Corona verstärkt Personalnot in Bühler Kindergärten

Bühl (kos) – Nicht erst seit der Pandemie fehlt auch in den Bühler Kindertagesstätten qualifiziertes Personal. Die Folgen davon kriegen neben den Erzieherinnen vor allem die Kinder zu spüren.

Erzieherinnen sehen Handlungsbedarf: Melina Schnurr, Christel Köbele, Bettina Kupferer und Mariella Hertlein (von links) wissen um die Not im sozialen Bereich. Foto: Konstantin Stoll

© Konstantin Stoll

Erzieherinnen sehen Handlungsbedarf: Melina Schnurr, Christel Köbele, Bettina Kupferer und Mariella Hertlein (von links) wissen um die Not im sozialen Bereich. Foto: Konstantin Stoll

Die Sorge in den Kindertagesstätten, genug qualifiziertes Personal zu finden, existiert nicht erst, seit die Corona-Pandemie nahezu alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens beeinträchtigt hat. In den Bühler Kindergärten hat Corona dieses Thema zwar noch verstärkt – das Problem dahinter sei jedoch ein strukturelles und schon länger bekannt, sagen die Leiter von Bühler Kindergärten.

„Die Leute werden verschlissen“, bedauert Bettina Kupferer, Leiterin des Kindergartens St. Karl Borromäus in Neusatz. Das größere Problem aber ist: Es kommt kaum jemand nach. Stellen für Erzieherinnen und Erzieher bleiben regelmäßig monatelang unbesetzt, weil es schlicht an qualifizierten Arbeitskräften fehlt. Das ist auch im Raum Bühl ein Problem.

Problem seit Langem bekannt

Die Personalsituation in Kindergärten und sozialen Berufen ist seit Jahren angespannt und mitunter eine der größten Baustellen im diesem Bereich. Aus diesem Grund haben am Mittwoch bundesweit Warnstreiks stattgefunden, um auf chronische Unterbesetzung und mangelnde Wertschätzung der Erzieherinnen und Erzieher aufmerksam zu machen. Mit Corona hat dieses Problem nur am Rande zu tun, auch wenn Krankheitsausfälle durch die Pandemie bestehende Engpässe verstärkt: „Zu viele Kranke und zu wenig Nachwuchs“, pointiert Mariella Hertlein, Erzieherin im Neusatzer Kindergarten St. Karl Borromäus.

Das Thema sei genauso wie im Fall der Pflege bei Politik und bei Verwaltungen aber seit Langem hinlänglich bekannt, sagt Melina Schnurr, die als Leiterin des St.-Elisabeth-Kindergartens in der Bühler Innenstadt die Probleme der Personalnot aus eigener Erfahrung kennt. Es würde aber kaum jemand darüber sprechen, beklagt sie.

„Der Mangel ist zur Normalität geworden“

Die Folge bringt etwa Christel Köbele, Leiterin des Kindergartens Kinderland Sankt Josef in Weitenung, auf den Punkt: „Der Mangel ist zur Normalität geworden.“ Stellen würden nur nach einem „Mindestpersonalschlüssel“ besetzt, weshalb eine individuelle, pädagogische Begleitung und Förderung der Kinder damit nahezu unmöglich wird, sagt sie. Das zeige sich etwa daran, dass pädagogische Fachkräfte teilweise auch Hausmeisteraufgaben übernehmen müssen. Der gestiegene Verwaltungsaufwand durch die regelmäßig angepassten Corona-Landesverordnungen komme noch oben drauf, sagt Schnurr.

Die Konsequenzen bekommen neben den Erzieherinnen und Erziehern maßgeblich die Kinder zu spüren, die pädagogisch betreut werden sollen. Diese sollen in der Früherziehung im Kindergarten auf die Schule und darüber hinaus aufs spätere Leben vorbereitet werden. Das sei immerhin die Aufgabe, für die sich Erzieher vor der Berufsausbildung entschieden haben.

