Corona ist auch im Fischer-Haus ein Thema

Gaggenau (er) – Von Drogen, Medikamenten oder Alkohol loszukommen ist ein langer und schwerer Weg. Corona-Beschränkungen erschweren den Weg aus der Sucht – und erleichtern den Weg hinein.

Vereinsamung und Ängste können der Nährboden für eine Suchtkrankheit sein. Symbolfoto: Florian Gaertner/dpa

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Vereinsamung und Ängste können der Nährboden für eine Suchtkrankheit sein. Symbolfoto: Florian Gaertner/dpa

Auch für die Männer, die aktuell im Fischer-Haus in Michelbach eine Therapie machen, ist die derzeitige Situation geprägt von zusätzlichen Einschränkungen. Darüber hinaus verlangt dies dem Fachpersonal ein hohes Maß an Flexibilität und Kreativität ab. BT-Mitarbeiterin Elke Rohwer hat sich mit der leitenden Psychotherapeutin der Klinik, Daniela Laubel, und mit dem Rehabilitanden Martin Müller über Sucht und Therapie in Zeiten von Corona unterhalten.

BT: Herr Müller, Sie haben im Dezember im Fischer-Haus Ihre Therapie begonnen. Wie war die erste Zeit für Sie?

Michael Müller. Foto: Elke Rohwer

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Michael Müller. Foto: Elke Rohwer

Martin Müller: Ich muss vorwegschicken, dass ich im Vergleich zu anderen Rehabilitanden aus einem intakten sozialen Umfeld komme. Ich habe eine tolle Familie, die hinter mir steht, und einen Arbeitgeber, der meine Arbeitskraft schätzt und mich unterstützt.
Ich war darauf vorbereitet und wusste, was mich im Fischer-Haus erwartet. Die Anfangszeit war schwierig. Während der ersten drei Wochen darf man das Klinikgelände nicht verlassen. Das war wie Autofahren mit angezogener Handbremse. Hier haben mich meine Mitrehabilitanden sehr unterstützt. Durch Corona können sportliche Aktivitäten wie Hallensport und Schwimmen leider nicht stattfinden. Aber dafür haben wir Angebote im Freien. Wir gehen zum Beispiel viel wandern; ich nehme jedes sportliche Freizeitangebot wahr.
Daniela Laubel. Foto: Fischer-Haus

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Daniela Laubel. Foto: Fischer-Haus

Daniela Laubel: Viele Bereiche des Klinikalltags finden in zwei Schichten statt, was mit erheblichem Koordinationsaufwand verbunden ist. So werden zum Beispiel die Mahlzeiten in zwei Schichten eingenommen. Auch bei Hausversammlungen und therapeutischen Angeboten sind die Rehabilitanden schichtweise eingeteilt, um die Gruppen zu verkleinern und den Hygieneabstand einhalten zu können. In den Therapieangeboten bleiben wir noch mehr auf Abstand zueinander und lüften regelmäßig. Heimfahrten und Besuche sind nur in Ausnahmefällen gestattet. Wir sind derzeit sehr isoliert.

BT: Herr Müller, am 23. März ist Ihr letzter Tag im Fischer-Haus. Mit welchen Erwartungen sehen Sie diesem Tag entgegen? Wie geht es für Sie danach weiter?
Müller: Ich sehe mit einem positiven Gefühl in die Zukunft. Aber im Moment denke ich gar nicht daran. Mit dem Kopf bin ich noch ganz auf die Therapie konzentriert.
Meine ersten Anlaufstellen danach werden mein Hausarzt und mein Arbeitgeber sein. Ich möchte eine Eingliederung machen und Schritt für Schritt ins Berufsleben zurückkehren. Im April wird es ein Jahr, dass ich aus dem Job raus bin.

BT: Laut einer Studie des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim in Kooperation mit dem Klinikum Nürnberg ist der Alkoholkonsum bei rund einem Drittel der Erwachsenen in Deutschland seit der Covid-19-Pandemie gestiegen. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Müller: Ich persönlich kann es mir nicht vorstellen, wegen Corona wieder Alkohol zu trinken. Aber ich kann mir gut denken, dass viele Menschen durch die Kontaktbeschränkungen sehr zurückgezogen und einsam sind. Dass dann so mancher nichts mit sich anfangen kann und zur Flasche greift, kann ich mir vorstellen.
Laubel: Ich glaube, der vermehrte Alkoholkonsum während der Corona-Pandemie hat mehrere Gründe: Viele Menschen leiden sehr unter Vereinsamung, besonders diejenigen, die nicht mehr im Berufsleben stehen. Die dunklen und kalten Wintermonate haben sicherlich auch depressive Strukturen gefördert.

Von der Entspannung zum Seelentrost

Gleichzeitig glaube ich auch, dass sehr viele Menschen Existenzängste haben. Viele befinden sich in Kurzarbeit, manche Unternehmen müssen schließen oder stehen kurz vor der Insolvenz. Da ist ganz viel Unsicherheit und Angst. Alkohol ist überall erhältlich, er ist in der Gesellschaft erwünscht und toleriert. Viele Menschen trinken gelegentlich einen Schluck, um sich dadurch zu entspannen. Wer dieses Verhalten gewohnt ist, der trinkt in diesen Zeiten dann vielleicht auch mal, wenn es ihm gerade nicht so gut geht.

BT: Was würden Sie Menschen raten, die in diesem Zusammenhang gefährdet sind?
Laubel: Da fallen mir zwei Dinge ein: Ich würde zunächst einmal mein eigenes Verhalten kritisch betrachten und darauf achten, wann ich wie viel Alkohol konsumiere. Viele schlittern in dieses Trinkverhalten langsam rein.
Wenn ich feststelle, dass sich in meinem Verhalten etwas ändert, ich mich vielleicht auch zurückziehe, würde ich eine Beratungsstelle kontaktieren und mir dort jemanden zum Reden suchen.
Wie alles hat auch die Corona-Zeit eine gute und eine schlechte Seite. Gut ist, dass sich diese Zeit zum Innehalten eignet. Vieles ist verlangsamt und kommt zur Ruhe. Diese Phase lädt dazu ein, auf sich selbst zu schauen. Um aus einem Stimmungstief herauszukommen, kann es auch helfen, sich an Kleinigkeiten zu erfreuen und am Ende des Tages einen Moment darüber nachzudenken, was heute gut war – und natürlich viel Bewegung an der frischen Luft.

Seit 1979 in Michelbach

Die Fachklinik Fischer-Haus in Michelbach ist eine Rehabilitationseinrichtung für suchtkranke Männer. Sie wurde 1979 eröffnet und führt seither stationäre Entwöhnungsbehandlungen durch. Wesentlich für das Klinikprofil ist nicht zuletzt die überschaubare Größe der Einrichtung mit maximal 55 Patienten.

Der Trägerverein „Fischer-Haus“ ist Mitglied im Diakonischen Werk der Evangelischen Landeskirche in Baden, im Bundesverband für stationäre Suchtkrankenhilfe (BUSS) sowie ebenfalls im Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche Deutschland.

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Erstellt:
16. März 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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