Polizeirevier Rastatt: Corona hemmt Kriminelle

Rastatt (sie) – Wenn weniger Menschen unterwegs sind, kommt es zu weniger Schlägereien: Diese Logik spiegelt sich in der Kriminalstatistik des Polizeireviers Rastatt wider.

Deutlicher Rückgang: Am Bahnhof in Rastatt verzeichnete die Polizei 2019 noch 28 Fahrraddiebstähle, im vergangenen Jahr waren es nur elf. Foto: Hans-Jürgen Collet

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Deutlicher Rückgang: Am Bahnhof in Rastatt verzeichnete die Polizei 2019 noch 28 Fahrraddiebstähle, im vergangenen Jahr waren es nur elf. Foto: Hans-Jürgen Collet

Die Anzahl der Straftaten bewegte sich im vergangenen Jahr wie schon 2020 auf einem niedrigen Niveau. Der kommissarische Revierleiter Jochen Anschütz führt das auch auf den Corona-Lockdown zurück. Einen deutlichen Anstieg gab es bei den Sexualstraftaten. In diesem Punkt offenbart sich eine Schwäche der Statistik.
„Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung“, sagte Anschütz am Montag bei der Präsentation der Statistik im Polizeirevier. Zwar lag die Anzahl der Straftaten in Rastatt mit 3.331 leicht über dem Vorjahreswert von 3.203. Im Zehnjahres-Vergleich handelt es sich trotzdem um den zweitniedrigsten Wert. Der Höchststand war 2016 mit 3.847 erreicht.

Für das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung entscheidend ist vor allem der Bereich der Straßenkriminalität, also zum Beispiel Körperverletzungen und Diebstähle im öffentlichen Raum. 594 Fälle markieren den tiefsten Stand der vergangenen zehn Jahre. Das gleiche gilt für die Gewaltkriminalität, die mit 97 Fällen im Vergleich zu 2020 noch einmal um knapp 16 Prozent zurückging.

Die plausibelste Erklärung dafür lautet: Corona. „Die Annahme liegt nah, dass die Pandemie dabei die entscheidende Rolle spielt“, sagt Anschütz. Als im Lockdown 2021 Kneipen und Clubs geschlossen waren und im Landkreis Rastatt teilweise eine nächtliche Ausgangssperre herrschte, begegneten sich viel weniger Menschen – entsprechend geringer war das Konfliktpotenzial.

Weniger Fahrraddiebstähle am Bahnhof

Exemplarisch zeigt sich das im Bereich des Bahnhofs. Dort gab es nur 64 Straftaten. 2019 waren es vor der Pandemie 158. Damals zählte die Polizei 14 Körperverletzungen, 2021 waren es sechs. Auch die Anzahl der Fahrraddiebstähle ging von 28 auf elf zurück. Grundsätzlich ist der Bahnhof nach Einschätzung der Polizei kein Angstraum. „Das geben die Zahlen nicht her“, sagt Anschütz.

Ein Bereich, in dem es entgegen dem Trend eine Zunahme der Fälle gab, sind die Sexualdelikte. 99 Vorkommnisse verzeichnet die Statistik. „Normal wäre eine Größenordnung von 36 oder 37 Fällen“, sagt Anschütz.

Er erklärt die Zunahme mit zwei konkreten Fällen beziehungsweise Phänomenen. Zum einen treiben Schüler die Statistik nach oben, die pornografische Inhalte, die auch Gewalt gegen Kinder zeigen, übers Handy verbreiten. „Sie machen sich darüber keine Gedanken“, sagt Anschütz. Dabei handle es sich um eine bundesweite Entwicklung.

Zum anderen gab es den Fall des Erziehers, dem die Staatsanwaltschaft vorwarf, im Kindergarten Wintersdorf mindestens zehn Kinder sexuell missbraucht zu haben.

Dieser Fall verdeutlicht eine Schwäche der Statistik. Nachdem der Erzieher zunächst in Untersuchungshaft saß, stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen ihn im Sommer vergangenen Jahres wieder ein. Der Verdacht habe sich nicht hinreichend bestätigt.

Das zeigt exemplarisch: Auch wenn sich Vorwürfe in Rauch auflösen, bleiben die Fälle in der Statistik stehen. Und umgekehrt gilt auch: Straftaten, die niemand anzeigt, können nicht in die Statistik einfließen. Beispiel häusliche Gewalt: In diesem Bereich verzeichnete das Revier 2021 einen Rückgang um 22 Prozent. Erfahrungsgemäß gibt es aber eine hohe Dunkelziffer, da viele Opfer nicht zur Polizei gehen.

Ein anderes statistisches Phänomen zeigt sich bei den Vermögens- und Fälschungsdelikten. Das Revier Rastatt verzeichnete in diesem Bereich eine enorme Zunahme um 216 Fälle oder 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein Großteil davon ging allerdings auf das Kerbholz eines einzigen Täters. Dieser bot Waren im Internet an, die er gar nicht besaß. „Er hat leere Päckchen verschickt“, sagt Anschütz.

Der Täter trieb mit seiner Masche nicht nur die Fallzahlen ordentlich nach oben, sondern mit seiner Überführung auch die Aufklärungsquote. Insgesamt schlossen die Beamten des Reviers rund 68 Prozent der Fälle erfolgreich ab, fünf Prozent mehr als im Vorjahr.

Dingfest machen konnten die Ermittler auch zwei Banden, die in 80 Fällen Wertgegenstände aus Autos entwendeten und in Gaststätten einbrachen. „Die Gruppen haben sich auch gegenseitig ausgeholfen“, schildert Anschütz das Kooperationsmodell.

Bei den Diebstählen aus den Pkw hätten es sich die Täter denkbar einfach gemacht: „Sie haben geschaut, welche Fahrzeuge offen sind.“ Genauso einfach wäre es gewesen, die Diebstähle zu verhindern.


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