Crossover am Karlsruher Staatstheater

Karlsruhe (sr) – „Die große Hitparade“ vermutet man nicht unbedingt auf der Opernbühne – aber am Badischen Staatstheater wird das Crossover-Projekt zu einem erfolgreichen Spektakel.

Es blinkt und flackert unentwegt: Das Karlsruher Bühnenbild ist ganz den großen Fernsehshows nachempfunden. Foto: Felix Grünschloss/Staatstheater

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Es blinkt und flackert unentwegt: Das Karlsruher Bühnenbild ist ganz den großen Fernsehshows nachempfunden. Foto: Felix Grünschloss/Staatstheater

Gleich wird der weibliche Schlagerstar in großer Robe eine der beiden geschwungenen Showtreppen herunter schweben, Dieter Thomas Heck in rasantem Stakkato den nächsten Hit ankündigen und Ilja Richter „Spot an“ rufen. Zumindest bei den nicht mehr ganz jungen Zuschauern im Staatstheater Karlsruhe weckt Philipp Eckles Bühnenbild für „Die große Hitparade“ viele nostalgische Assoziationen. Discokugeln warten auf ihren Einsatz, der allerdings noch etwas dauern kann, denn im Theater hangelt man sich natürlich nicht einfach durch die aktuellen Top Ten. „Evergreens mit Ohrwurmgarantie von den 1920ern bis heute“ stehen auf dem Programm. Und die werden nicht einfach nacheinander abgesungen.

Cindy Weinhold, Jazzsängerin und musikalisches Multitalent, hat kühne Medleys arrangiert, in denen sich kurze Ausschnitte aus Hits vergangener Jahrzehnte überraschend geschmeidig aneinanderfügen. Gerne lässt Weinhold auch zwei sehr bekannte Evergreens sozusagen im Wechsel singen, als sei es ein musikalischer Dialog. Und ihre Arrangements der live musizierten Begleitung durch eine Band mit Trompeter, Posaunist, Saxofonist, Schlagzeuger, Gitarrist, Bassist und ihr selbst am Keyboard sind ebenso raffiniert wie anspruchsvoll.

Opernstar im Schlagerfieber

Dafür hat das coronagerecht weit auseinander sitzende Publikum das Vergnügen, die gestandene Opernsängerin Christina Niessen von einer ganz anderen Seite zu erleben. Mit dem „Itsy bitsy teeny weeny Honolulu Strandbikini“ zum Beispiel. Und die warme dunkle Farbe ihres Soprans in der tiefen Lage kommt in „Ganz Paris träumt von der Liebe“ wunderbar zur Geltung. Christine Niessen erweist sich zudem als souveräne Moderatorin.

Sven Daniel Bühler ist ihr Co-Moderator, der lässig und selbstironisch Pointen setzt. Musikalisch zeigt sich Bühler bemerkenswert wandlungsfähig, ob Rock, Pop oder Disco, ob mit Brust- oder Kopfstimme, er kann praktisch alles singen, von Frank Sinatras „Love and Marriage“ bis zu „Another one bites the dust“ von Queen. Auch Laura Teiwes vom Schauspielensemble singt sich stilsicher von den 1920ern bis hin zu Adele.

Zu jedem Jahrzehnt schlüpfen die Solisten ins passende Outfit, und das bedeutet eine Reihe schneller Kostümwechsel. Der Charme dieses Abends besteht nicht nur in der stimmungsvollen Wiedergabe von Lieblingshits, sondern auch in deren Einbettung in den historischen Kontext. Jedes Jahrzehnt wird anmoderiert und charakterisiert. Damit es nicht wie eine Geschichtsstunde wirkt, kommen die Jahrzehnte bunt durcheinander. Das Entscheidende ist der Spaß, den das Solistenquartett zusammen auf der Bühne hat, und die hörbare Freude, mit der gesungen und musiziert wird. Man spürt den monatelangen Auftrittsentzug. In dem zwangsweise halb leeren Großen Haus für Stimmung zu sorgen ist nicht so einfach, aber es gelingt. Ein mitreißender Gute Laune-Abend.

Ihr Autor

NIke Luber

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Erstellt:
25. September 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 18sec

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