrgang“ – digitaler Lernstress und ständiges Abwägen zwischen Spaß und Verantwortung.

„Abi 2021 – Die Schule war öfter dicht als wir“ – so lautet das diesjährige Abimotto der Abschlussklasse. Und das Motto ist Programm: Gut die Hälfte ihres letzten Schuljahres haben die Jugendlichen zu Hause verbracht statt in der Schule, da diese aufgrund der Corona-Verordnungen mehrere Monate geschlossen bleiben musste. So mussten sich die Abiturienten bis Februar digital mit Online-Unterricht auf die Abschlussprüfungen im Mai vorbereiten.

„Es ist doch das letzte Jahr mit all den Leuten“

Doch „Homeschooling“ bringt laut der Abiturientin Celina Maier Schwierigkeiten mit sich, die vielen nicht bewusst sind: technische Probleme, kein Austausch mit den Mitschülern und keine gegenseitige emotionale Unterstützung in dieser kräftezehrenden Zeit. Noch dazu der fehlende Ausgleich in der Freizeit, der aufgrund von Kontaktbeschränkungen schlicht nicht möglich war. „Freitagabends saß ich zu Hause und habe gelernt, statt auf irgendeiner Party mit meinen Mitschülern diese besondere Zeit zu feiern und dem Lernstress zu entkommen“, erzählt die 18-Jährige. „Es ist aber doch das letzte Jahr, das man mit all den Leuten gemeinsam hat.“

Sich nach mehreren Stunden digitalem Unterricht dann überhaupt noch für weitere Vorbereitungen zu motivieren, ist der Schülerin und ihren Freundinnen Sophia Rapp, Giulia Russo und Sonja Gleike schwergefallen. Per WhatsApp hat man sich dann abends gegenseitig angespornt und den Stoff auch noch einmal gemeinsam wiederholt.

Kein persönlicher Austausch

Doch der persönliche Austausch hat den vier Schülerinnen gefehlt. Sowohl mit den Mitschülern als auch mit den Lehrern – auch wenn die Mehrheit von ihnen immer gut erreichbar war, um noch offene Fragen zu klären. Auch Schulleiterin Andrea Körner war laut Aussagen der Schülerinnen stets engagiert und ist den Sorgen der Abschlussklasse mit viel Empathie entgegengekommen.

Nachdem von Februar bis Mitte April wieder Präsenz-Unterricht stattfinden konnte, wurden die Abiturienten in eine sogenannte zweiwöchige „Lern-Quarantäne“ geschickt, um die Kontakte zu reduzieren und so das Risiko auf eine Ansteckung zu verringern. Es gab für die Prüfungen im Mai zwar keine Testpflicht, dennoch war unter den Schülern die Angst groß, aufgrund von einer Ansteckung oder weil man Kontaktperson war, die Prüfungen im September nachholen zu müssen.

30 Minuten mehr für die Prüfung

Besonders leichte Prüfungen gab es trotz der außergewöhnlichen Situation nicht. Lediglich 30 Minuten mehr Zeit wurde den Abiturienten zugesprochen und die Lehrer hatten wohl „etwas mehr Spielraum“ bei der Auswahl der Prüfungsaufgaben.

„Ich finde es traurig, dass wir einfach als Corona-Jahrgang abgestempelt werden“, beklagt Giulia Russo. Aussagen wie „Ihr kriegt das Abitur ja sowieso geschenkt“ kann sie nicht mehr hören. Denn sie und ihre Freundinnen sind sich einig: Ihre Prüfungsphase war keinesfalls leichter als in den vorherigen Jahren. Die psychische Belastung durch wochenlange Isolation und fehlende abitypische Ereignisse sollte nicht außer Acht gelassen werden. So fand für die diesjährigen Schulabgänger keine sonst übliche Studienfahrt mit den Lehrern statt, die Mottowoche gab es nur in kleinem Stil und mit Maskenfotos, und auch einnahmebringende Events wie das Windeck-Barbecue oder die sonst üblichen Kuchenverkäufe in der großen Pause sind ausgefallen.

Abi-Ball findet als Open Air statt

Eine positive Überraschung für die Schüler: Der Abi-Ball darf am 27. Juli stattfinden. Zwar nicht traditionell im Bürgerhaus Neuer Markt, dafür aber mit Familie und Begleitung in der Schule und im Schulhof. Die Planung und Organisation muss jetzt in kurzer Zeit erfolgen. „Es ist alles sehr knapp, weil wir nicht wussten, dass überhaupt etwas stattfinden darf“, erklären die Bühlerinnen. Leider sei aufgrund ausgefallener Aktionen viel zu wenig Geld da, um die Veranstaltung zu finanzieren, weshalb die Schulabgänger noch auf Sponsoren hoffen, um nicht für alles aus privatem Geldbeutel aufkommen zu müssen. Auch der Abifilm muss noch produziert werden und die Abiband braucht noch einige Proben, bevor sie auf die Bühne treten kann. „Wir sind da bei allem sehr spontan“, kommentiert Sonja Gleike die Situation.

Alles ist eben ganz „anders als sonst“ – darüber und über das entgegengebrachte Mitleid von Familie und Freunden können die vier Mädchen mittlerweile nur noch schmunzeln. „Diese lieb gemeinten Aussagen beschreiben nicht einmal im Geringsten das, mit was wir gerade lernen müssen, umzugehen“, sagt Celina Maier.


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