Corona-Krise stellt Jugendamt vor Herausforderungen

Von Markus Koch

Rastatt (mak) – Das Jugendamt versucht, trotz der Corona-Beschränkungen Kontakt zu Familien zu halten. Wie die Sozialarbeiter vorgehen, erläutert der stellvertretende Amtsleiter Michele Sforza.

Corona-Krise stellt Jugendamt vor Herausforderungen

Michele Sforza. Foto: LRA

Fachleute rechnen aufgrund der Corona-Krise und dem ungewohnt engen Zusammensein in den eigenen vier Wänden mit einem Anstieg von häuslicher Gewalt. BT-Redakteur Markus Koch fragte nach bei Michele Sforza, Sachbereichsleiter der Sozialen Dienste beim Jugendamt und stellvertretender Jugendamtsleiter, wie die Mitarbeiter in diesen Zeiten von Kindeswohlgefährdungen erfahren und wie der Umgang mit Familien aussieht, die sie seit Jahren betreuen.

BT: Herr Sforza, wenn Kinder zu Hause körperlich misshandelt werden, dann konnten das bislang Erzieherinnen und Lehrer zum Beispiel anhand von blauen Flecken erkennen und melden. Wie wird das Jugendamt nun auf solche Fälle aufmerksam?

Michele Sforza: Diese Problematik beschäftigt uns in den Allgemeinen Sozialen Diensten. Wir verzeichnen einen 20-prozentigen Rückgang der Meldungen in diesem Jahr. Wir halten zu den uns bekannten Familien Kontakt. Darüber hinaus werden weiterhin in den meisten Fällen einer ambulanten, teilstationären oder vollstationären Jugendhilfe die Betreuung sichergestellt, zum Teil auch mit Hilfe von alternativen Kommunikationswegen wie Telefon, Videochat oder E-Mail. Es ist richtig, dass derzeit weniger Meldungen durch die Schule oder die Kindertageseinrichtungen kommen, wobei dennoch Mitteilungen an die Sozialen Dienste herangetragen werden, etwa von den jeweiligen Pädagogen, von (älteren) Kindern direkt oder über Dritte. Ansonsten haben wir weiterhin die Nachbarschaft, Bekannte oder Familienangehörige, die sich Sorgen um die Kinder und Jugendlichen machen und auf uns zukommen. Auch eine regelmäßige Berichterstattung in den Medien ist sicherlich hilfreich.

BT: Haben sich Ihrer Einschätzung nach aufgrund der Corona-Situation die Fälle von häuslicher Gewalt erhöht?

Sforza: Das Konfliktpotenzial in den Familien hat sich sicherlich erhöht und hierdurch entsteht ein ausgedehnterer Beratungsbedarf sowohl in den psychologischen Beratungsstellen, als auch in den Allgemeinen Sozialen Diensten. Auch wenn durch die Frauenhäuser in Baden-Württemberg ein entsprechender Anstieg verzeichnet wird, können wir kein erhöhtes Aufkommen von Fällen der häuslichen Gewalt bisher feststellen.

BT: In der Vergangenheit kamen die häufigsten Meldungen von der Polizei, aber auch von den betroffenen Kindern und Jugendlichen selbst. Ist dies nach wie vor so?

Sforza: Ja, einerseits erhalten wir weiterhin Mitteilungen von der Polizei, andererseits melden sich auch betroffene Kinder und Jugendliche, oder sie lassen uns Mitteilungen über Freunde zukommen.

Interview

BT: Das Jugendamt besucht regelmäßig bestimme problematische Familien. Wie wird dies nun aufgrund der Einschränkungen bewerkstelligt?

Sforza: Gespräche via Skype oder Whatsapp-Videoanrufe sind bislang kein Standard. Es gibt einzelne Videokonferenzen mit Kooperationspartnern. Mit den Familien versuchen wir, weiterhin das persönliche Gespräch zu führen. Entweder erhalten sie eine Einladung, oder aber die Kolleginnen und Kollegen gehen vor Ort in die Familien.

BT: Wenn Mitarbeiter des Jugendamts aufgrund einer Gefährdungslage für ein Kind in eine Familie gehen müssen: Welche Schutzvorkehrungen sind vorgeschrieben?

Sforza: Oberstes Gebot ist – soweit dies situationsbedingt möglich ist – die geltende Hygienevorschrift einzuhalten. Zur Standardausrüstung gehören der Mund-Nasen-Schutz, Handschuhe und Desinfektionsmittel. Bei Verdachtsfällen auf eine Covid-19-Erkrankung steht bei dringenden Hausbesuchen auch Schutzkleidung zur Verfügung. Letztere kam bislang nicht zum Einsatz.

BT: Können Kinder, die in einer akuten Gefährdungslage sind, wegen der aktuellen Einschränkungen in Pflegefamilien oder in Heimen untergebracht werden?

Sforza: Diesbezüglich gibt es keine Einschränkungen und es finden entsprechende Unterbringungen sowohl im Rahmen von Inobhutnahmen, aber auch einer regulären Jugendhilfe statt. Selbstverständlich wird darauf geachtet, dass das Kind/der Jugendliche gesund ist und nicht aus einer Umgebung mit Verdacht auf eine Covid-19-Erkrankung kommt. Wo es möglich ist, lassen wir uns dies auch ärztlicherseits bestätigen. Vor allem mit den Jugendhilfeträgern in der Region und unseren Pflegefamilien funktioniert dies gut und notwendige Absprachen, zum Beispiel bezüglich der Hygienevorschriften, können vereinbart werden.

BT: Mit welchen weiteren Einschränkungen sind Sie aufgrund der Corona-Krise konfrontiert?

Sforza: In unserem Kulturkreis ist die Face-to-face-Beratung eine gängige sozialpädagogische Form, auch um eine Beziehung zu den Betroffenen aufzubauen. Hinter einem Mund-Nasen-Schutz ist der wichtige Kommunikationskanal der Gestik und Mimik nur eingeschränkt gegeben und auch wir werden als Beraterin und Berater nur noch zu der/dem „hinter der Maske“ wahrgenommen. Ein Stück Empathisches geht einfach verloren.