„Corona kann jeden treffen“

Rastatt (sawe) – Drei Genesene aus der mittelbadischen Region berichten über ihre Erkrankung und erzählen, wie es ihnen heute geht. Zwei davon leiden noch unter den Folgen.

Ein Coronavirus, aufgenommen vom TU Wien-Spin-off Nanographics. Foto: Peter Mindek/dpa

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Ein Coronavirus, aufgenommen vom TU Wien-Spin-off Nanographics. Foto: Peter Mindek/dpa

Seit mehr als einem Jahr verbreitet sich das Coronavirus auf der ganzen Welt. In Baden-Württemberg haben sich bisher mehr als 300.000 Menschen infiziert. Und jeden Tag kommen immer noch neue Fälle dazu. Doch wer sind die Menschen hinter den Fallzahlen? Drei Betroffene aus der Region berichten von ihren Erfahrungen und wie es ihnen heute geht.


Erna Wetzel war im Oktober 2020 unterwegs in Kuppenheim und wusste plötzlich nicht mehr weiter. Besorgte Anwohner fragten, ob sie helfen können. „Ich habe mich furchtbar gefühlt“, sagt die heute 71-Jährige, ohne die Symptome genau benennen zu können. „Mir ging es einfach nur schlecht“. Sie kam zum Arzt und kurz darauf mit dem Krankenwagen in die Klinik nach Balg. Die Untersuchungen bestätigten die Befürchtungen: Die Kuppenheimerin hatte sich mit dem Coronavirus infiziert. Die Nachricht war ein Schock für sie. Und natürlich wurde gegrübelt, wo man sich denn die Seuche geholt haben könnte.

„Ich bin dankbar, dass ich überleben durfte“: Erna Wetzel. Foto: Sabine Wenzke

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„Ich bin dankbar, dass ich überleben durfte“: Erna Wetzel. Foto: Sabine Wenzke

Rückblickend meint Erna Wetzel, dass es wahrscheinlich im Urlaub passiert sein muss. Das Ehepaar war zuvor zum Wandern im Schwarzwald gewesen und hatte in einem Hotel logiert. Schon dort fühlte sich die CDU-Stadträtin und Bürgermeister-Stellvertreterin nicht sonderlich wohl. Doch wer denkt da schon gleich an Corona?

In der Zeit fünf Kilo abgenommen

Etwa elf Tage blieb sie in der Klinik. „Das Schlimmste“, sagt sie, „war die Isolation“. Ihre Zimmernachbarin konnte kein Deutsch, und so waren kurze Gespräche mit ihrer Familie via Handy der einzige Kontakt zur Außenwelt. Beatmet werden musste sie zum Glück nicht, allerdings erhielt sie Sauerstoff. Und sie habe kaum etwas essen können und in der Zeit fünf Kilo abgenommen. Auch machte sie sich Sorgen, um Menschen, mit denen sie zuvor in Kontakt war, wie ihre Familie oder die Teilnehmer eines Geburtstagsessens, bei dem sie selbst Gast war. Zwar wurden dort die Hygiene- und Abstandsregelungen eingehalten, berichtet sie, doch Gedanken mache man sich schon: Hat man womöglich jemanden angesteckt? Und was bedeutet das für das Umfeld? Ihre Familie musste erst einmal in Quarantäne, alle Kontaktpersonen seien vom Gesundheitsamt informiert worden.

Sie war gerade mal einen Tag daheim, als sie morgens stechende Schmerzen in der linken Schulter verspürte: „Jeder Atemzug tat weh“, denkt Erna Wetzel heute noch mit Entsetzen an diesen Tag zurück. Es ist Wochenende, sie selbst ruft in der Not die 110 an, der Krankenwagen bringt sie wieder nach Balg. Es ist allerhöchste Eisenbahn, denn: „Ich hatte eine Lungenembolie.“

Einige Tage später darf sie auch wieder nach Hause. Wie geht es weiter? Was kommt vielleicht noch nach? Gibt es Langzeitschäden? Die Ungewissheit macht ihr zu schaffen. Sie fühlt sich „leer, kaputt, kraftlos“. Nach anderthalb Wochen bemerkt sie plötzlich, wie ihr immer mehr Haare ausfallen. „Und ich gerate schnell außer Atem“, schildert sie Beschwerden, die sich zwar in den vergangenen Wochen etwas gebessert haben, aber noch längst nicht verschwunden sind. Sie ist oft müde und muss sich mehr als früher anstrengen, um sich zu konzentrieren. „Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich überleben durfte“, betont Erna Wetzel auch mit Blick auf die Vergangenheit, in der sie einen schweren Autounfall erlitten hatte.

