Covid-19: Risiko auch für Zootiere

Karlsruhe (for) – Fälle von Zootieren, die sich über den Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert haben, sind keine Seltenheit mehr. Der Karlsruher Zoo will seine Tiere deshalb bestmöglich schützen.

Unbemerkte Infektionen entdecken: Wenn Tiere in Narkose gesetzt werden, nimmt Marco Roller in der Regel immer eine Blutprobe, um diese auf Antikörper zu untersuchen. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

© Timo Deible

Unbemerkte Infektionen entdecken: Wenn Tiere in Narkose gesetzt werden, nimmt Marco Roller in der Regel immer eine Blutprobe, um diese auf Antikörper zu untersuchen. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Während Schimpansendame Sophie wild im Außengehege herumturnt, sitzt Benny, Karlsruhes ältester Schimpanse, völlig ruhig hinter der Glasscheibe im Affenhaus des Zoologischen Stadtgartens. Gespannt beobachtet er ein Mädchen, das ihm von außen zuwinkt. Hin und wieder klopft Benny innen gegen die Scheibe, um auf diese Art mit den Zoobesuchern auf der anderen Seite zu interagieren. „Wenn er könnte, würde er jetzt sicher ein Stöckchen durch die Fugen nach draußen reichen, um mit uns zu spielen“, sagt Timo Deible, Pressesprecher des Karlsruher Zoos. Wegen der Corona-Pandemie geht das aber nicht.

Die sogenannten Fugen, also schmale offene Spalten zwischen den Glasscheiben der Außenanlage des Affengeheges, wurden abgeklebt, sodass keinerlei Stöcke oder andere Gegenstände mehr zwischen den Tieren und Besuchern hin- und hergereicht werden können. „Das ist wichtig, um eine Übertragung von Coronaviren bestmöglich zu verhindern“, erklärt Zootierarzt Marco Roller. Denn inzwischen ist bestätigt: Auch Tiere können sich mit Sars-CoV-2-Viren infizieren und teilweise auch erkranken. Das Abkleben der Fugen ist deshalb nur eine von vielen Maßnahmen, die der Karlsruher Zoo zum Schutz der Tiere unternommen hat.

„Das Thema Coronavirus und inwieweit sich unsere Zootiere speziell mit Sars-CoV-2 infizieren und auch erkranken können, beschäftigt uns seit Beginn der Pandemie“, betont Roller gegenüber dem BT. Er stehe in engem Kontakt mit Zoo- und Wildtierärzten weltweit. Auf regelmäßigen Onlinekongressen tauschen sich die Tiermediziner über neue Erkenntnisse aus.

Schneeleoparden haben ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

© Zoo KA

Schneeleoparden haben ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Schwerer Atem, Husten und Nasenausfluss

„Die ersten Berichte über infizierte Zootiere kamen schon recht früh, nämlich im April 2020 aus Nordamerika“, erinnert sich Roller. Dort hätten sich in mehreren Zoos, zunächst in New York und etwas später in San Diego, Großkatzen infiziert und auch respiratorische Symptome gezeigt. Dazu gehörten Krankheitsanzeichen wie Atemwegserkrankungen, Hustensymptome sowie Abgeschlagenheit und Durchfall. Einige Tiere hätten zudem das Fressen eingestellt.

Neben den positiven Fällen bei Tigern und Löwen wurden kurze Zeit später auch positive Fälle bei Menschenaffen, Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen bekannt, wie aus einer Zusammenfassung der European Association of Zoo and Wildlife Veterinarians (EAZWV) hervorgeht. Und zwar nicht nur in amerikanischen Zoos, sondern im Laufe der Pandemie bald auch in europäischen Tiergärten, etwa in Prag und Barcelona. „Wir haben mittlerweile eine ganze Bandbreite an Tieren, die sich mit Sars-CoV-2 infizieren können. Erst kürzlich wurden im Zoo in Antwerpen sogar Flusspferde positiv getestet, nachdem sie Symptome wie Nasenausfluss und Atemwegsbeschwerden gezeigt hatten“, berichtet Roller.

