DHB plant Reform beim Frauenhandball

Baden-Baden (moe) – Der Deutsche Handballbund will mit dem Konzept „Mehr Qualität, mehr Erfolg“ den Frauenbereich auf Erfolg trimmen und die dritte Liga opfern – doch an der Basis regt sich Unmut.

Tränen der Enttäuschung: Solche Bilder von den DHB-Handballerinnen soll es nicht mehr so häufig geben. Foto: Marco Wolf/dpa

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Tränen der Enttäuschung: Solche Bilder von den DHB-Handballerinnen soll es nicht mehr so häufig geben. Foto: Marco Wolf/dpa

Selbsterkenntnis, so sagt man, ist der erste Schritt zur Besserung. Legt man allein diese Alltagsweisheit zugrunde, scheint es, als sei der Deutsche Handballbund (DHB) auf dem richtigen Weg. Zumindest ist in den vergangenen Monaten das Bewusstsein gereift, dass man im Frauenbereich den eigenen Ansprüchen seit geraumer Zeit ordentlich hinterherhinkt. „In den vergangenen Jahren haben wir mit unserer Nationalmannschaft hochgesteckte Ziele immer wieder nicht erreicht“, gab Sportvorstand Axel Kromer jüngst und durchaus selbstkritisch zu Protokoll.

Dauerhaft Weltspitze – das ist das Selbstverständnis des DHB. Diesbezüglich, so Kromer, gab es zuletzt einen „sehr großen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit“. Das manifestiert sich in Zahlen, genauer gesagt Platzierungen: Bei der EM im vergangenen Jahr scheiterte das Team von Henk Groener in der Hauptrunde. Ein Sieg gegen Ungarn sowie eine sehr knappe Niederlage gegen die Niederlande und eine weniger knappe gegen Kroatien reichten letztlich nur zu Rang acht – vor Ungarn, Rumänien, Spanien und Schweden, aber eben auch hinter Montenegro. Auch bei der letzten Weltmeisterschaft in Japan 2019 stand unter dem Strich nur Platz acht. Damit war dann auch die erneute Dienstreise nach Fernost, nämlich zu den Olympischen Spielen in Tokio, passé. Zur Erinnerung: Die letzte Medaille der deutschen Elite-Werferinnen datiert aus dem Jahr 2007, Bronze gab es weiland bei der WM in Frankreich.

Diese Entwicklung, so der Tenor, darf sich nicht verstetigen. Vielmehr werden Finalränge bei allen internationalen Wettkämpfen – also Platzierungen von eins bis acht – angestrebt. Zudem ist von einem „Erfolg“ bei der Heim-WM 2025 und Olympia-Medaillen ab den Sommerspielen 2024 in Paris die Rede. Aus diesem Grund will der DHB nun handeln und plant eine grundlegende Reform des Frauen-Handballs in Deutschland. Das plakative Motto aus der Dortmunder Verbandszentrale: „Mehr Qualität, mehr Erfolg“.

Was konkrete Maßnahmen anbelangt, hielt sich der Verband zumindest in einer Pressemitteilung einigermaßen bedeckt. Das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich strotzen derlei Schriftstücke meist vor Euphemismen sowie hochtrabenden Zitaten und weniger vor habhaften Informationen. Ein Blick in das Strategiepapier des DHB, das dem Badischen Tagblatt vorliegt, verdeutlicht, wie weitgehend die Reform ausfallen dürfte.

Nach oben durchlässige Oberligen

Eine Säule der DHB-Planungen ist die Konzentration der Nachwuchsförderung. „Die Top-Talente der U-Nationalmannschaften sollen die Chance erhalten, künftig verstärkt an deutschen Standorten optimal gefördert und auf den Weg in die internationale Klasse vorbereitet zu werden“, schreibt der Verband. Dies könnten zum einen entsprechend zertifizierte Vereine der Handball-Bundesliga Frauen (HBF) leisten, vieles deutet aber auf eine zunehmende Zentralisierung seitens des DHB hin, offenbar wurden schon Gespräche geführt, um in Stuttgart ein Pionier-Projekt zu installieren. Insgesamt werden demnach bundesweit bis zu vier Standorte für allumfassende Ausbildungszentren diskutiert.

Im Mittelpunkt der Reform steht allerdings eine Überarbeitung der Ligastruktur mit dem Ziel, das Niveau der HBF zu heben, so dass die deutschen Clubs „zur europäischen Spitze aufschließen können“, schreibt der DHB. Laut Strategiepapier erwägt der Verband eine Reduzierung der ersten Liga von aktuell 16 auf künftig nur noch zwölf Mannschaften. Zudem soll aus der eingleisigen zweiten Liga mit 14 Teams eine zweigleisige mit dann jeweils 14 Mannschaften werden. In beiden Staffeln sollen künftig auch Reserveteams von Erstligisten spielen dürfen, was bisher nicht möglich war. „Mit der Idee, künftig zweite Mannschaften auch in der zweiten Liga spielen zu lassen, soll den Top-Talenten kommender Generationen mehr Nähe zu und Training in Top-Teams garantiert werden, um eine bessere Ausgangsbasis für die weitere Karriere zu schaffen“, findet Kromer. Dem Vernehmen nach soll mit der veränderten Ligastruktur auch die Rückkehr zum Playoff-Modus verbunden sein.