Die ehrenamtliche Leiterin der katholischen öffentlichen Bücherei ist jemand, der beherzt auf andere zugeht, denn sie will aufklären und nicht schweigen: Schon oft habe sie Jugendliche oder auch Erwachsene angesprochen, wenn diese ohne den erforderlichen Abstand auf dem Gehweg zusammenstanden oder auch ihre Maske nicht richtig oder gar nicht trugen. Sie weise sie dann darauf hin und erzähle ihnen ihre eigene Corona-Geschichte. Es habe bisher noch nie negative Kommentare gegeben, sondern immer nur eine Reaktion: „Sie haben zugehört und waren betroffen“, erzählt die Kuppenheimerin, die seither von einigen Jugendlichen besonders freundlich gegrüßt wird. Sie sei sehr gläubig und sie schaue daher trotz allem mit Zuversicht nach vorne, sagt sie. Angst machten ihr lediglich Corona-Leugner.

Panik weicht der Erleichterung

Es war im März kurz vor dem ersten Lockdown 2020, als sich das Virus in den Körper von Ute Dauer schlich und an einem Sonntagmorgen zum Ausbruch kam. „Ich habe mich am Abend zuvor noch völlig fit gefühlt“, erzählt die gebürtige Rastatterin, die alleine lebt. Doch als die Asthmatikerin am Morgen erwachte, „hatte sich das Virus schon meine Atemwege gegriffen“. Sie habe nicht mehr genug Sauerstoff gehabt, um aus eigener Kraft in die Küche zu gelangen und Hilfe zu holen. In der Küche lag ihr Handy, das sie mit Blick auf ihren guten Schlaf schon lange aus ihrem Schlafzimmer verbannt hat. In ihrer Not erinnerte sich die 50-Jährige daran, dass im Nachtschrank noch irgendwo ein altes, abgelaufenes Cortisonspray sein musste. Kraftlos und um Atem ringend schnappte sie sich das Teil in der Schublade und hatte Glück. Nach den ersten Sprühstoßen merkte sie bereits, wie sie langsam wieder Luft bekam – und die Panik der Erleichterung wich. Angst habe sie gehabt, weil sie nicht wusste, was mit ihr los war. Todesangst aber nicht, konkretisiert Ute Dauer, die hauptberuflich ERP-Prozessmanagerin ist, in ihrer Freizeit gerne Motorrad fährt und zu jenen Frauen gehört, die nichts so schnell schrecken kann.

„Am Morgen hatte sich das Virus schon meine Atemwege gegriffen“: Ute Dauer. Foto: Sabine Wenzke

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„Am Morgen hatte sich das Virus schon meine Atemwege gegriffen“: Ute Dauer. Foto: Sabine Wenzke

Sie vermutete Corona, überlegte, was sie tun sollte. Ins Krankenhaus wollte sie aber partout nicht, daher hielt sie sich den ganzen Sonntag über bis zum Montagmorgen wach, um jederzeit noch einmal das Cortisonspray anwenden zu können, falls es erforderlich sein sollte. „Bloß nicht einschlafen“, sagte sie sich. Am nächsten Tag, da ging es ihr schon besser, rief sie in ihrer Hausarztpraxis an, es wurde ein Test gemacht, der einen Tag darauf das Vermutete bestätigte: Corona. 14 Tage blieb sie in Quarantäne zuhause. Fieber habe sie die ganze Zeit über nie gehabt, lediglich später leicht erhöhte Temperatur bekommen. Ihre Freunde waren für sie da und ihre Familie stellte der alleinlebenden Frau ein riesiges Care-Paket „mit allem, was ich in den nächsten zwei Wochen benötigte“ vor die Haustür – inklusive einer Flasche Sekt zum Begießen, wenn alles vorbei ist, berichtet die Rastatterin schmunzelnd.

Ein schöner Duft riecht jetzt ganz anders

So richtig genießen konnte sie das Prickelwasser dann aber doch nicht. Denn ihr Geruchs- und Geschmacksinn haben sich seither verabschiedet – und sind bis heute, fast ein Jahr danach, immer noch deutlich reduziert. Sie war bei Fachärzten, ließ Kopf, Lunge und Herz checken – „alles okay“. Von daher gehe man davon aus, „dass es irgendwann einmal wieder kommt, aber man weiß nicht wann“. Ein schöner Duft riecht jetzt ganz anders, als sie ihn in Erinnerung hat. Und als ganz furchtbar empfindet es Ute Dauer, dass sie ständig Hunger hat, weil sie kaum etwas schmeckt und sich deshalb kein wirkliches Sättigungsgefühl einstellen will. Körperlich ist sie allerdings wieder fit. Sie habe sich noch Monate nach der Quarantäne erschöpft gefühlt, nachts deutlich mehr geschlafen als sonst und sei doch tagsüber oft müde gewesen, schildert sie ihre Symptome. Das ist zum Glück vorbei.

