Cossu im Interview: „Dialekt ist Heimat für mich“

Baden-Baden (km) – Rapper, Comedian und badischer Botschafter: Lukas Staier alias Cossu will sich in keine Schublade pressen lassen. BT-Redakteurin Kathrin Maurer hat den Kinzigtäler interviewt.

Inmitten von Fachwerkhäusern, Tannennadeln und dem Haslacher Rathaus – da fühlt sich Lukas Staier alias Rapper und Comedian Cossu besonders wohl und vor allem zu Hause. Foto: Dimitri Dell

© DIMITRI DELL

Inmitten von Fachwerkhäusern, Tannennadeln und dem Haslacher Rathaus – da fühlt sich Lukas Staier alias Rapper und Comedian Cossu besonders wohl und vor allem zu Hause. Foto: Dimitri Dell

Schelle Se net an sellere Schell, selle Schell schellt net. Schelle Se an sellere Schell, selle Schell schellt – dieser badische Zungenbrecher katapultierte Lukas Staier alias Cossu in kürzester Zeit an die Spitze der gefragtesten Influencer Baden-Württembergs. Der bekennende Schwarzwälder, geboren in Zell am Harmersbach und aufgewachsen in Haslach im Kinzigtal, ist das neueste Werbegesicht von Edeka-Südwest und der Tourismus-Kampagne des Landes „Städte des Südens“, und erreicht mit seiner Mundart-Comedy längst Hunderttausende Fans auf Instagram und Tiktok. Doch humoristisch mit Schwarzwald-Klischees spielen ist längst nicht alles, was der 33-Jährige kann – mit 13 Jahren nahm der Teilzeit-Grundschullehrer seinen ersten Hip-Hop-Song auf und ergatterte bei einem Contest den Titel „Deutschlands politischster Rapper“ – denn gerade musikalisch widmet er sich ernsten Themen wie Rassismus. Seit 2020 verstärkt der Wahlstuttgarter als musikalischer Sidekick und Außenreporter die TV-Show von Chris Tall und Kinofans ist die Schlagkraft seiner Rolle im Kassenschlager „Nightlife“ bestimmt nicht entgangen. Warum sich der Kinzigtäler, nicht gerne in eine Schublade pressen lassen möchte, welche Themen ihn bewegen und was für ihn Heimat bedeutet, hat er Kathrin Maurer im Interview verraten.

BT: Cossu, wie ist das für Dich, nun als lokale Berühmtheit immer mal wieder im Kinzigtal zu sein? Hast Du dort jetzt einen Promi-Status?
Cossu: Man merkt schon, dass die Leute mitbekommen, was ich mache – besonders an den Blicken. Man kennt sich ja oft vom Sehen, und grundsätzlich grüße ich sowieso jeden – aber jetzt wird schon das ein oder andere Foto mit mir gemacht.

BT: Du hast ja mit Deinem Freund, dem Schauspieler Frederick Lau, an Ostern das Kinzigtal unsicher gemacht – was hält er von deiner Heimat?
Cossu: Frederik Lau wird ja wirklich überall erkannt, aber hier haben sich die Leute für uns beide interessiert. Für Frederik war das echt entspannt hier und schön, mal meine Gegend kennenzulernen. Wir kennen uns seit zehn Jahren und hatten uns schon lange vorgenommen, dass er mal herkommt.

BT: Ein bisschen Lehrer, ein bisschen Rapper, ein bisschen Comedy und ein bisschen Schauspielerei – hast Du das Gefühl, Dich irgendwann für eine Sache entscheiden zu müssen?
Cossu: Als ich früher nur gerappt habe, war es den Leuten immer wichtig, dass ich mich festlege – die wollten ein Alleinstellungsmerkmal, das man vermarkten kann. Aber so war ich noch nie. Früher wurde mir das als Schwäche ausgelegt, dass ich mich nicht mit einem bestimmten Detail identifizieren kann – doch das ist heute meine große Stärke. All diese Dinge machen mir Spaß, ich will diese Limitierung gar nicht.

Freiheit durch Social-Media-Reichweite

BT: Inwiefern hat Social Media das Potenzial, Dich auf diesem Weg zu fördern?
Cossu: Social Media gibt mir eben genau diese Freiheit durch die Reichweite, die ich mit den ganzen verschiedenen Bereichen erlange. Bringe ich jetzt einen Song raus, sehen das gleich ein paar Tausend Leute. Das war davor nicht so. Ich habe nun die Chance, alles viel besser parallel aufzubauen. Zum Beispiel hatte ich früher gar kein Demoband – ohne Demo kann dich eine Schauspielagentur nicht wirklich weiterbringen. Über meine Social-Media-Kanäle haben Agenturen jetzt die Möglichkeit, sämtliche Sachen von mir anzuschauen, um zu sehen, ob ich ihren Vorstellungen entspreche.

BT: Begonnen hat bei Dir alles mit der Musik – genauergesagt mit Hip-Hop ...
Cossu: Absolut! Musik ist mein Leben – gerade Hip-Hop. Auch wenn ich mich mit dem Heutigen nicht mehr unbedingt identifizieren kann. Hip-Hop ist für mich ein Lifestyle, mit dem bin ich aufgewachsen, und den lebe ich noch immer.

