Corona-Pandemie als Integrationshürde

Rastatt (dm) – Kontaktbeschränkungen, Erschwernisse bei digitalen Kursen und Veranstaltungsabsagen: Die Corona-Pandemie hat auch der Integrationsarbeit im Landkreis Rastatt einen Dämpfer versetzt.

Sprachkurse für Migranten: In Pandemiezeiten konnten sie zeitweise nur digital stattfinden. Das erschwert den Erwerb der deutschen Sprache. Foto: Bernd Settnik/dpa

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Sprachkurse für Migranten: In Pandemiezeiten konnten sie zeitweise nur digital stattfinden. Das erschwert den Erwerb der deutschen Sprache. Foto: Bernd Settnik/dpa

Die Corona-Pandemie hat auch der Integrationsarbeit im Landkreis Rastatt einen Dämpfer versetzt: Aufgrund der Kontaktbeschränkungen konnten Maßnahmen und Veranstaltungen sowie Netzwerktreffen nicht wie geplant stattfinden, Präsenzveranstaltungen waren kaum möglich, Projekte mussten verschoben werden. In dieser Zeit ist aufgrund der wirtschaftlichen Lage zudem die Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt schwieriger geworden, wird im Bericht für 2020 festgestellt.
Diese arbeiteten oft in Branchen, die besonders hart mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen haben (Handel. Logistik, Gastgewerbe). Statistiken zeigten, so die Integrationsbeauftragten des Landkreises Rastatt, dass seit Beginn der Pandemie Flüchtlinge und andere Migranten stärker von Arbeitslosigkeit betroffen seien als Deutsche.

Dazu kommt, dass der Spracherwerb enorm erschwert worden sei, weil die Kurse zeitweise nur digital stattfinden konnten. Weitere Hürde: In Gemeinschaftsunterkünften fehlen technische Ausstattung oder auch ein ruhiger Raum, um an digitalen Deutschkursen überhaupt teilzunehmen zu können. Ein Mangel, der auch die Kinder betrifft: Vielen würde es dadurch schwerer gemacht, in der Schule mitzuhalten (Stichwort: Homeschooling).

Wenn Kontakte beschränkt werden, wirkt sich das auch negativ aufs gesellschaftliche Zusammenleben aus: Es gab in diesem Zuge weniger Gelegenheiten für Migranten, Deutsch zu sprechen, und die Beratungsangebote „mussten angepasst werden, wodurch persönliche Gespräche nur selten stattfinden konnten“, wie es im Bericht der Integrationsbeauftragten heißt. Daraus folgt: Die Rückschritte in den Bereichen Sprache und Bildung „müssen in nächster Zeit möglichst zügig aufgeholt werden“.

Auch positive Entwicklungen

Insgesamt habe das Landratsamt seit 2015 rund 50 Deutschkurse für etwa 1.000 Menschen unterschiedlicher Sprachniveaus gestartet; während zunächst in Unterkünften viele Geflüchtete lebten, die alphabetisiert werden mussten – viele kennen nur andere Schriften und mussten erst die lateinische Schrift lernen –, wurden in den Folgejahren vermehrt Grund- und Aufbaukurse angeboten, da sich das Sprachniveau insgesamt erhöht hatte. Nachdem viele der Zugewanderten aus den Gemeinschaftsunterkünften in Richtung Anschlussunterbringung zogen, verlagerte sich ein Schwerpunkt auf die Arbeitsmarktintegration.

Dabei habe sich bislang gezeigt, dass sich viele Migranten zwar mündlich gut ausdrücken können, aber die schriftlichen Kenntnisse nicht ausreichten, um gesellschaftlich und beruflich Fuß zu fassen. Viele Zugewanderte, die bereits in Kommunen wohnen, berufstätig sind oder kleine Kinder betreuen, können aber oft nicht an Kursen teilnehmen, weil die Zeiten schlicht nicht mit den Lebensumständen vereinbar sind. Auch Schichtarbeit stelle hier eine besondere Herausforderung dar. Aktuell müsse man daher auf flexible Sprach-, Lese- und Schreib-Förderangebote setzen. Dennoch habe es auch positive Entwicklungen gegeben. Trotz der Erschwernisse hätten von Januar bis November 2020 im Zuge der Arbeitsmarktintegration 537 Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft eine Beschäftigung gefunden; 216 Geflüchtete konnten eine Arbeit aufnehmen. Weiteres Ziel in diesem Zusammenhang müsse es sein, Frauen mit Migrationshintergrund besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren (ihr Anteil betrug im Jahr 2018 nur zehn Prozent) und deren Qualifikation zu erhöhen, heißt es in dem Bericht weiter. Der Start eines konkreten Mentoring-Projekts hierfür musste indes wegen der Pandemie verschoben werden und soll nun 2021/22 starten.

Auch unter erschwerten Bedingungen die Integrationsarbeit weiter voranbringen, lautet der Appell der Integrationsbeauftragten. Geleistet wird dies von verschiedenen Stellen: Kommunen, Agentur für Arbeit, Jobcenter, Sozial- und Jugendamt, VHS, Kitas und Schulen, Bildungsträger, Vereine, Migrantenorganisationen, Ehrenamtliche. Der im Kreistag vorgelegte Bericht bezieht sich ausschließlich auf Maßnahmen des „Sachgebiets Integration“ im Landratsamt. Regelmäßiger Austausch und Abstimmung seien unerlässlich.

Mehrzahl kommt aus EU-Staaten

Rund 231.500 Einwohner leben im Landkreis Rastatt, darunter rund 34.400 mit ausländischer Staatsbürgerschaft. Das ist ein Anteil von etwa 14 Prozent. 18.400 davon stammen nach Angaben der Behörde aus EU-Staaten, demzufolge kommen insgesamt 16.000 Menschen ursprünglich aus Ländern außerhalb der Europäischen Union (Anteil an der Landkreisbevölkerung: 6,9 Prozent). Einen Migrationshintergrund hat indes rund jeder vierte Mensch im Landkreis Rastatt.

Ende des Jahres 2020 lebten hier 328 Personen in Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises und 4.076 Personen in der Anschlussunterbringung der Gemeinden.

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
13. Juli 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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