Corona stellt Pflegende vor Herausforderungen

Rastatt (for) – Wer ein pflegebedürftiges Familienmitglied betreut, ist meist rund um die Uhr damit beschäftigt. Während der Corona-Krise hat sich der Zeitaufwand laut einer Studie noch erhöht.

Vor allem in der ersten Corona-Welle sind die Hilfsangebote von professionellen Pflegediensten teilweise weggebrochen. Foto: Jana Bauch/dpa

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Vor allem in der ersten Corona-Welle sind die Hilfsangebote von professionellen Pflegediensten teilweise weggebrochen. Foto: Jana Bauch/dpa

Pflegekräfte rücken während der Corona-Krise ganz besonders in den Fokus. Allerdings wird nur selten über die größte Gruppe unter ihnen gesprochen: Pflegende Angehörige. Von derzeit 4,25 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden rund 80 Prozent zu Hause gepflegt – das entspricht 3,34 Millionen Menschen. Die Corona-Pandemie kann für ihre Angehörigen mitunter eine erhebliche zusätzliche Belastung darstellen.

Wichtiger Beitrag für die Gesellschaft

Pflegende Angehörige leisten laut der Krankenkasse DAK einen wichtigen Beitrag für die ganze Gesellschaft, weil sie Pflegeeinrichtungen entlasten. Und dennoch applaudiert ihnen niemand öffentlich. Es bekommt auch kaum jemand mit, wenn sie erschöpft oder frustriert sind. Viele von ihnen sind rund um die Uhr im Dienst, füttern, waschen und wickeln ihre alten, demenzkranken oder behinderten Familienmitglieder.

So auch Sigrid und Franz Deck aus Kuppenheim. Das Ehepaar betreut seit rund 38 Jahren die gemeinsame Tochter Sylvia. Diese musste im Alter von fünf Monaten nach einem Herzstillstand reanimiert werden und ist seitdem schwerbehindert. „Damit hat sich unser Alltag natürlich komplett geändert“, sagt Franz Deck. „Während ich weiterhin arbeiten gegangen bin, ist meine Frau zuhause geblieben, um sich um Sylvia zu kümmern und sie zu den zahlreichen OP-Terminen zu begleiten“, blickt er zurück.

Belastung durch Corona-Pandemie erhöht

So wie Sigrid und Franz Deck geht es vielen Menschen in Deutschland. Sie krempeln ihren Alltag um, weil andere ihre Hilfe dringend benötigen. Die eigene Lebensqualität kann dabei schon einmal in den Hintergrund rücken. Laut einer Studie der DAK-Gesundheit haben sich die Belastungen für Angehörige, die Pflegebedürftige zu Hause betreuen, insbesondere in der ersten Welle der Corona-Pandemie sogar noch erhöht. Demnach leiden sie laut einer Umfrage überdurchschnittlich stark unter den Auswirkungen der Corona-Krise. Jeder Zweite (52 Prozent) sagt, sein Gesundheitszustand habe sich verschlechtert. 57 Prozent gaben demnach an, dass die Belastung durch die Pflege deutlich gestiegen sei. Hauptgrund sei ein höherer Zeitaufwand.

Patricia Huschka, Sachbereichsleiterin vom Amt für Soziales beim Landratsamt Rastatt, kann das nachvollziehen. Sie leitet den Pflegestützpunkt des Landkreises und kennt die Probleme, mit denen pflegende Angehörige seit Beginn der Pandemie zu kämpfen haben.

Tagespflege im Frühjahr geschlossen

„Im Frühjahr waren während des harten Lockdowns alle professionellen Hilfsangebote dicht“, blickt sie zurück. So konnte die Unterstützung von Pflegediensten nicht in gewohntem Umfang in Anspruch genommen werden. Auch die Tagespflege für Alte oder Behinderte sei im Frühjahr komplett geschlossen worden.