Auch wenn sie Antikörper gebildet hat, wie ein Test ergab, trägt sie immer dort, wo es gefordert ist, einen Mund-Nasen-Schutz. Eigentlich müsste sie das nicht, denn als Asthmatikerin ist die 50-Jährige von der Maskenpflicht befreit, „weil meine Lunge angegriffen ist und mir das Atmen durch die Maske schwerfällt“. Allerdings nimmt sie dies lieber in Kauf, um möglichen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Sie sei mal draußen auf einer Bank gesessen und habe telefoniert. Da kam eine ältere Frau vorbei und habe sie beschimpft, weil sie keine Maske trug: „Ich sei ja noch jung und sie schon alt, aber sie wolle ja auch noch leben“, habe die Seniorin gewettert und sei richtig böse geworden. Das hat ihr gereicht.

Hoffnung auf baldige Normalität

Ute Dauer ist froh, dass sie trotz ihrer noch anhaltenden Sinneseinschränkung die Krankheit relativ glimpflich überstanden hat. Sie geht offen damit um und spricht auch darüber im Bekannten- und Freundeskreis. „Corona ist definitiv nicht nur ein Grippevirus, aber auch nicht die Pest. Es ist nichts, was man verheimlichen muss. Es kann jeden treffen“, sagt sie. Sie vermutet, dass sie sich damals in der Stadtbahn angesteckt hat. Als Unart empfindet es die Wahl-Forchheimerin daher, wenn Menschen auf engem Raum wie in der Stadtbahn, in der die Abstandsregelungen gerade zu Pendlerzeiten nicht eingehalten werden können, auch noch meinen, ständig telefonieren zu müssen. „Das müsste wirklich nicht sein“. Die Berücksichtigung der AHA-Vorsorgemaßnahme (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) findet sie wichtig, den harten Lockdown sieht sie jedoch als überzogen an. Wie alle anderen hofft sie, dass bald wieder so etwas wie Normalität einkehrt.

Als ihn sein Sohn Ende Oktober 2020 darüber informierte, dass sich in seinem Fußballclub das Virus breitgemacht habe, begab sich Elmar Sauter sicherheitshalber umgehend ins Homeoffice. Der Sohn wurde dann positiv getestet und auch der Vater blieb nicht von Corona verschont. Die ganze Familie musste sofort in Quarantäne. „Es fing mit Kratzen im Hals und latentem Kopfweh an“, schildert der 62-Jährige seine ersten Symptome, aber es kam noch schlimmer: „Ich habe mich körperlich nicht gut gefühlt“, beschreibt der Bauamtsleiter der Gemeinde Hügelsheim seinen damaligen Zustand.

„Man beobachtet sich sehr genau“: Elmar Sauter. Foto: pr

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„Man beobachtet sich sehr genau“: Elmar Sauter. Foto: pr

Und in den 14 Tagen der Quarantäne zu Hause war es dann „ein ständiges Auf und Ab“. Fieber in Schüben. Nächte, in denen er nassgeschwitzt aufwachte, Tage, an denen er sich wieder besser fühlte und sogar zwischendurch etwas fürs Geschäft machen konnte und wieder furchtbare Tage, an denen er einfach nur liegen musste.

„Das Schlimmste war aber immer das ungute Gefühl“, bekennt Sauter vor dem Hintergrund, dass er Asthmatiker ist und die Krankheit seine Lunge weiter schädigen könnte. „Das hat man ständig im Kopf. Man beobachtet sich daher sehr genau und hört mehr in sich hinein“.

Überaus vorsichtig im Umgang mit anderen

Auch heute noch, nachdem die Krankheit überstanden ist, hat die Achtsamkeit einen hohen Stellenwert in seinem Leben. Dass er sich nach Corona schon bald darauf wieder erholt hat, führt er vor allem auf seine gute körperliche Kondition zurück. Elmar Sauter ist leidenschaftlicher Sportler, fährt Ski, betreibt Bergsport und fährt die 14 Kilometer von seinem Heimatort Moos zum Hügelsheimer Rathaus täglich mit dem Fahrrad hin und zurück. Auch wenn er sehr wahrscheinlich Antikörper gebildet hat, hält sich Sauter stets an die AHA-Regeln und ist überaus vorsichtig im Umgang mit anderen, erzählt er über sein Leben nach Corona. Als ehemaliger Betroffener stehe er auch hinter den Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pandemie mit dem harten Lockdown: „Da müssen wir jetzt durch, so bitter das auch ist“, meint er. Denn: So etwas wie Corona wolle er nicht mehr erleben und würde er auch niemandem wünschen. In der Impffrage gibt es für ihn daher überhaupt keine Diskussion: „Ich würde mich impfen lassen“.

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Erstellt:
20. Februar 2021, 11:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 38sec

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