Corona hat gezeigt: Schulen brauchen mehr Freiraum

Durmersheim (bjhw) – Wie lassen sich Präsenz- und Fernlernen verzahnen? Volker Arntz aus Gernsbach, Rektor der Hardtschule Durmersheim, erläutert im BT-Interview Strategien für das nächste Schuljahr.

Nicht die Schule ist der Ort des Lernens, sondern das Leben: Davon ist Volker Arntz überzeugt. Foto: privat

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Nicht die Schule ist der Ort des Lernens, sondern das Leben: Davon ist Volker Arntz überzeugt. Foto: privat

Volker Arntz gilt als einer der Pioniere in Sachen digitaler Unterricht im Land. Deshalb kann der Rektor der Hardtschule in Durmersheim genau erklären, wie groß der Nachholbedarf in Baden-Württemberg ist, und wie – mit Blick aufs nächste Schuljahr– die Verzahnung von Präsenz- und Fernlernen gelingen kann. Die Botschaft des in Gernsbach wohnenden Sprechers des „Netzwerks Schule“ im Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg: „Schulen brauchen mehr Freiraum“. BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer sprach mit dem 51-jährigen Arntz.

Interview

BT: Herr Arntz, Corona – so heißt es unter Lehrkräften, Schülern und Eltern, aber auch unter Bildungspolitikern – habe die Schwächen des Schulsystems im Land offengelegt. Stimmt das überhaupt?

Volker Arntz: Auf jeden Fall stimmt, dass zu wenig über die Frage nachgedacht wurde und wird, wie viel Freiraum das System lässt. Die skandinavischen Länder sind nicht geprägt durch das Prinzip von oben nach unten, sondern davon, dass Schulleitungen und Kollegien in hohem Maße eigenverantwortlich Entscheidungen treffen können. Bei uns gibt es diesen Freiraum nicht. Im Corona-Lockdown hätte er aber genützt werden müssen. Wir haben eine Kultur, in der die Erfüllung von Vorgaben sehr hochgehalten wird. Und wenn die dann fehlen, funktioniert der Laden nicht mehr oder nur schlecht. Der leider verstorbene Psychologe Peter Kruse hat sich damit befasst: Was passiert, wenn bis zu einem gewissen Punkt die Zügel ganz fest geführt und Mikrosteuerung gemacht wird – und im nächsten Moment ganz losgelassen wird?

BT: Was kam dabei heraus?

Arntz: Das ist nach Kruse ein funktionierendes Rezept, einen Betrieb ganz sicher gegen die Wand zu fahren. Wir waren im Lockdown in einer sehr ähnlichen Situation, aus der alle Schulen besser herausgekommen sind, die sich schon vorher mit Fragen der Autonomie befasst hatten, die sich ein dickeres Fell zugelegt haben im Umgang mit Vorgaben, nach dem Motto: Wir wissen vor Ort, welche Wege funktionieren, um Ziele zu erreichen. Mitte März, als der klassische Unterricht innerhalb ganz weniger Tage eingestellt wurde, hatten es diese Schulen sehr viel einfacher.

BT: Was braucht es, um solche eigenen Wege zu finden?

Arntz: Erstens die Erkenntnis, dass es nicht sinnvoll ist, jedes Sandkörnchen einzeln von A nach B zu tragen. Schulen müssen leistungsfähig organisiert sein. Wir haben in Baden-Württemberg über Jahre aber viel zu wenig in die Schulentwicklung gesteckt. Wir haben an vielen Schulen dafür gar keine Werkzeuge. Alle reden von Digitalisierung – und in der Realität bauen die allermeisten Lehrerinnen und Lehrer im Land ihren Unterricht Stunde für Stunde immer neu selber. Und am Ende der Stunde ist er weg. In diesen Fällen wird Unterricht nicht festgehalten, um zu kopieren, was sich bewährt hat, und vor allem zur Weiterentwicklung. Fünf Lehrer erfinden in fünf Klassen denselben Mathe-Unterricht immer neu. Das ist doch ein Irrsinn...

BT: ...und kein erfreulicher Ausblick auf den September und den Beginn des neuen Schuljahres.

Arntz: Stimmt, aber genau deshalb müssen möglichst viele Leute an möglichst vielen Orten möglichst oft genau darüber reden. Über diesen größten aller Irrtümer, wonach die Schule der Ort des Lernens ist. Das stimmt nicht. Das Leben ist der Ort des Lernens. Wir müssen Schule und Lernen endlich größer denken. Ein weiterer Punkt ist, dass wir sehr viel Energie auf eine rechtssichere Benotung verwenden.

Anwendungswissen statt Fachwissen

BT: Warum?

Arntz: Wir verteilen über die Noten Zukunftschancen. Würden wir aber Lernen über Prüfen stellen, wäre plötzlich die Frage wichtig, was dazu gehört, dass Kinder gut lernen können, und zwar egal wo, in der Schule, aber eben auch zu Hause. Und nicht geknackt haben wir auch die Nuss, wie mit dem Fachlichen und dem Überfachlichen umgegangen werden soll. Lebensbedeutsame Kompetenzen kommen in der Schule in der Regel viel zu kurz. Die OECD setzt auf Anwendungswissen, wir in Baden-Württemberg hocken auf Fachwissen. Bei uns in Baden-Württemberg wird der Zitronensäurezyklus gelernt, warum auch immer. Die allermeisten Schüler werden dieses Wissen nie und nimmer irgendwann anwenden, wie unendlich viel anderes auch.

BT: Was tun?

Arntz: Kinder von Anfang groß werden lassen im Sich-selbst-beobachten, im Sich-selbst-steuern, auch darin, Verantwortung zu übernehmen für eigene Ergebnisse und für die der anderen. Das trainieren wir überhaupt nicht, jedenfalls nicht, wenn wir uns an die offiziellen Vorgaben halten. An solchen zentralen Fragen guckt unser Bildungssystem einfach vorbei.

BT: Wieso treiben diese Themen die Bildungspolitik nicht mehr um?

Arntz: Da sehe ich keine Bereitschaft, auch oder gerade nicht nach Corona. Auf die vielfältigen Herausforderungen wird geantwortet mit einem Digitalisierungsreflex. Die Bildungspolitik, und da bin ich nicht nur bei der Kultusministerin, sondern auch bei der politischen Führung der Landesregierung, müsste doch sagen: Lasst uns endlich über gute Bildung sprechen.

BT: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten...

Arntz: ...würden wir uns alle an einer Startlinie versammeln, um darüber zu reden, was für uns gute Bildung ist. Was meinen wir damit, was wollen wir alle, wo können wir uns verständigen? Da ist noch niemand losgelaufen, um das Ziel zu erreichen, sondern es wird überhaupt erst einmal das Ziel definiert, möglichst viele, möglichst alle Kinder in die Lage zu versetzen, gut zu lernen. Man kann Vielfalt nicht mit Einfalt begegnen – damit werden wir den Kindern und Jugendlichen nicht gerecht. Und das muss endlich in die Köpfe und in die Herzen.

Ihr Autor

Brigitte J. Henkel-Waidhofer

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Erstellt:
14. August 2020, 18:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 45sec

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