Covid-Station: Arbeit zwischen Leben und Tod

Baden-Baden (sga) – Zu Besuch auf der Covid-Station in Baden-Baden: Servicemitarbeiter und Reinigungskräfte erzählen davon, wie es ist, wenn keine Zeit für die Angst vor dem Virus bleibt.

Harte Tage gibt es für die Mitarbeiter im Klinikum Mittelbaden (KMB) seit der ersten Corona-Welle viele. Das BT hat sie begleitet. Foto: Florian Krekel

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Harte Tage gibt es für die Mitarbeiter im Klinikum Mittelbaden (KMB) seit der ersten Corona-Welle viele. Das BT hat sie begleitet. Foto: Florian Krekel

Im Pausenraum auf der Covid-Station der Balger Klinik, zwischen Leben und Tod, ist auch etwas Weihnachten zu finden. Ein kleiner Kunstbaum steht auf einem Regal, Butterkekse liegen auf dem Tisch – und ein großer Teddybär sitzt auf der Bank. Ein Geschenk für eine Freundin, erzählt man sich beim Morgenkaffee. Vielleicht aber auch ein kleiner Trost für die harten Tage.

Und von denen gibt es seit der ersten Corona-Welle im März genug. Wenn Sandra Bitsch, pflegerische Leiterin der Covid-Station und eine aufgeweckte Frau mit kurzen roten Haaren, eine besonders lange Schicht hinter sich hat, fährt sie manchmal gar nicht mehr nach Hause, „das lohnt sich nicht“. Ihr Privatleben muss sie seit Monaten sowieso auf ein Minimum einschränken, außer mit dem Partner und der besten Freundin trifft sie sich mit niemandem.

Keine Angst vor dem Virus

So geht es auch vielen anderen Mitarbeitern des Klinikums Mittelbaden. Mit Desinfektionsmitteln und Schutzmasken bewaffnet hört die Arbeit zwischen den Patienten nie auf, das eigene Leben ist auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Ein Zustand, unter dem nicht wenige leiden. „Für mich ist das kein Problem“, erzählt Elisabeth Cholewa. Bereits seit zwei Jahren begleitet sie Patienten zu Untersuchungen und bringt sie wieder zurück auf ihr Zimmer. Daran hat auch Corona nichts geändert: „Meine Arbeit ist die gleiche. Nur die Kleidung hat sich verändert.“ Wenn es sich um einen Corona-Infizierten handelt, muss sie in den Schutzanzug wechseln. Angst vor dem Virus? „Habe ich nicht.“ Dann klingelt ihr Telefon, „der nächste Patient“ – und schon huscht sie wieder über den Gang.

Angst ist laut Bitsch sowieso kein Thema, mit dem sich das Personal auf der Covid-Station auseinandersetzt. „Wovor sollen wir uns fürchten? Wir könnten nirgendwo sicherer sein. Hier weiß ich, vor wem ich mich schützen muss. Draußen weiß ich es nicht“, sagt sie mit Blick auf das Fenster.

Und damit spricht sie nicht nur von dem Mann vor ihr an der Supermarktkasse, der vielleicht mit Corona infiziert sein könnte. Vielmehr gehe es ihr um das Verhalten ihrer Mitmenschen, das sie immer wieder zu spüren bekommt: „Auch wenn ich es nie gedacht hätte: Diskriminierung muss offenbar nicht immer etwas mit dem Geschlecht, der Sprache oder einer Hautfarbe zutun haben. Im Jahr 2020 spielt der Beruf eine genauso große Rolle, auch wenn ich das nicht verstehen kann.“

„Das kränkt uns alle sehr“

Es sei nicht nur einmal vorgekommen, dass Menschen in ihrem direkten Umkreis „ein paar Meter wegrutschen“, wenn sie von ihrem Arbeitsort erfahren. „Das kränkt uns alle sehr“, antwortet sie mit etwas brüchiger Stimme. „Jeder hier arbeitet am Maximum. Das machen wir für uns alle, für unsere Gesundheit, für das Leben. Wir geben alle so viel – und dann bekommen wir so etwas zurück.“ Letztens habe eine auf der Covid-Station arbeitende Mutter keine Kinderbetreuung bekommen. Bei einer weiteren Mitarbeiterin verlangte der Arbeitgeber ihres Mannes eine räumliche Trennung des Paares. „Das ist nicht in Ordnung“, meint Bitsch.

Es ist kurz vor 10, als ein tiefes Lachen durch den Gang schallt. „Ah, Mo ist da“, freut sich Bitsch. Der Mann, der kurz darauf in den Pausenraum kommt, reinigt die Räume und heißt eigentlich Mohammad. So genannt wird er jedoch von niemandem. „Wir sind hier schließlich Familie.“ Dass er erst seit der ersten Corona-Welle auf der Station arbeitet, fällt kaum auf. Mo wird von allen gegrüßt, hat immer einen netten Spruch auf den Lippen, „er ist einfach immer da“, erzählt Bitsch stolz. Sein regulärer Arbeitstag geht von 10 bis 18 Uhr, „aber ich bleibe so lang, bis ich nicht mehr gebraucht werde“. Bitsch stimmt ihm mit einem Nicken zu und stellt ihm dankend einen Becher Kaffee hin.

