Corona-Zwangspause bei „Insulin zum Leben“

Rastatt (nad) – Plötzlich war der Transport lebensnotwendiger Utensilien nicht mehr möglich: Der Lockdown zwang das Rastatter Hilfsprojekt für Diabetiker „Insulin zum Leben“ zu einer Pause.

Heidrun Schmidt-Schmiedebach (Zweite von rechts) bei ihrem Besuch in Bolivien 2019. Die Einheimischen wurden mit Insulinspritzen und Testgeräten ausgestattet. Foto: privat

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Heidrun Schmidt-Schmiedebach (Zweite von rechts) bei ihrem Besuch in Bolivien 2019. Die Einheimischen wurden mit Insulinspritzen und Testgeräten ausgestattet. Foto: privat

Diagnose: Diabetes mellitus. Weltweit erhalten sie immer mehr Menschen, die Zahl der Erkrankten wird von der Internationalen Diabetes-Föderation auf 463 Millionen geschätzt. Doch nicht überall ist die medizinische Versorgung so gut wie in Deutschland und viele Betroffene erhalten nicht die nötige Therapie, um mit der Krankheit leben zu können. Das Rastatter Hilfsprojekt „Insulin zum Leben“ hilft Diabetikern in ärmeren Ländern mit Spenden von Hilfsmitteln, doch die Corona-Pandemie stellte die Organisation vor Herausforderungen.

„Wir haben ziemlich viel Kummer gehabt“, sagt Heidrun Schmidt-Schmiedebach. Die Leiterin von „Insulin zum Leben“ erinnert sich an Momente der Pandemie, in denen nichts ging. In denen die Flugzeuge am Boden blieben, statt lebensnotwendiges Insulin in hilfsbedürftige Regionen zu bringen. Und in denen Notrufe aus eben diesen Regionen kamen, zum Beispiel aus Bolivien, mit der grauenvollen Nachricht: „Menschen sterben“.

Und das nicht aufgrund von Corona, sondern weil ihre Insulinvorräte aufgebraucht waren und sie ihrer Diabeteserkrankung erlagen. Denn in diesen Regionen ist es nicht selbstverständlich, Zugang zu medizinischer Versorgung zu haben, beziehungsweise sich diese dann auch leisten zu können. „Es gibt keine Chancengleichheit“, betont Schmidt-Schmiedebach im Gespräch mit dem BT. Vor allem im ländlichen, ärmeren Raum habe man so gut wie keine Chance auf eine Therapie, erklärt die 68-Jährige. Oft machen die Kosten dafür mehr als 50 Prozent des Monatseinkommens aus. In Ruanda beispielsweise koste eine Ampulle Insulin drei Euro, bei einem Familien-Monatseinkommen zwischen fünf und neun Euro, informiert das Hilfsprojekt auf seiner Internetseite.

Diese Hilfsmittel sind für Diabetiker in Deutschland selbstverständlich. Doch in ärmeren Ländern werden dringend Spenden davon benötigt. Foto: Jens Kalaene/dpa

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Diese Hilfsmittel sind für Diabetiker in Deutschland selbstverständlich. Doch in ärmeren Ländern werden dringend Spenden davon benötigt. Foto: Jens Kalaene/dpa

Seit 2003 sammelt Schmidt-Schmiedebach, die selbst seit 42 Jahren Diabetikerin ist, Insulin und andere dringend benötigte Hilfsmittel, wie Teststreifen, Pennadeln oder Blutzuckermessgeräte, in Rastatt. Diese verschickt sie dann regelmäßig in Länder wie Ruanda, Kongo oder Bolivien, um eine „kontinuierliche Versorgung“ zu ermöglichen. „Das war unser Bestreben.“ Zwischen 1.500 bis 2.000 Spendenpäckchen erreichen die Sammelstelle laut der Rastatterin pro Jahr. Statt das wertvolle Insulin wegzuwerfen, das Patienten beispielsweise im Zuge einer Therapieumstellung übrig hätten, könnten auf diese Weise viele Leben gerettet werden. Ein großes internationales Netzwerk hat sie sich mittlerweile aufgebaut und mit den Partnerärzten vor Ort tauscht sie sich regelmäßig per E-Mail oder Whatsapp aus. Auf diversen Reisen in die Gebiete konnte sich die 68-Jährige auch schon persönlich ein Bild der Situationen vor Ort machen, so wie zuletzt im Mai 2019 in Südamerika, als sie die Partner in Bolivien und Peru besucht hatte.

Dann, im März 2020, der Lockdown: „Plötzlich waren alle Länder rot“, bezieht sich Schmidt-Schmiedebach auf die Flugliste. Jahrelang habe sie ihre Spenden verlässlich mit DHL verschicken können, doch jetzt konnte nicht mehr garantiert werden, dass die Flüge stattfinden oder aber, dass die Spenden im Zielland dann überhaupt vom Flughafen abgeholt werden können. „Man leidet mit“, sagt sie rückblickend. Denn wenn man die Leute, die dort agieren, kenne und wisse, wie die Menschen in ärmlichen Verhältnissen in ihren Hütten leben – dann sei einem der große Notstand dort bewusst.

Irgendwann wurden bei den Hilfsbedürftigen die Vorräte knapp

Zwar sei ihr Kühlraum, in dem die Spenden gesammelt werden, stets prall gefüllt gewesen, und auch die Spendenbereitschaft der Deutschen sei während der Pandemie nicht eingebrochen. Dennoch führten die weltweiten Bedingungen zu einer vierteljährigen Zwangspause ihrer internationalen Hilfstätigkeiten. Und auch wenn die Menschen „sparsamer und sehr bewusst mit den Vorräten umgegangen“ sind, wurden eben diese trotzdem irgendwann knapp.

Umso größer war die Freude über individuelle Hilfsaktionen: Schmidt-Schmiedebach erzählt, dass ein Spendenpaket nach Gambia zwei Monate in der Warteschleife bei UPS liegen blieb, weil keine passenden Flüge in das afrikanische Land gingen. Über den Verein „The Gambia“ wurde Kontakt zum Honorarkonsul der Republik Gambia mit Sitz in Stuttgart, Dr. Georg Bouché, hergestellt, der sich bereit erklärte, selbst dorthin zu fliegen – und zwar, um die Spenden mitzunehmen und zu helfen. 92 Kilogramm Insulin und Zubehör habe Bouché mitgenommen, „das war ganz toll“, erinnert sich Schmidt-Schmiedebach. Solche „schicksalhaften“ Momente und „zauberhaften Geschichten“ habe die Rastatterin im Laufe ihrer Zeit als Projektleiterin schon einige erlebt.

Mittlerweile gibt es der Rastatterin zufolge keine Probleme mehr, die Spenden regelmäßig zu verschicken. Auch Kontakte in neuen Partnerländern sind im Aufbau: Namibia und Tschad sollen künftig auch von „Insulin zum Leben“ versorgt werden, kündet Schmidt-Schmiedebach an. Auf heißen Kohlen, selbst wieder in die Länder zu fliegen, sitze sie aber noch nicht. „Irgendwann ruft mein Bauch“, sagt die 68-Jährige. Doch momentan verspüre sie noch keinen „inneren Auftrag“.


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