Corona bremst auch Kriminalität ein wenig aus

Von BT-Redakteur Nico Fricke

Baden-Baden (nof) – Die kurstädtische Polizeistatistik weist die niedrigste Zahl an Straftaten seit mindestens 18 Jahren aus. Allerdings: Die Gewalt gegen Polizei nimmt deutlich zu.

Corona bremst auch Kriminalität ein wenig aus

Positiver Trend: Die Polizei in Baden-Baden verzeichnet deutlich weniger Straftaten. Foto: Jens Wolf/dpa/Archiv

Die Zahl der Straftaten in der Kurstadt ist im vergangenen Jahr um rund ein Drittel zurückgegangen. Das geht aus der Kriminalstatistik für das Jahr 2021 hervor, die der scheidende Offenburger Polizeipräsident Reinhard Renter und der Baden-Badener Polizeichef Lutz Kirchner am Montagabend im Gemeinderat präsentiert haben. Die Ordnungshüter selbst werden aber immer öfter Opfer von Übergriffen. Ein Überblick:

Wie sicher können sich die Baden-Badener in ihrer Stadt fühlen?

„Sehr sicher“, sagt Polizeioberrat Kirchner im Gespräch mit dieser Zeitung. Der deutliche Rückgang der Straftaten sei ein „hervorragendes Bild. Wir haben den niedrigsten Wert seit mindestens 18 Jahren – soweit reicht unsere Erfassung zurück.“

Was bedeutet das in Zahlen?

Die Zahl der registrierten Straftaten reduzierte sich in Baden-Baden um 33 Prozent auf 3.717 Delikte (Vorjahr: 5.553).

Woran liegt das?

„An der hervorragenden Arbeit der Baden-Badner Polizeikräfte“, lobt Renter mit einem Schmunzeln. Aber vor allem auch an der Corona-Pandemie, die 2021 das öffentliche Leben noch weitgehend ausgebremst habe. „Wenn die Gaststätten zu sind, gibt es auch weniger Möglichkeiten für eine Trunkenheitsfahrt und Anlass für Schlägereien“, gibt Renter ein Beispiel: „Und wenn die Leute daheim sind, wird auch weniger eingebrochen.“ Etwas verfälscht werde die Statistik auch, weil es in den beiden Jahren zuvor zwei große Betrugsverfahren mit sehr vielen Geschädigten gegeben habe, erklärt Kirchner. Deshalb zum Vergleich: 2018 waren 4.170 Straftaten aktenkundig geworden. Die Entwicklung sei insgesamt aber „sehr positiv“.

Wie steht Baden-Baden im Vergleich da?

Bei den sogenannten Häufigkeitszahlen – also der Zahl der Straftaten umgerechnet auf 100.000 Einwohner – landet die Kurstadt im Vergleich zu den anderen Stadt- und Landkreisen auf Platz sechs und steht damit schlechter da als der Landkreis Rastatt (Platz zehn) oder der Ortenaukreis (zwölf). Die Stadtkreise Freiburg, Karlsruhe und Mannheim führen das Negativ-Ranking an. „Die Macht der geringen Zahlen“, also der relativ geringen Einwohnerzahl, sorge in der statistischen Erhebung für das vermeintlich schlechte Abschneiden von Baden-Baden, erklären Kirchner und Renter. Bei den absoluten Zahlen kann die Kurstadt hingegen punkten. Mit „nur“ knapp 4.000 Straftaten liegt Baden-Baden auf dem drittletzten – also drittbesten – Platz dieser Landesstatistik der 35 Land- und neun Stadtkreise in Baden-Württemberg und damit deutlich besser als der Ortenaukreis (vier) oder der Landkreis Rastatt (14). „Spitzenreiter“ bei der Zahl der Straftaten sind demnach Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim.

Wie ist die Prognose?

Polizeipräsident Renter, der bald in Ruhestand geht, sieht Baden-Baden bei einem 4.000er-Schnitt, was die Zahl der Straftaten angeht. „Ohne große Schwankungen nach oben oder unten.“

Gibt es Schwerpunkte bei der Kriminalität?