Tierarzt Marco Roller vor dem Affengehege des Karlsruher Zoos: Ein Schild weist darauf hin, dass sich Schimpansen mit Coronaviren infizieren können. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

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Tierarzt Marco Roller vor dem Affengehege des Karlsruher Zoos: Ein Schild weist darauf hin, dass sich Schimpansen mit Coronaviren infizieren können. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Schneeleoparden besonders gefährdet

Der Karlsruher Zoo sei bisher zwar von solchen Fällen verschont geblieben, die Sorge sei aber dennoch da – insbesondere mit Blick auf die seltenen Schneeleoparden, die auch im Karlsruher Zoo gehalten werden. Denn während die meisten Krankheitsverläufe bei betroffenen Tieren bisher immer sehr mild waren, sieht das bei den Schneeleoparden anders aus. „Sie zeigen sich ersten Erkenntnissen zufolge als sehr empfänglich für Sars-CoV-2 und entwickeln leider auch schwere Krankheitsverläufe – teilweise sogar mit Todesfolge“, so Roller. Besonders dramatisch an der Sache: Schneeleoparden sind ohnehin schon stark vom Aussterben bedroht.

Weil sich die Zootiere in allen bisher bekannten Fällen über den Menschen – meist über Pfleger – angesteckt hätten, gelten für die Mitarbeiter des Karlsruher Stadtgartens während der Pandemie noch strengere Hygienevorschriften als ohnehin schon. „Regelmäßiges Händewaschen und Desinfizieren sind in der Tierhaltung natürlich allgemein wichtige Grundsätze, die wir im Zoo seit jeher umsetzen“, betont Roller. Das Tragen einer Maske habe in der aktuellen Pandemie noch an Bedeutung dazugewonnen. „Unsere Tierpfleger tragen beispielsweise sogar dann eine Maske, wenn sie ein Gehege reinigen, ohne dass zur gleichen Zeit ein Tier drin ist“, betont Deible. Auch bei der Futterzubereitung gilt Maskenpflicht, damit über das Futter keine Viren weitergegeben werden. Außerdem hielten die Pfleger zu den Tieren einen Mindestabstand, „soweit das möglich ist“, merkt Roller an.

Karlsruhes ältestes Schimpansenmännchen Benny. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Karlsruhes ältestes Schimpansenmännchen Benny. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Regelmäßiges Testen ist „nicht umsetzbar“

Und wenn ein Tier dann trotz dieser Maßnahmen Krankheitssymptome zeigt? „Für den Fall der Fälle haben wir einen Notfallplan entwickelt, der dem Vorgehen bei einem positiven Menschen sehr ähnelt“, erklärt Roller. Sollte ein Tier Anzeichen zeigen, werde mithilfe eines Nasen- und Rachentupfers eine PCR-Probe entnommen. Fällt der Test positiv aus, müssten auch alle engen Kontakttiere getestet werden. „Kleine Tiere können wir dann auf der Krankenstation in unserer tiermedizinischen Abteilung isolieren, für größere Tiere haben wir Quarantäne-Bereiche“, so Roller. Schwieriger sei es bei Raubkatzen oder etwa Flusspferden. „Die können wir nicht so einfach in ein anderes Gehege setzen, da würde die Quarantäne dann im normalen Tierhaus stattfinden, welches wir für Besucher sperren müssten.“

Haustiere können sich ebenfalls anstecken

Regelmäßiges Testen, wie es etwa in Schulen oder Kitas gemacht wird, sei bei Zootieren „schlicht nicht umsetzbar“, weiß Roller aus Erfahrung. Um bei einer Raubkatze einen Nasen- und Rachenabstrich zu nehmen, müsse das Tier in den meisten Fällen in Narkose gesetzt werden. „Wir haben zwar auch Großkatzen, etwa unsere Löwin Safo, die so gut trainiert ist, dass sie sich wahrscheinlich auch ohne Narkose testen lassen würde. Allerdings reagiert ein Tier im kranken Zustand oft anders als im gesunden“, gibt Roller zu bedenken. Aus diesem Grund würden Tiere nur dann getestet, wenn ein begründeter Verdacht vorliege.

