Corona-Massentest: Fünf Pflegeheime scheren aus

Rastatt (as) - Fünf Pflegeheime in Mittelbaden lehnen Corona-Massentests ab. Sie fürchten, dass negative Testergebnisse eine trügerische Sicherheit vorgaukeln.

Kritisch sehen die Betreiber von fünf Pflegeheimen im Landkreis den flächendeckenden Corona-Massentest per Abstrich. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Kritisch sehen die Betreiber von fünf Pflegeheimen im Landkreis den flächendeckenden Corona-Massentest per Abstrich. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Sinnvoll oder unsinnig – darüber gehen in puncto flächendeckende Corona-Massentests in den 38 Pflegeheimen im Landkreis Rastatt und Stadtkreis Baden-Baden die Meinungen auseinander. Fünf Heime lehnen die Teilnahme ab: Haus Edelberg Iffezheim, die Curatio GmbH mit Häusern in Ötigheim, Stollhofen und Sinzheim sowie das Haus am Klostergarten in Schwarzach vom Verein Christlicher Hilfsdienst (CHD). Die beiden letztgenannten Betreiber plädieren für Tests im Verdachtsfall. Denn sie befürchten, dass negative Testergebnisse eine trügerische Sicherheit vorgaukeln, die zum laxeren Umgang mit den strengen Hygienevorschriften führen könnte. Haus Edelberg äußert sich auf BT-Anfrage nicht zu den Gründen.

Warum führt das Gesundheitsamt Rastatt flächendeckende Corona-Tests in Pflegeheimen durch?

„Wir handeln im Auftrag des Sozialministeriums in Stuttgart“, erläutert Gisela Merklinger, Pressesprecherin des Landratsamts Rastatt, zu dem das Gesundheitsamt gehört. Sie betont allerdings, dass die Tests zwar flächendeckend sein sollen, aber dennoch freiwillig. Das heißt: Alle Bewohner oder deren rechtliche Betreuer und alle Mitarbeiter müssen eine Einverständniserklärung unterzeichnen. Wer nicht möchte, wird auch nicht getestet.

Welche Absicht verfolgt das Sozialministerium damit?

Die räumliche Nähe, der enge Kontakt zwischen Betreuern und Betreuten und auch die Tatsache, dass eine Infektion zu spät erkannt wird, führten dazu, dass sich die Menschen gegenseitig anstecken, erklärt das Sozialministerium mit Verweis auf zahlreiche Corona-Ausbrüche bundesweit in Pflegeheimen auf seiner Homepage. „Diesen Teufelskreis wollen wir durchbrechen – und die Infektionsketten rechtzeitig unterbrechen“, sagt Minister Manfred Lucha (Grüne): „So können wir eine Infektion frühzeitig erkennen, Betroffene rechtzeitig isolieren und alle anderen schützen.“ Dies entspreche auch den aktuellen Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts.

Was spricht gegen die flächendeckenden Tests?

„Wir favorisieren andere Varianten“, erläutert Curatio-Geschäftsführer Michael Gieseler und nennt genau wie CHD-Geschäftsführer Michael Baumgartner anlassbezogene Tests in Verdachtsfällen. Im Haus Edelberg Iffezheim solle „in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt bei einem eventuellen Covid-19-Verdachtsfall unverzüglich getestet werden“, teilt der Pressesprecher mit. Curatio bringt zudem Pool-Testungen ins Gespräch. Dabei werden – ähnlich wie bei Blutspenden – mehrere Proben gemeinsam untersucht. Ist der Befund positiv, werden die Einzelproben getestet, um Infizierte zu finden. So würden die immer noch knappen Testkapazitäten gezielt und sinnvoll eingesetzt, unterstreicht Timo Kanjo, Curatio-Heimleiter in Ötigheim. Baumgartner sagt, sobald einige Bewohner oder Mitarbeiter mit einer Testung nicht einverstanden wären, sei die Absicht der flächendeckenden Massentests „ohnehin ad absurdum geführt“.