Daran können sich auch Sigrid und Franz Deck noch gut erinnern. „Normalerweise ist Sylvia an den Werktagen immer von morgens bis nachmittags bei der Lebenshilfe in der heilpädagogischen Tagesbegleitung“, schildert Sigrid Deck die Situation. Dieser Förder- und Betreuungsbereich ist an die Werkstätten der Lebenshilfe angegliedert. Diese Tagesbetreuung sei im Frühjahr aber weggefallen. „Da wir mittlerweile beide in Rente sind, war das für uns keine zusätzliche Belastung. Wir können uns wirklich nicht beschweren“, fügt Franz Deck hinzu. „Aber mir tun diejenigen leid, die eine Person pflegen und gleichzeitig noch berufstätig sind. Es ist ohnehin schon eine Herausforderung, Beruf und Pflege zu vereinbaren. Durch die aktuelle Situation, in der Hilfsangebote wegbrechen, ist das natürlich noch schwieriger.“

Probleme bei Vereinbarung von Beruf und Pflege

Huschka kann das bestätigen. Probleme bei der Vereinbarung von Beruf und Pflege sowie die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus seien zusätzliche Stressfaktoren, mit denen viele pflegende Angehörige derzeit zu kämpfen hätten. Umso mehr befürwortet sie den Vorschlag von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, die Akuthilfen für pflegende Angehörige zu verlängern. Wer coronabedingt Angehörige pflegt und erwerbstätig ist, erhält durch die Verlängerung auch weiterhin bis zum 31. Dezember das Recht, bis zu 20 Arbeitstage pro Akutfall der Arbeit fernzubleiben. Auch das Pflegeunterstützungsgeld wird für diese Zeit verlängert. „Das löst zwar nicht die Grundproblematik, die viele pflegende Angehörige haben, aber es ist ein wichtiger Schritt, um die derzeitige Situation etwas zu verbessern“, betont Huschka.

Für Sylvia Deck sei die Zeit, die sie zuhause verbringen musste, zunächst nicht weiter schlimm gewesen. „Sie freut sich, wenn sie mal daheim bleiben darf. Irgendwann wird es ihr aber langweilig. Es ist einfach gut für sie, wenn sie raus kommt und Kontakt mit anderen Menschen hat“, sagt Mutter Sigrid. „Deshalb sind wir jetzt schon erleichtert, dass sie wieder zur Tagesbetreuung gehen kann“, betont sie. Daniel König, Bereichsleiter Pflege bei der Sozialstation St. Elisabet Rastatt, hat den Eindruck, dass auch der Bedarf an einem Tagespflegeplatz für alte Menschen in den vergangenen Monaten stark angestiegen ist. Das liege daran, dass viele andere Betreuungsangebote coronabedingt wegfallen. Allerdings müsse auch in der Tagespflege auf eine reduzierte Platzanzahl geachtet werden, um die Corona-Abstandregelungen entsprechend einzuhalten.

Viele Pflegende sind selbst Risikopatienten

Angst davor, dass sich Tochter Sylvia in der Betreuungseinrichtung mit dem Coronavirus infizieren könnte, hat das Ehepaar Deck eher weniger. „Wir sehen ja, wie gewissenhaft die Pflegekräfte dort mit der Situation umgehen“, meint Franz Deck. So würde am Morgen vor der Eingangstür bei allen Tagesgästen Fieber gemessen. Außerdem seien Angehörige der Betreuten dazu aufgerufen worden, ihre sozialen Kontakte einzuschränken. „Aber das tun wir ja sowieso“, merkt Sigrid Deck an. Zwar gehe das Ehepaar nicht davon aus, dass seine Tochter zur Risikogruppe gehöre – „Sylvia ist zwar behindert, aber ihre Organe sind alle gesund“ – aber letztendlich könne man da natürlich nie sicher sein. Franz und Sigrid Deck gehörten mit ihren 76 Jahren aber auf jeden Fall zur Risikogruppe. „Die Situation, dass die Pflegenden selbst schon nicht mehr die Jüngsten sind, gibt es ganz oft. Das macht das Ganze natürlich nicht einfacher“, weiß Huschka aus Erfahrung. „Angst ist das falsche Wort, aber Respekt vor dem Virus haben wir deshalb auf jeden Fall“, merkt Sigrid Deck an.


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