„Da muss man auch kreativ sein“

Rastatt (ema) – Gerade in der Corona-Zeit hat es sich bewährt, dass das Martha-Jäger-Haus jetzt zum Klinikum Mittelbaden gehört. Mit einem Konzept steuert man die Öffnung des Hauses für mehr Besucher.

So viel Sozialkontakte wie möglich, so viel Schutz wie nötig: Die Leiterinnen des Martha-Jäger-Hauses, Annette Westholt (rechts) und Viktoria Schmidt im Rondell. Foto: Mauderer

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So viel Sozialkontakte wie möglich, so viel Schutz wie nötig: Die Leiterinnen des Martha-Jäger-Hauses, Annette Westholt (rechts) und Viktoria Schmidt im Rondell. Foto: Mauderer

Wenn Annette Westholt und Viktoria Schmidt die vergangenen Wochen Revue passieren lassen, dann dominieren gemischte Gefühle. Seit Ausbruch der Corona-Krise sind die kaufmännische Chefin des Martha-Jäger-Hauses und die Pflegedienstleiterin permanent in „Habachtstellung“. Und gleichzeitig will das Führungsduo mit seinen rund 150 Mitarbeitern den Bewohnern des Alten- und Pflegeheims so viel Lebensqualität wie möglich schenken. Und das ist in einer Einrichtung, in dem alle 133 Bewohner zur Hochrisikogruppe gehören, eine Gratwanderung.
„Da muss man auch ein bisschen kreativ sein“, sagt Heimleiterin Annette Westholt, als sie gerade auf dem Weg in den Park auf Peter Sallinger stößt. Der Rastatter besucht an diesem Vormittag seine Mutter Jutta. Sie schaut aus dem Fenster, er steht auf der Rettungstreppe mit gebührendem Abstand. So funktioniert der Austausch der beiden seit einigen Wochen.

Streng genommen sind seit einer Woche erst wieder Besuche in den Einrichtungen des Klinikums Mittelbaden erlaubt. Das Martha-Jäger-Haus hat sich mit einem Konzept gewappnet. Den Speisesaal hatte man schon vor Wochen aufgelöst; jetzt hat man dort Tischgruppen gebildet, ein bisschen mit Pflanzen dekoriert, damit es nicht so steril aussieht. Angehörige und Freunde dürfen nur nach Anmeldung kommen; man bietet nun zwei Besuchsmöglichkeiten pro Woche im Besuchszimmer. Im Schnitt kommen werktags 16 Besucher, so die Bilanz nach einer Woche.

Das Leben der Senioren hat sich schwerpunktmäßig in die Wohnbereiche verlagert. Dort oder in Zimmern werden die Mahlzeiten eingenommen. In den jeweiligen Quartieren besuchen sich die Senioren. Vor allem mit Lesungen und Spielen soll der Alltag aufgelockert werden. „Mensch-ärgere-dich-nicht ist der absolute Renner geworden“, berichtet Pflegedienstleiterin Viktoria Schmidt. Dadurch seien sogar neue Freundschaften entstanden.

Nicht jeder bekommt Besuch

Froh ist das Team, dass man mit den Ehrenamtlichen des DRK auf Unterstützung zählen kann, sei es beim Einkaufen für die Bewohner oder beim Nähen von Schutzmasken. Abwechslung bringen auch die bis zu drei Konzerte pro Woche. Dann werden alle Fenster und Türen geöffnet, damit die Zuhörer von innen lauschen können. Toi, toi, toi: Bis heute ist keiner der Bewohner mit dem Coronavirus infiziert worden.

„Wir sind für viele Bewohner ein Teil ihrer Familie“, weiß Viktoria Schmidt um die notwendige Bindungskraft der Pflegerinnen. Nicht jeder bekommt Besuch. Manche hatten das Glück, dass Angehörigen auf Nah-Distanz vorbeischauten: der Gast auf der Wiese, der Bewohner im Innenhof. Aber auch digitale Kommunikation hält dank Corona Einzug. Wo es möglich und gewünscht ist, ermöglicht das Personal einen Austausch mit dem Tablet über Skype. Und auch den letzten Abschied haben die Verantwortlichen in den vergangenen Wochen mit der Sterbebegleitung ermöglicht.

Die jetzt geschaffene Möglichkeit, das Martha-Jäger-Haus für einen Gang in die Stadt zu verlassen, nutzen nur wenige Bewohner, berichtet das Leitungsteam. Die Pflicht zum Mundschutz schreckt manche ab. Einzelne werden beim Spaziergang von FSJlern begleitet. Bevorzugter Bezugspunkt zur Außenwelt ist die Sitzgelegenheit im Rondell an der Rheintorstraße. „Das ist für viele wie der Wochenmarkt“, sagt Annette Westholt. Sie stellt fest, dass die meisten Bewohner Verständnis für die Schutzmaßnahmen haben.

Pflegedienstleiterin Viktoria Schmidt weiß, dass die Mitarbeiter in Corona-Zeiten noch konzentrierter arbeiten müssen als ohnehin schon – immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: In dieser Zeit gibt es keinen Königsweg, der absolut richtig oder falsch ist.

Andererseits stellt sie fest: „Man rückt enger zusammen.“ Gut tut der Belegschaft, dass man draußen nicht vergessen wird. Annette Westholt berichtet von vielen Hilfsangeboten und Geschenken. Und: Bei aller unvermeidlichen Gereiztheit in der nervenzehrenden Zeit freuen sich die Mitarbeiter über mehr Lob von den Angehörigen. Wie jüngst von einer Tochter, die sich bedankte: „Ich sehe, was Sie alles für meine Mutter getan haben.“


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