An Vorgaben des Ministeriums gebunden

Bietet das Ergebnis des Massentests nicht Sicherheit?

„Das Testergebnis kann schon gar nicht mehr aktuell sein, wenn wir es erhalten“, kritisiert Gieseler das „Stichtagsresultat“. Das könne dazu führen, dass Bewohner oder Mitarbeiter sich in einer trügerischen Sicherheit wiegen und die Hygienevorschriften nicht mehr ganz so streng beachten könnten, argumentieren sie. Das sei „eine große Gefahr“. Michael Baumgartner verweist zudem auf die hohe Quote fehlerhafter Testergebnisse, über die schon viel berichtet wurde.

Warum ist es im Corona-Verdachtsfall manchmal schwierig, getestet zu werden?

Bislang gab es wenig Testkapazitäten und die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts, nur bei eindeutigen Covid-19-Symptomen zu testen – auch bei Bewohnern und Mitarbeitern von Pflegeeinrichtungen, sagt Kanjo. Er schildert die Problematik an zwei Beispielen: Eine Bewohnerin, die regelmäßig Fieberschübe bekommt, oder ein Mitarbeiter mit „nur“ Schüttelfrost. In beiden Fällen sei wegen fehlender weiterer Symptome ein Test zunächst abgelehnt worden und erst nach Intervention beim Gesundheitsamt möglich gewesen. Wenn das auch nicht griff, habe Curatio auch Tests auf Kosten des Unternehmens veranlasst, sagt Gieseler. Bislang seien „glücklicherweise“ alle negativ gewesen. Deshalb plädiert man dafür, jetzt neue Wege zu gehen und den Einrichtungen ein Kontingent für eigene, anlassbezogene Testungen zur Verfügung zu stellen. Dann könne man auch in Fällen asymptomatischer Verläufe bei Verdacht testen und damit schneller zu einem Ergebnis kommen als beim bisherigen Weg über Hausarzt und Gesundheitsamt.

Wie steht das Gesundheitsamt zu dem Vorschlag, den Pflegeheimen ein Test-Kontingent zur Verfügung zu stellen?

Im Gesundheitsamt stößt der Curatio-Vorschlag durchaus auf Verständnis, aber man sei an die Vorgaben des Sozialministeriums gebunden und könne nicht auf eigene Faust Teströhrchen an Heime verteilen, erklärt die Pressesprecherin: „Das Vorgehen muss landesweit einheitlich sein.“

Im Ortenaukreis ist der Massentest in Pflegeheimen bereits beendet. Wie sind die Erfahrungen dort?

Die Ergebnisse der Tests in 66 Einrichtungen sollen erst Mitte Juni vorliegen, informiert das Gesundheitsamt des Ortenaukreises. Aber eines ist schon klar: Auch bei Senioren kann die Erkrankung ohne Symptome verlaufen. In einem Pflegeheim in Neuried wurde ein Infektionsherd erst durch den flächendeckenden Massentest des Gesundheitsamts entdeckt. Denn bis dato hatte dort niemand Krankheitssymptome gezeigt. Mehr als ein Drittel der Bewohner und neun Mitarbeiter haben sich angesteckt.

Soll es künftig in regelmäßigen Abständen Massentests in Pflegeheimen geben?

Geplant ist das derzeit offenbar nicht. Wie es in Sachen Tests weitergehen soll, genau dazu vermissen beispielsweise die Curatio-Verantwortlichen ein Konzept. Sie bezweifeln die Aussagekraft eines einmaligen Massentests.

Wie reagieren Angehörige auf die Entscheidung der Heime, sich nicht am Massentest zu beteiligen?

Zunächst teils mit Unverständnis, räumt Michael Gieseler ein, der betont, Curatio sei kein „Test-Verweigerer“. In Gesprächen könnten die Angehörigen die Argumente aber meist nachvollziehen, sagt er.

Der CHD bittet auf seiner Homepage ausdrücklich um Rückmeldungen zu seiner Entscheidung und zeigt sich gesprächsbereit, wenn Angehörige damit nicht einverstanden sind.


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