Zufälle als Türöffner

BT: Verschiedene Zufälle haben Dich immer einen Schritt weiter in Richtung Showbiz gebracht. Du hast es als absoluter Underdog zu Bülent Ceylan auf die große Bühne geschafft und den Massen eingeheizt, bevor der Mannheimer mit seinem Programm loslegte. Wie bist Du da hineingestolpert?
Cossu: Das ist eine Sache, über die ich mir wohl ewig Gedanken machen werde – weil das eigentlich fast nicht zu glauben ist. Von Außen betrachtet sind es Zufälle, und ich möchte auch gar nicht esoterisch klingen, aber ich glaube, irgendwann kommen Dinge einfach zu einem zurück, wenn man auch etwas gibt. Manchmal erzwingt man diese Zufälle ja auch, weil man an einen bestimmten Ort geht, an dem man vielleicht auch erkannt wird. Zu Bülent Ceylan kam es so: Ich habe während des Studiums als Hutverkäufer auf dem Cannstatter Wasen gearbeitet. Dann hat mich ein Typ angesprochen. Ich dachte erst, er will mich anmachen, weil er mich nicht in Ruhe ließ, bis er meine Nummer hatte. Ein halbes Jahr später rief er wirklich an, und fragte, ob ich mit Bülent Ceylan auf Tour gehen möchte, um mich ums Merchandise zu kümmern und ab- und aufzubauen.

Bülent hat dann mitbekommen, dass ich Musiker bin, und hat mich direkt vor 10.000 Leuten ins kalte Wasser geschmissen und auf die Bühne geholt. Das lief super und ab diesem Tag machte ich das vor jeder Show.

BT: Du bist auch in einem der erfolgreichsten deutschen Filme zu sehen. An der Seite von Palina Rojinsky, Elyas M‘Barek und Frederik Lau hast Du eine Rolle in „Nightlife“. Mit Lau verbindet Dich eine langjährige Freundschaft – wie habt ihr Euch kennengelernt?
Cossu: Frederik hab ich am abgelegensten Strand in Thailand in einer Bar kennengelernt – ab diesem Abend waren wir drei Wochen zusammen unterwegs. Grundsätzlich sind es schon Zufälle, aber mir passieren immer wieder komische Sachen, da wundern sich viele in meinem Umfeld gar nicht mehr (lacht). Das mit der Rolle hat sich dann so ergeben, dass ich auf eigene Kosten nach Berlin gefahren bin zum Casting. Da hätten andere vielleicht gesagt, das mache ich nicht, weil die Chancen sowieso gering sind. Ich habe es einfach versucht – und es hat funktioniert. Auch wenn ich es mir manchmal selbst nicht erklären kann.

BT: Egal ob in Deiner Comedy oder Deiner Musik – Rassismus ist als Thema stets gegenwärtig. Welche Erfahrungen musstest du da schon machen?
Cossu: Mit 13 Jahren wurde mir auf einem Fest von einem Rechtsradikalen der Kiefer gebrochen. Da war ich am 1. Mai mit Freunden unterwegs, und bin somit ein Risiko eingegangen. Es waren immer ein paar Leute aus der rechten Szene unterwegs – da musste ich immer schauen, dass ich nicht allein bin. Aber das war natürlich extrem. Einer hat mir direkt ins Gesicht getreten, meinen Kiefer dreifach gebrochen und ich landete im Krankenhaus. Und dann gibt es halt diesen nicht immer so sichtbaren Alltagsrassismus, der mich auch wirklich nervt. Ich vergesse zwar vieles wieder, aber es nervt. Es nervt, dass wir da noch immer nicht weiter sind und sich nichts ändert. Als Kind solche Erfahrungen zu machen, ist halt krass. Du kannst es Dir einfach nicht erklären, wenn so etwas passiert. Das kann das Selbstbewusstsein schon nachhaltig beeinflussen. Und es ist so traurig, dass die Leute das immer noch nicht sehen wollen oder verstanden haben, da muss man früh anfangen, etwas in den Köpfen zu verändern – im Kindergarten und in der Schule.

BT: Hättest Du Dir manchmal gewünscht, in einem urbaneren und dadurch schon vielfältigeren Umfeld aufzuwachsen als im Kinzigtal, wo du durch deinen Migrationshintergrund herausstichst?
Cossu: Ne, das war schon alles in Ordnung. Es hätte schulisch oder so schon Vorteile gebracht. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, denn nur der Kontakt zu Menschen mit Migrationshintergrund durchbricht diese Distanz. Das sieht man ja auch im Osten, gerade da, wo die wenigsten Menschen mit Migrationshintergrund leben, herrscht die größte Angst. Diese Angst bekämpft man nur mit Kontakt, mit Konfrontation, mit Gesprächen. Ich habe mich aber ehrlichgesagt immer weiß gefühlt.

