Corona im Haus Paulus: Vorwürfe gegen den Betreiber

Rastatt (BNN) – Immer noch wütet das Coronavirus im Pflegeheim Haus Paulus in Rastatt. Elf Bewohner sind inzwischen gestorben. Die Angehörigen fragen: Hätte der Ausbruch verhindert werden können?

Die Lage bleibt angespannt: Noch immer sind 34 der aktuell 85 Bewohner im Haus Paulus mit Corona infiziert. Foto: Hans-Jürgen Collet

Die Lage bleibt angespannt: Noch immer sind 34 der aktuell 85 Bewohner im Haus Paulus mit Corona infiziert. Foto: Hans-Jürgen Collet

Stefanie Fritsch musste in dieser Woche Abschied von ihrem Vater nehmen. Der 78-Jährige starb am 4. Januar im Klinikum in Balg in der Folge einer Corona-Infektion. Wie viele andere Bewohner hatte er sich das Virus im Pflegeheim Haus Paulus in Rastatt eingefangen. Die Tochter macht dem Betreiber Vorwürfe: „Wir sind unglaublich wütend und traurig, dass das Haus es nicht geschafft hat, das Virus von ihm fernzuhalten.“

Insgesamt 52 Bewohner infiziert

Nach Angaben des Landratsamts sind seit dem Ausbruch an Weihnachten mittlerweile elf Bewohner gestorben. 52 hätten sich mit dem Virus infiziert, an diesem Freitag waren es noch 34. Auch fünf Mitarbeiter wurden positiv getestet. Einen Nachweis auf die Omikron-Variante gebe es nicht. In dem Haus wohnen aktuell 85 Senioren.

Fritschs Vater lebte seit zweieinhalb Jahren in dem Haus. Am 24. Dezember informierte sie die Heimleitung per E-Mail über Corona-Fälle in seinem Wohnbereich. Mittlerweile hat der Ausbruch das komplette Heim erfasst. Fritsch wundert das nicht. Am zweiten Weihnachtsfeiertag besuchte sie ihren Vater noch einmal.

Angehörige beklagt mangelnde Hygienestandards

Was sie sah, erstaunte sie: „Die Mitarbeiter sind von Zimmer zu Zimmer gegangen und haben sich dazwischen nicht komplett neutralisiert“, schildert sie ihre Eindrücke. Aus ihrer Sicht seien hygienische Standards verletzt worden. Das habe zur Virus-Verbreitung beigetragen.

Einige Tage später war auch ihr Vater infiziert. Fritsch wägte ab, ob sie es riskieren könne, nach ihm zu sehen. Sie entschied sich dafür: „Er lag mit hohem Fieber da und hat nach Luft geschnappt wie ein Fisch auf dem Trockenen.“ Erst auf ihr Drängen hin hätten die Mitarbeiter den Notarzt gerufen, der ihren Vater in die Klinik gebracht habe. Sogar in dieser Situation habe eine Pflegerin das Zimmer betreten, die ihren Mund-Nasen-Schutz nicht korrekt trug.

Landratsamt erlässt Verfügung

Träfen Fritschs Vorwürfe zu, könnte der Betreiber gegen behördliche Auflagen verstoßen haben. Am 22. Dezember hat das Landratsamt nach Angaben von Pressesprecher Michael Janke eine Verfügung erlassen, die unter anderem vorschreibt, dass das Personal in infizierten Bereichen Schutzkleidung tragen müsse.

Darüber hinaus dürfe es keine Durchmischung des Personals geben. Beschäftigte, die sich um Infizierte kümmern, dürften also nicht im Anschluss Kontakt mit Nicht-Infizierten haben. Janke sagte an diesem Freitag: „Es wird heute eine weitere Verfügung geben, in der wir darauf auch noch einmal nachdrücklich hinweisen.“

Betreiber weist Vorwürfe zurück

Eine Sprecherin des Betreibers, die Kursana GmbH mit Sitz in Berlin, sagt, dass die Beschäftigten die Vorgaben einhielten: „Unsere Mitarbeiterteams wurden aufgeteilt und betreuen jeweils nur positiv getestete oder nicht-infizierte Senioren. Wir setzen weiter alle Hygienemaßnahmen nach RKI-Standard und in enger Abstimmung mit den Behörden um und kontrollieren deren Einhaltung.“

Laut Janke hat das Landratsamt bislang keine konkreten Hinweise auf Verstöße: „Davon ist nichts bekannt.“ Wie sein Kollege Benjamin Wedewart bereits am Dienstag erklärt hatte, fehlen der Behörde Erkenntnisse darüber, auf welchem Weg das Virus in das Haus gelangt ist und wie es sich dort so schnell weiterverbreiten konnte: „Wir kennen keinen Patienten null.“

Die Kursana-Sprecherin beteuert: „Unsere engagierten Mitarbeitenden geben auch in dieser nicht einfachen Situation ihr Bestes.“ Auch Fritsch will den Beschäftigten ihren guten Willen nicht absprechen, sagt aber auch: „Bemühen reicht nicht. Es geht um Menschenleben.“ Sie habe den Eindruck, es mangle dem Personal teilweise an Fachwissen.

Kritik an Vergabe von Impfterminen

Wütend macht sie auch, dass ihr Vater im Dezember über das Heim noch keine Booster-Impfung erhielt. Seine zweite Impfung war Mitte Juli erfolgt. Die Ständige Impfkommission empfahl die Auffrischung damals zwar in Regel erst nach sechs Monaten, im Einzelfall aber bereits nach fünf. Da ihr Vater Dialysepatient war und damit ein erhöhtes Risiko hatte, bat Fritsch die Heimleitung Mitte Dezember, sich um einen Booster-Termin zu kümmern. „Aber wir wurden auf Januar vertröstet“, sagt sie.

Sie und ihre Familie kümmerten sich schließlich selbst um einen Termin im Rossi-Haus. „Aber dann war es schon zu spät“, sagt sie. Die Kursana-Sprecherin verweist auf die damals gültige Sechs-Monats-Regelempfehlung der Stiko und sagt darüber hinaus: „Wir sind immer bemüht Impftermine, auch für impfwillige einzelne Bewohner, schnellstmöglich zu organisieren.“ Die Termine würden mit Unterstützung von Hausärzten oder durch mobile Impfteams durchgeführt. Diese müssten verfügbar sein: „Eine sofortige Verfügbarkeit für Einzelimpfungen vor Ort ist bei der aktuellen Corona-Lage im gesamten Landkreis leider nicht immer gegeben.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Holger Siebnich

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Erstellt:
7. Januar 2022, 16:15 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 26sec

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