Seinen Arbeitstag beginnt Mo mit den Nebenräumen, in denen sich das medizinische Personal und die Servicemitarbeiter aufhalten: Büro, Umkleide, Ärztezimmer, Pausenraum. Danach folgt der anstrengende Part: die Zimmer der Patienten. „Auf der Covid-Station reicht die normale Vorgehensweise nicht aus“, erklärt Mo. Vor allem die Endreinigung der Zimmer, in denen zuvor ein Corona-Infizierter lag, ist zeitaufwendig.

Für einen Raum braucht er eine ganze Stunde, „und da bin ich noch nicht an- und ausgezogen“. Denn um sich dem Virus nicht auszusetzen, müssen auch Reinigungskräfte entsprechende Arbeitskleidung tragen: einen Schutzanzug von Kopf bis Fuß, eine Haube für die Haare, eine Brille oder ein Visier, eine wasserabweisende Schürze – und zum Schluss noch einen Schutz für die Schuhe. „Der ist vor allem deshalb wichtig, weil bei der Endreinigung auch mal viel Wasser umherspritzen kann“, erklärt Bitsch.

Wenn Mo aus dem Zimmer kommt, das er zuvor gereinigt hat, ist er klitschnass. Unter dem Schutzanzug und der Schürze trägt er kontinuierlich seine normale Arbeitskleidung, „und die dicken Stoffe übereinander sind beim Putzen ein ganz schönes Gewicht“. Den Spaß verliert er trotzdem nie an seiner Arbeit. Und das, obwohl auch er sich jeden Tag in die Gefahr begibt, sich mit Corona anzustecken. „Ich helfe, wo ich kann. Manchmal laufe ich zwischendurch noch für Sandra ins Labor oder unterstütze an anderer Stelle“, erzählt er. Schlussendlich sei ihm auch vollkommen gleich, was er tue: „Die Hauptsache ist, dass wir gegenseitig füreinander da sind.“

Hohe Belastung für die Psyche

Mohammad Shokriyan gehört zu dem Personal, das seit der ersten Corona-Welle im März immer dort unterstützt, wo Hilfe gebraucht wird. Doch nicht alle Servicemitarbeiter, Reinigungskräfte und Helfer halten dem Druck stand. „Ich merke, dass die Bereitschaft, auf der Covid-Station zu arbeiten, sinkt“, sagt Sandra Bitsch. Doch verurteilen würde sie deshalb niemanden. Es sei für sie durchaus verständlich, wenn jemand mit der psychischen Belastung, die der tägliche Kontakt mit coronainfizierten Patienten mit sich bringt, nicht auskommt – oder nicht auskommen möchte. „Im Prinzip muss das jeder für sich entscheiden. Wir sind dankbar für alle, die mit anpacken. Egal, ob für eine Woche oder für einen Monat. Jede Hilfe ist enorm wichtig.“ Personal, das aufgrund der psychischen Belastung jemanden zum Reden braucht, kann anonym beim hauseigenen Psychoonkologen anrufen. Zudem gibt es noch die Möglichkeit, mit einem Seelsorger zu sprechen – aber nur über iPad, Corona lässt es nicht anders zu.

Unterstützung bekommt das medizinische Personal auch von den Servicemitarbeiterinnen Sabine Barthel und Marianna Koop-Berger. Beide sind für die Verpflegung der Patienten zuständig und richten jeden Morgen den Servierwagen inklusive der Tabletts. „Brote gibt es auch für unsere Kollegen“, erzählt Barthel. Das sei selbstverständlich. Jeder Mitarbeiter, so Bitsch, bekommt vom Klinikum Essen und Trinken gestellt, vor allem Letzteres sei bei dieser körperlichen Anstrengung enorm wichtig.

Koop-Berger, ursprünglich Lehrerin, mag ihren Job sehr gerne. Das Besondere an ihrer Arbeit sei vor allem der Kontakt mit den Menschen. „Das fällt derzeit natürlich weg“, hakt Barthel, die ursprünglich aus dem Bereich der Altenpflege kommt, ein. Während Servicemitarbeiter für die Essensbestellung unter normalen Umständen direkt zu dem Patienten an das Bett kommen dürfen, muss derzeit ein Ruf von der Tür aus reichen. „Darunter leiden wir alle“, so die beiden Damen. Aber beschweren würden sie sich nie – auch nicht über ihre Arbeit unter den aktuellen Bedingungen. „Irgendeiner muss es ja machen.“


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