BT: Warum das? Warum klassifiziert man das überhaupt? Fühlt man sich nicht einfach als Mensch?
Cossu: Ja klar, eigentlich schon. Aber man wird ja klassifiziert, dann macht das schon einen Unterschied. Man kann zwar sagen, für mich gibt es keine Unterschiede zwischen Hautfarben, aber im Endeffekt gibt es diese gesellschaftlich ja schon, und ich habe die auch immer wieder zu spüren gekriegt. Aber ich bin mit den Werten, der Kultur und der Haltung der Leute im Badnerland groß geworden. Ich kenne meinen Vater, der aus Ghana stammt, nicht, bin mit meiner Mama und Oma aufgewachsen und mir hat nichts gefehlt – das ist alles Heimat für mich.

„Dialekt heißt: Wir sind vom selben Schlag“

BT: Was bedeutet Dialekt in Bezug auf Heimat für Dich?
Cossu: Dialekt bedeutet für mich ganz klar Heimat. Sobald ich ihn höre um mich herum, fühle ich mich zu Hause und zugehörig. Ich konnte mich mit meiner Sprache immer zugehöriger fühlen als mit meinem Äußeren. Dialekt heißt: Wir sind vom selben Schlag. Da komme ich her. Das gilt für ganz Baden.

BT: Du spielst mit diesem Bruch deines Erscheinungsbilds und deiner Sprache, und treibst das in der Comedy gern mal auf die Spitze mit Afrohemd und hinterwäldlerischen Schwarzwald-Klischees ...
Cossu: Klar, der Kontrast mit meinem bunten Afrohemd, der hat natürlich eine Signalwirkung und fällt viel mehr auf. Die Leute finden Fremdes immer erst mal interessant, und da ist es natürlich witziger, wenn man mir dabei zuschaut, wie ich Dinge tue, die man auf den ersten Blick nicht von mir erwartet.

„Region Baden ist vielen überhaupt nicht bekannt“

BT: Du bringst badische Mundart ins TV – forderst Chris Tall in Dialekt-Challenges heraus, singst mit Pietro Lombardi das Badnerlied und posierst mit Frederik Lau vor dem Haslacher Ortsschild. Hast du vor, den Dialekt etwas aus der Bauern-Ecke zu holen und mit ein paar Klischees aufzuräumen – als eine Art Botschafter Badens?
Cossu: Ich sehe mich schon irgendwie als so etwas – wobei Botschafter vielleicht zu weit geht. Für viele besteht der Schwarzwald aus Schwarzwaldklinik – oder man denkt, wir seien alles Schwaben. Die Region Baden ist vielen überhaupt nicht bekannt. Hat man nun Leute mit einer gewissen Reichweite am Start, hilft das natürlich, das Badnerland ein bisschen in die Welt hinaus zu tragen. Ich habe jetzt auch einen Werbefilm für das Land Baden-Württemberg gedreht – das ist schon eine Ehre. Denn aus dem Schwarzwald gibt es nicht so viele Leute, die man kennt. Mein größtes Vorbild war immer Skispringer Martin Schmidt – einer von uns. Klar, Christian Streich und Jogi Löw fallen einem ein, aber dann wird es schon wieder eng.

BT: Du sprichst auch immer wieder gesellschaftlich relevante Themen an. Siehst Du das als Deinen Auftrag an, auch politisch Deine Meinung zu äußern?
Cossu: Also, grundsätzlich würde ich gerne immer sagen, was ich denke. Das kann man heutzutage nur leider nicht mehr. Deshalb versuche ich, hauptsächlich diese Sachen miteinfließen zu lassen, über die ich wirklich Kenntnisse habe. Rassismus habe ich selbst erlebt, da kann mir keiner sagen, ich hätte keine Ahnung. Wichtig ist, bevor man sich äußert, dass man Ahnung haben und sich mit den Themen auseinandergesetzt haben muss, über die man spricht.

BT: Bist Du beruflich schon da angekommen, wo du hinwillst?
Cossu: Ich wollte immer etwas mit Kunst machen. Ich habe sehr viele Ferienjobs in meinem Leben hinter mich gebracht, und mir wurde dadurch auch immer klar, was genau ich nicht machen will. Grundsätzlich ist das hierarchische System nicht meins. Auch ein Nine-to-Five-Job, jeden Tag das Gleiche zu machen, ist nichts für mich. Der Ausweg war immer das Kreative – und das ist es, was ich jetzt mache. Ich habe mich weiterenentwickelt – das setzt ganz neue Energien in mir frei, die mich antreiben. Wenn ich richtig Gas gebe, kommen neue Chancen, das merke ich gerade deutlich, und ich bin dankbar darüber. Ich war schon immer ein Kind, das gerne im Spotlight steht – schon in meiner Abizeitung stand als Beschreibung meiner Mitschüler: Lukas werde als Erstes reich und berühmt. Jedenfalls mache ich gerade genau das, was ich möchte – und das ist großartig!

Ihr Autor

BT-Redakteurin Kathrin Maurer

Zum Artikel

Erstellt:
4. Juli 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 7min 14sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.