Covid-19 bei Tieren ist allerdings nicht nur in Zoos ein Thema: Laut einer Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) haben sich rund vier Prozent der Hauskatzen in Europa im Frühjahr und Sommer 2020 mit dem Coronavirus infiziert. Forscher haben dazu insgesamt 2.160 Blutproben von Katzen aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Italien und Spanien entnommen und diese auf Antikörper untersucht. Die meisten Katzen, bei denen Antikörper gegen Sars-CoV-2 gefunden werden konnten, stammten der Studie zufolge aus Haushalten, bei denen sich mindestens eine Person mit dem Coronavirus infiziert hatte. „Man geht deshalb auch hier davon aus, dass sich die Katzen ausschließlich beim Menschen angesteckt haben“, so Roller. Die gute Nachricht: Fast alle Samtpfoten zeigten nur milde bis gar keine Krankheitssymptome. Hinweise darauf, dass Haustiere ihre Halter angesteckt haben könnten, gab es der Studie zufolge jedoch nicht. Auch laut dem Friedrich-Loeffler-Institut, das im Bereich Tiergesundheit forscht, spielen Haustiere nach dem jetzigen Kenntnisstand epidemiologisch keine Rolle bei der Verbreitung von Sars-CoV-2.

Wildtiermärkte als Gefahrenquelle

Und dennoch: Die Sorge, dass sich das Virus unter bestimmten Wildtierarten weiterverbreiten, mutieren und später in gefährlicherer Form wieder zum Menschen zurückkehren könnte, ist aus Sicht von Marco Roller nicht ganz unbegründet: „Man hat zum Beispiel schon beobachtet, dass es etwa bei den Weißwedelhirschen in Nordamerika zu einer recht schnellen Verbreitung kommen kann“, meint er. „Außerdem darf man nicht vergessen, woher dieses Virus aller Voraussicht nach stammt – nämlich aus der Tierwelt.“ Und man dürfe auch nicht vergessen, warum es überhaupt erst soweit gekommen ist: „Wildtiermärkte in Südostasien sind eine große Gefahrenquelle. Insbesondere, weil dort oft keinerlei Hygienevorschriften beachtet werden“, warnt Roller.

Massentierhaltung wie etwa in Nerzfarmen, wo es Berichten zufolge ja bereits zu Mutationen bei den Tieren und Übertragungen auf den Menschen gekommen sein soll, seien prädestiniert für Ausbrüche verschiedenster Krankheiten. „Wenn wir immer weiter in die Natur vordringen, besteht auch immer die Gefahr von Zoonosen, also Infektionskrankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden“, betont Deible. Und Roller fügt hinzu: „Wenn wir in diesem Bereich nicht etwas ändern, dann sind wir nicht davor geschützt, dass eine solche Pandemie in einigen Jahren wieder auf uns zukommen wird.“

Zum Thema: Die Spritze als Rettung?

Impfungen bei Tieren sind keine Seltenheit. Gegen Covid-19 wurden weltweit bisher aber erst relativ wenige Tiere geimpft. So hat beispielsweise Russland im vergangenen Jahr die Zulassung für einen Covid-19-Impfstoff für Haustiere vermeldet. „US-amerikanische Zoos haben schon vor einigen Monaten angefangen, vor allem Raubtiere und Affen mit einem experimentellen Vakzin zu impfen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen mRNA-Impfstoff“, sagt Marco Roller, Tierarzt beim Zoologischen Stadtgarten Karlsruhe. Der verwendete Impfstoff stamme vom US-Unternehmen Zoetis, einer ehemaligen Tochterfirma von Pfizer, die auf Tierarzneimittel und Impfstoffe für Haus- und Nutztiere spezialisiert ist. „In Europa haben sich mittlerweile einige Länder angeschlossen und impfen experimentell.“ In Deutschland sei dies nicht möglich, weil derzeit noch keine Impfstoffe gegen Covid-19 für Tiere zugelassen seien, so Roller. Wie für die humanen Impfstoffe ist auch bei den Tier-Impfstoffen das Paul-Ehrlich-Institut für die Zulassung zuständig.

„Sobald auch hierzulande Studien zu Tierimpfungen anlaufen, wären wir sicherlich bereit, daran teilzunehmen. Im Moment gibt es das aber noch nicht“, sagt der Tierarzt. Stattdessen beteiligt sich der Karlsruher Zoo an einer Antikörperstudie. „Bei Tieren, die wir ohnehin behandeln und in Narkose setzen müssen, nehmen wir in der Regel immer auch eine Blutprobe und lassen diese auf Antikörper prüfen“, erklärt Roller. So lässt sich unter anderem herausfinden, wie viele Zootiere sich unentdeckt mit Sars-CoV-2 infiziert hatten.


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