Investition in die nächste Generation

„Das will ich auch wieder machen“, sagt Köbele. Weil die Einrichtungen zu wenig Mitarbeiter haben, werde sich der Ist-Zustand aber auf absehbare Zeit nicht ändern, zeigt sich Köbele verärgert. Obendrein kommen regelmäßig Beschwerden von Schulen, weil Kindern teilweise notwendiges Vorwissen fehlt. „Warum können die Kinder denn das noch nicht?“, sei ein wiederkehrender Vorwurf, den Erzieher zu hören bekommen, so Schnurr.

Für Erzieherin Mariella Hertlein sind mehr Anerkennung und Unterstützung für das pädagogische Personal vor allem eine Investition in die Zukunft der Gesellschaft. Es gehe darum, die nachwachsende Generation im Kindesalter so zu formen und zu prägen, dass sie später selbstbestimmt ihr Leben führen könne. Dafür werden im Kindergarten essenzielle Grundsteine gelegt, fügt Hertlein hinzu. Und das müsse auch mit ausreichend Personal garantiert werden. Um diese Problematik zu lösen, gelte es, an vielen Stellschrauben zu drehen. Darunter falle etwa, in die Qualität der Ausbildung zu investieren und transparent zu machen, was Erzieher in der täglichen Arbeit zu leisten haben, befindet Köbele. Außerdem seien kirchliche Träger in der Pflicht, die Einstellungspolitik zu überdenken, ausschließlich Erzieher mit der vorgeschriebenen Konfession zu beschäftigen. Selbst Hilfskräfte, die mit der pädagogischen Arbeit mit Kindern nichts zu tun haben, würden nach wie vor ausgeschlossen, beklagt etwa Kupferer. Die Zukunftsfähigkeit dieser Personalpolitik dürfe durchaus bezweifelt werden, war der einhellige Tenor unter den Erzieherinnen in Bühl.

Dass kirchliche Kindergärten auf Konfessionsbindung beharren, „das ist ein Problem“, findet Köbele. Das sieht auch Hertlein so – auch wenn man nachvollziehen könne, dass es im Interesse der Kirchen liegt, im Kindergarten bestimmte Werte und Normen zu vermitteln.

Aus der Zeit gefallen

BT-Volontär Konstantin Stoll kommentiert: Kinder sind die Zukunft. Was auf den ersten Blick vielleicht eher wie eine abgedroschene Phrase von Politikern im Wahlkampf klingt, ist eine unbestreitbare Wirklichkeit der Gesellschaft. Die akute Personalnot in den Kindertagesstätten gehört unweigerlich zur harten Realität – auch in Bühl. Seit Jahren ist das Ungleichgewicht im sozialen Bereich zwischen zu betreuenden Kindern und pädagogischem Fachpersonal bekannt. Geändert hat sich allerdings für den praktischen Alltag der Erzieherinnen und Erzieher kaum etwas. Die Corona-Pandemie verstärkt dieses Problem noch zusätzlich. Das ist Grund genug, kirchliche Träger von Kindertagesstätten in die Pflicht zu nehmen, einen Kompromiss mit der Realität einzugehen: Die Konfessionsbindung als Richtschnur dafür zu nehmen, wer die künftige Generationen der Gesellschaft auf ihren ersten Schritten ins Leben begleiten darf, erscheint im 21. Jahrhundert angesichts der zunehmend multikulturellen Bevölkerung beinahe aus der Zeit gefallen. Um die Personalnot in den Kindergärten zumindest ein Stück weit zu beheben, gilt es, an vielen Stellen nachzujustieren. Für die Kindesbetreuung braucht es gut ausgebildete, engagierte und vor allem mehr Erzieherinnen und Erzieher. Ob jemand dafür besser oder schlechter geeignet ist, weil er katholisch, evangelisch, muslimisch oder orthodox getauft ist, darf bezweifelt werden.

Ihr Autor

BT-Volontär Konstantin Stoll

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Erstellt:
10. März 2022, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 40sec

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