Corona-Zahlen im Landkreis ein Flickenteppich

Rastatt (BNN) – Das Landratsamt in Rastatt veröffentlicht schon länger keine Übersicht der Corona-Zahlen in den Gemeinden mehr. Dies dürfen nun die einzelnen Kommunen selbst tun – oder auch nicht.

Statistiken zur Pandemie: Das Landratsamt gibt nur noch einen Gesamtüberblick über das Infektionsgeschehen im Landkreis. Wer Zahlen vor Ort erfahren möchte, muss sein Glück bei den Kommunen versuchen. Foto: Holger Siebnich

Statistiken zur Pandemie: Das Landratsamt gibt nur noch einen Gesamtüberblick über das Infektionsgeschehen im Landkreis. Wer Zahlen vor Ort erfahren möchte, muss sein Glück bei den Kommunen versuchen. Foto: Holger Siebnich

Karsten Mußler kann die Entscheidung nicht nachvollziehen: „Warum die Übersicht nicht mehr veröffentlicht wird, erschließt sich mir nicht“, sagt der Kuppenheimer Bürgermeister zur Corona-Informationspolitik des Landratsamts. Die Kreisverwaltung veröffentlicht seit mehreren Woche keine Übersicht über die Infektionszahlen in den einzelnen Kommunen mehr. Diese können die Zahlen nun selbst publizieren. Die Vorgehensweise ist höchst unterschiedlich.

Für Kuppenheim lässt Mußler die aktuellen Werte mindestens zweimal pro Woche auf die Homepage der Gemeinde stellen. An diesem Montag vermeldete die Stadt 52 Infizierte. „Die Zahlen stoßen in der Bevölkerung auf großes Interesse. Deshalb haben wir entschieden, die uns mögliche Transparenz für Kuppenheim herzustellen“, sagt er. Die Veröffentlichung trage sicherlich auch ein wenig dazu bei, über die prekäre Lage zu informieren.

Landratsamt lässt Kommunen den Vortritt

Den Informationsgehalt hatte das Landratsamt zuletzt allerdings in Abrede gestellt. Der zuständige Dezernent Stefan Biehl begründete die Entscheidung damit, dass die Situation in den einzelnen Kommunen keine Auswirkungen auf die geltenden Maßnahmen habe. Angesichts der extrem steigenden Zahlen sollte sich ohnehin jeder an die bekannten AHA-Regeln halten.

Die Statistik aufzubereiten, sei viel Arbeit. Das Landratsamt bekomme zu dem Thema zwar viele kritische Rückfragen aus der Bevölkerung, Anfang November bekräftigte Biehl aber noch einmal: „Wir bleiben dabei.“ Die Kommunen hätten außerdem die Möglichkeit, ihre Zahlen selbst zu veröffentlichen.

Ottersweierer Bürgermeister will Bevölkerung wachrütteln

Seitdem ist in Mittelbaden ein Informations-Flickenteppich entstanden. Die Bandbreite reicht von täglichen Updates bis hin zur kompletten Verschwiegenheit. Zu den Verfechtern der Transparenz gehört der Ottersweierer Bürgermeister Jürgen Pfetzer (CDU). Die Kommune aktualisiert die Zahl der Infizierten von Montag bis Freitag täglich online. „Ich sehe diese Transparenz als wichtiges Mittel deutlich zu machen, wie rasant sich die Infektionszahlen entwickeln und auch wie wichtig die Einhaltung der Corona-Auflagen, die Reduzierung von Kontakten und das Impfen sind“, sagt Pfetzer. Wenn man die Menschen diesbezüglich wachrütteln wolle, helfe der Blick auf die eigene Betroffenheit.

Die Gegenposition nimmt zum Beispiel Gernsbach ein. Die Kommune veröffentlicht keine Zahlen. Rathaus-Sprecherin Nicoletta Arand verweist darauf, damit einer Empfehlung des Landratsamts zu folgen: „Auch wenn das Interesse der Bevölkerung an den lokalen Zahlen absolut nachvollziehbar ist, führt der Landkreis aus, dass die Zahlen mittlerweile nicht mehr die gleiche Verlässlichkeit bieten, da aufgrund der hohen Impfquote viele Erkrankungen unerkannt bleiben.“

Außerdem habe es Hinweise gegeben, dass teilweise das Einkaufs- und Freizeitverhalten an den Fallzahlen der Kommunen ausgerichtet worden seien. So interpretiert seien solche Statistiken gefährlich, da sie ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln. „Das Signal an die Bevölkerung sollte sein, dass Corona in der gesamten Bevölkerung verbreitet ist“, sagt Arand.

Uneinheitliches Vorgehen der großen Kreisstädte

Uneinheitlich ist das Vorgehen in den Großen Kreisstädten. Rastatt folgt der Argumentation des Landkreises, wonach das Infektionsgeschehen vor Ort keine Rolle für die geltenden Maßnahmen spiele. Auch Bühl veröffentlicht keine Zahlen. Gaggenau hat seine Informationspolitik dagegen gerade erst wieder geändert.

In der vergangenen Woche gab die Verwaltung bekannt, über die aktuelle Lage wöchentlich informieren zu wollen. Pressesprecherin Judith Feuerer verweist auf den großen Aufwand, der dahinter steckt. Die Stadt bekomme zwar Infektionen und Quarantäne-Fälle gemeldet, müsse die daraus folgende Statistik aber selbst erstellen: „Das ist relativ mühsam.“ Eine Mitarbeiterin verfolge täglich die Meldungen und registriere, wer als genesen aus der Statistik entlassen werde und wer als infiziert neu hinzukomme. Diese Entwicklung zu dokumentieren, sei für größere Städte aufwendiger als für kleine Gemeinden. Dass Gaggenau die Arbeit auf sich nimmt, soll auch Vertrauen herstellen. „Teilweise entsteht bei Bürgern der Eindruck, die Stadt wolle Daten verschweigen“, sagt Feuerer.

Auch Elchesheim-Illingen will die Zahlen ab dieser Woche veröffentlichen. Der kleine Ort galt im vergangenen Jahr als Musterknabe im Landkreis, der bis zum Sommer keinen einzigen Corona-Fall aufwies. Das hat sich geändert. Aktuell sind rund 20 Bewohner infiziert. Bürgermeister Rolf Spiegelhalder (FW) sagt: „Ich vertrete die Meinung, dass die Bevölkerung wissen sollte, dass das Virus allgegenwärtig ist und mittlerweile quasi alle Altersgruppen betroffen sind.“

Zum Thema:
Die Transparenten: Die Mehrzahl der Kommunen im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden veröffentlichen die Infektionszahlen vor Ort auf ihren Homepages. Wie oft die Daten aktualisiert werden, ist aber höchst unterschiedlich. Die Bandbreite reicht von einmal in der Woche bis täglich. Grundsätzlich finden sich Angaben zu den Infektionszahlen auf den Seiten von Baden-Baden, Gaggenau, Ottersweier, Lichtenau, Rheinmünster, Bühlertal, Kuppenheim, Iffezheim, Bietigheim, Steinmauern, Au am Rhein, Elchesheim-Illingen, Durmersheim, Weisenbach und Forbach.
Die Verschlossenen: Keine Angaben machen aktuell Rastatt, Bühl, Sinzheim, Bischweier, Hügelsheim, Ötigheim, Gernsbach und Loffenau. sie

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