DLRG befürchtet künftig noch mehr Badeunfälle

Stuttgart/Berlin (for) – Die Corona-Pandemie könnte die Zahl der Nichtschwimmer künftig noch weiter erhöhen, weil in den vergangenen Monaten lange Zeit Schwimmkurse ausfallen mussten.

Mehr als jeder zweite Grundschulabsolvent ist laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft kein sicherer Schwimmer. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

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Mehr als jeder zweite Grundschulabsolvent ist laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft kein sicherer Schwimmer. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Es ist meist ein stiller Prozess, kein lautes Geschrei, keine Arme, die panisch und wild im Wasser paddeln: Wenn ein Kind zu ertrinken droht, bleibt das oft unbemerkt. Im schlimmsten Fall so lange, bis es für eine Rettung zu spät ist, wie Ludwig Schulz, Geschäftsstellenleitung beim Landesverband Baden der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), sagt.

Anzahl tödlicher Badeunfälle stagniert

Laut einer Mitteilung der Stiftung Kindergesundheit ist Ertrinken die zweithäufigste Unfallursache mit Todesfolge bei Kindern bis 15 Jahren. Die Anzahl der tödlichen Badeunfälle stagniert demnach auf hohem Niveau. Demnach kamen im vergangenen Jahr bundesweit 18 Vorschulkinder (2019: 17) und fünf Grundschulkinder (2019: 8) durch Ertrinken ums Leben. Für Baden-Württemberg nennt Schulz zwei Kinder im Alter von null bis fünf Jahren und ein Kind im Alter von sechs bis zehn Jahre, für die ein Badeunfall 2020 tödlich endete.

Allerdings seien nicht nur Kinder betroffen, wie Schulz hinzufügt. „Das höchste Ertrinkungsrisiko liegt bei Männern der Generation 45 plus, die sich entweder selbst überschätzen oder Kreislaufprobleme haben, von denen sie nichts wissen.“ Ein weiterer Grund für die alarmierende Zahl der Badetoten ist laut Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit, die alarmierende Zahl von Nichtschwimmern unter den Kindern und Erwachsenen.

Verlorenes Jahr für die Schwimmausbildung

Schwimmverbände und die DLRG befürchten, dass sich diese Problematik aufgrund der Corona-Pandemie noch weiter zuspitzen könnte. Da viele Schwimmbäder coronabedingt über Monate hinweg geschlossen waren, konnten in dieser Zeit auch keine Schwimmkurse stattfinden. „Das Pandemiejahr 2020 war nicht nur für den Schulunterricht, sondern auch für die Schwimmausbildung der Kinder ein nahezu verlorenes Jahr“, schreibt die DLRG und merkt gleichzeitig an, dass bereits vor der Pandemie fast 25 Prozent aller Grundschulen keinen Schwimmunterricht mehr anbieten konnten, „weil ihnen kein Schwimmbad zur Verfügung stand“.

Auch Alexander Gallitz, Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbands, äußert sich gegenüber dem BT mit Blick auf das Bädersterben besorgt: „Schon vor der Pandemie gab es immer die Problematik, an Wasserflächen ranzukommen, Bäder haben zugemacht, wurden nicht renoviert, sondern abgerissen.“ Hinzu komme, dass es vielerorts nicht genügend gut ausgebildete Schwimmlehrer gebe. Die Folge davon: „Mehr als jeder zweite Grundschulabsolvent ist kein sicherer Schwimmer mehr“, beklagt die DLRG.

Durch die Pandemie habe sich die Lage weiter verschärft: „Im Corona-Jahr 2020 nahmen die Ausbilder lediglich 23.485 Schwimmprüfungen ab – 75 Prozent weniger im Vergleich zum Vorjahr“, teilt die Stiftung Kindergesundheit mit. Zwar würden mittlerweile wieder vielerorts Schwimmkurse angeboten, „aber der Nachholbedarf ist extrem“, so Schulz. So hätten die ausbildenden Verbände wie die DLRG Wartelisten von bis zu zwei Jahren.

Gefahr des „trockenen Ertrinkens“

Die Stiftung Kindergesundheit befürchtet, dass die Schwimmdefizite ernste Folgen haben könnten. „Vielleicht wirken sich ausgefallene Schwimmkurse nicht direkt auf die Zahl an Badetoten aus, aber sicherlich auf die Anzahl an Badeunfällen“, befürchtet auch Schulz. Schon jetzt kommen laut der Stiftung Kindergesundheit auf einen tödlichen Unfall weitere vier Unglücksfälle mit stationärer Behandlung und dem Risiko einer bleibenden schweren geistigen Behinderung.

Zudem steige die Gefahr eines Badeunfalls für kleine Kinder auch mit der Zunahme von Schwimmingpools und Gartenteichen. „Kinder können in jeder Art von Wasser ertrinken, selbst im Seichtesten“, warnt die DLRG. „Die Hauptursache für dieses erhöhte Risiko kleiner Kinder liegt paradoxerweise in einem Schutzmechanismus, der bei diesen Kindern besonders stark ausgeprägt ist“, erklärt Koletzko: „Beim plötzlichen Eintauchen ins Wasser setzt bei ihnen ein schockartiger Atemreflex ein, der Kehlkopf und die Lunge schließt. Durch den sogenannten Stimmritzenkrampf wird die Atmung blockiert.“ Nicht selten ersticke das Kind, ohne dass auch nur ein einziger Tropfen Wasser in seine Lungen gelangt.

Schulz bezeichnet diesen Prozess als „trockenes Ertrinken.“ Er rät Eltern, immer wachsam zu sein, sobald sich Kinder in Wassernähe befinden, und zum Schwimmen nur an bewachte Badestellen zu gehen. Außerdem sollten auch Kinder, die Schwimmärmel tragen, nie alleingelassen und stets in Armreichweite beaufsichtig werden.


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