Einen deutlichen Rückgang gibt es im Bereich Straßenkriminalität (minus 16,8 Prozent), wozu zum Beispiel Sachbeschädigungen, Diebstähle oder Körperverletzungen im öffentlichen Raum gehören, erläutert Kirchner. Die Polizei meldet 524 Fälle (2020: 630).

Dagegen registrieren die Ordnungshüter ein Plus bei der Rauschgiftkriminalität (226, 2020: 199), was auf verstärkte Maßnahmen in diesem Bereich zurückzuführen sei, aber auch bei der Gewaltkriminalität (120, 2020: 115) sowie bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (44, 2020: 38). Das Gros der Straßenkriminalität machen laut Polizeistatistik Sachbeschädigungen an Kfz aus (146 Fälle). Häufigste Tatorte in diesem Deliktfeld waren die Rhein- und Flugstraße in Oos-West sowie der Buchenweg in Balg.

Wie sieht es bei Diebstählen und Wohnungseinbrüchen aus?

Die Diebstahlkriminalität ist um 15,4 Prozent zum Vorjahr zurückgegangen. So wurden 2021 zum Beispiel 123 Fahrräder geklaut, im Vorjahr waren es noch 137. „Da hatten wir einen Ermittlungserfolg und konnten einen Tatverdächtigen ausmachen, dem mehrere Taten zur Last gelegt werden“, erklärt Kirchner. Auch die Zahl der Wohnungseinbrüche sei zurückgegangen. Beide Deliktfelder seien konzeptionelle Schwerpunkte der Polizei-Arbeit gewesen – in der Prävention, aber auch durch verstärkte Präsenz und intensive Ermittlungstätigkeit, so Kirchner.

Welche schweren Straftaten sind in Erinnerung geblieben?

„Der mutmaßliche Mord an einem sechsjährigen Mädchen in Oosscheuern wirkt in uns allen nach“, macht Polizeichef Kirchner keinen Hehl daraus, dass diese Tat auch gestandene und langjährige Kollegen sehr mitgenommen habe. „Wir haben auch psychologische Hilfe in Anspruch genommen.“ Weiter sei die mutmaßliche Brandstiftung im Badischen Hof, wo ein Tatverdächtiger ermittelt wurde, sowie der ungeklärte Todesfall eines Seniors am Augustaplatz in Erinnerung geblieben.

Gibt es Brennpunkte?

„Nicht im öffentlichen Raum“, beruhigt Kirchner. Auch der Augustaplatz steche aus polizeilicher Sicht mit 19 registrierten Straftaten im Jahr 2020 nicht als Kriminalitätsschwerpunkt ins Auge, der eine Kameraüberwachung erlauben würde. „Sie verschließen die Augen vor dem Augustaplatz“, kritisiert FBB-Stadtrat Martin Ernst. Das weist Kirchner zurück. „Nur weil da jemand sitzt, können wir den nicht gleich kontrollieren“, verweist er auf die rechtliche Handhabe der Polizei. Ordentlich zu tun haben die Einsatzkräfte in den Sozialunterkünften in der Westlichen Industriestraße, wo rechnerisch zwei Einsätze am Tag zu verzeichnen seien, so der Polizeioberrat.

Zahl der Unfälleging zurück

Die Polizei selbst wird immer häufiger Opfer von Übergriffen?

„Bedauerlicherweise. Der Respekt vor der Polizei geht immer weiter verloren“, weiß Lutz Kirchner aus dem Alltag der Beamtinnen und Beamten zu berichten. „Sie werden mit Waffen angegriffen, verletzt, bedroht und beleidigt.“ 49 Straftaten gegen Polizisten sind verzeichnet. In 34 Fällen seien die Kollegen Opfer von Gewalt geworden – „ein Anstieg um 79 Prozent und der höchste Wert in den letzten fünf Jahren“.

Wie hat sich die Zahl der Unfälle entwickelt?

Diese ging um 135 zurück: Von 1.695 im Jahr 2020 auf 1.560 im Jahr 2021. Allerdings hat sich die Zahl der tödlich Verunglückten von zwei auf vier verdoppelt, sagt Polizeichef Kirchner.