„Es gibt auch in der Breite viele Vereine, die gute Nachwuchsarbeit machen“: Arnold Manz. Foto: Frank Seiter/Archiv

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„Es gibt auch in der Breite viele Vereine, die gute Nachwuchsarbeit machen“: Arnold Manz. Foto: Frank Seiter/Archiv

Der dritte Schritt der avisierten Ligareform hätte auch Auswirkungen auf die Region. Denn bereits ab der Saison 2024/25 könnte die dritte Bundesliga, in der bekanntlich die SG Steinbach/Kappelwindeck spielt, gänzlich Geschichte sein. Anstatt der Bundesliga unter dem Dach des DHB soll es künftig zehn Oberligen mit jeweils zwölf Mannschaften unter der Regie der jeweiligen Landesverbände geben. Kromer verspricht allerdings, dass „weiterhin Mannschaften aus den Oberligen in die zweite Liga aufsteigen können“.

Mit Blick auf die skizzierten Maßnahmen könnte man das propagierte Motto „Mehr Qualität, mehr Erfolg“ auch um den Zusatz „Mehr Spitze, weniger Breite“ erweitern. Gerade der geplante Wegfall der dritten Ligen sorgt bei den Landesverbänden, aber auch bei betroffenen Vereinen verständlicherweise für einen gewissen Unmut. „Ich verstehe die Intention des DHB“, sagt beispielsweise Arnold Manz, „ich verstehe auch, das im Frauenhandball Handlungsbedarf besteht. Aber die Konsequenz aus den Überlegungen ist rein von der Spitze gedacht. Ich glaube nicht, dass man damit auf Dauer einen Schritt weiterkommt“, findet der sportliche Leiter der Rebland-SG.

„Das kann langfristig nach hinten losgehen“

Manz moniert, dass man einen Großteil der Betroffenen bei den Überlegungen „außen vor gelassen“ hat. In der Tat war das Gremium, das über die Reform beraten hat, ein weitgehend elitärer Kreis mit überwiegend Vertretern aus dem Spitzensport. Der Arbeitsgruppe gehörten DHB-Präsident Andreas Michelmann, der Vorstandsvorsitzende Mark Schober, Sportvorstand Axel Kromer, die DHB-Vizepräsidenten Hans Artschwager und Carsten Korte, der HBF-Vorsitzende Andreas Thiel und die ehemalige Nationalspielerin Anna Loerper an. Zudem brachten sich verschiedene Spielerinnen und Trainerinnen ein, so der DHB. Anliegen einer breiteren Basis wurden offenbar bewusst nicht gehört, zumindest drängt sich dieser Eindruck beim Blick in das Strategiepapier auf: „Der Wille, ALLE ,mitnehmen‘ zu wollen, und das Kennen der Tradition dürfen die Entwicklung der Spitze nicht verhindern!“, ist dort zu lesen.

Unabhängig von der (nicht vorhandenen) Transparenz hält Manz einige Rückschlüsse des Gremiums für falsch. Etwa die Zentralisierung als neues Allheilmittel. Der DHB, nichts weniger als der weltgrößte Handballverband, könne sich nicht mit kleinen Nationen – mit viel weniger Vereinen und Spielern – wie den Niederlanden, Slowenien, Ungarn oder Mazedonien vergleichen, die ihre Talente viel einfacher rekrutieren und zentral ausbilden können. In Deutschland gibt es „eine unglaublich gute Basis, wir haben in der Breite genügend Talente, wahrscheinlich mehr als alle anderen“. Eine Zentralisierung und Leistungsverdichtung kann „in meinen Augen langfristig nach hinten losgehen. Die Spielerinnen werden ja nicht bei den Topclubs groß, die kommen von den kleinen Vereinen. Wenn man denen letztlich die dritte Liga als Plattform nimmt, dann gibt man an der Basis viel zu viel auf“, findet der Funktionär. Zudem fürchtet Manz, dass, wenn alle Talente mit 14, 15 Jahren in die Leistungszentren wechseln und dort erfahrungsgemäß einige auf der Strecke bleiben, der Sportart viele Spielerinnen verloren gehen.

„Bestimmte Privilegien“ für Kaderathleten

Das Argument, dass es mit den Oberligen weiterhin eine dritte Ebene mit Durchlässigkeit nach oben geben soll, verfängt laut Manz aus Vereinssicht nicht. Wenn man bei Sponsoren trommeln wolle, sei es ein erheblicher Unterschied, ob man in einer Bundesliga oder einer Oberliga spiele. „Das unterschlägt man völlig“, sagt Manz. Gerade Vereine, die aktuell in der dritten Liga – und anders als die Rebland-SG – durchaus semiprofessionell unterwegs seien, treffe die Reform hart: „Denen zieht man die Füße weg.“

Dabei hält es Manz durchaus für richtig, junge Talente gezielt zu fördern, „die Idee ist richtig“. Der ehemalige Bundesligaspieler, der seit Jahrzehnten erfolgreich im Frauenhandball als Verbands- und Vereinstrainer unterwegs ist, würde aus eigener Erfahrung aber andernorts ansetzen. Laetitia Quist beispielsweise, die kein Sportinternat besucht, es aber unter dem Trainer Manz in den Elitekader des DHB geschafft hat, aber auch Auswahlspielerinnen des Südbadischen Handballverbands hätten immer wieder große Probleme, für Lehrgänge von ihren Schulen freigestellt zu werden. Es müsse gesellschaftspolitisch möglich sein, dass Kaderathleten in derlei Hinsicht „bestimmte Privilegien“ zugesprochen werden. Diesbezüglich müsse nicht auf Teufel komm‘ raus zentralisiert werden: „Es gibt auch in der Breite viele Vereine, die gute Nachwuchsarbeit machen“, sagt Manz.

Sicher ist das auch den Verantwortlichen beim DHB klar. Die Stoßrichtung ist auf absehbare Zeit ganz offenbar eine andere: „Jeder muss bereit sein zu geben, damit der Frauenhandball insgesamt erfolgreicher werden kann.“

Ihr Autor

BT-Redakteur Moritz Hirn

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Erstellt:
3. Juli 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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