„Da sind ein paar Spitzbuben dabei!“

Gernsbach (ham) – Auf ein Urteil über einen Gernsbacher hat das Amtsgericht verzichtet – weil in seiner WG 100 Gramm Marihuana zirkulierten. Wegen der Menge ist es ein Fall fürs Jugendschöffengericht.

Marihuanapulver liegt auf einem Tisch. Beispielfoto: Hauptzollamt Singen/dpa

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Marihuanapulver liegt auf einem Tisch. Beispielfoto: Hauptzollamt Singen/dpa

Zuweilen plagen selbst Richter Zweifel am Justizsystem. „Manchmal kocht Berlin auch nur mit Wasser“, bedauerte Ekkhart Koch Veränderungen durch das Justizministerium, „leider gibt es keine Flexibilität mehr. Schade, blöd und auch bedauerlich bei erzieherischen Maßnahmen.“

Nach früherem Recht und Gesetz hätte er dem reuigen Gernsbacher gestern „ein Jahr auf Bewährung“ aufgebrummt – doch weil der 19-Jährige zu ehrlich war und den Kauf von rund 100 Gramm Marihuana mit einem WG-Bewohner zusammen einräumte, „ist es nun nicht mehr mit Arbeitsstunden in sozialen Einrichtungen getan“. Der Fall nahm eine Dimension an, die einen Pflichtverteidiger für den Angeklagten erzwingt. Daher waren sich Richter und Staatsanwalt einig: Ein Urteil des Amtsgerichts Gernsbach wäre hinfällig, das Jugendschöffengericht muss entscheiden.

Dem Altenpflegehelfer war zunächst nur der Besitz von 1,1 Gramm Marihuana und der zweimalige Verkauf der Droge (einmal 0,5 und einmal ein Gramm) vorgeworfen worden. Ein Bekannter, der das Marihuana vor rund einem Jahr für jeweils zehn Euro erwarb, zeigte sich unzufrieden mit dem Stoff. Eine Razzia der Polizei in der WG des Angeklagten am 24. Januar entdeckte nicht nur die 1,1 Gramm im Zimmer des Angeklagten. Unter einer Bettdecke in einem weiteren Zimmer fanden sich laut dem beteiligten Gaggenauer Polizeikommissar zehn Gramm, dazu lagerten noch 62 Gramm in einem Gemeinschaftsraum. Diese waren laut dem Laborbefund, wie Koch berichtete, „guter Stoff mit einem THC-Gehalt von 15,51 Prozent“. Der Fund entsprach somit 641 Konsumeinheiten.

Drogen-„Großeinkauf billiger“

Weil in der damaligen WG „ein paar Spitzbuben dabei sind“, von denen einer besonders häufig vor dem Amtsgerichtsdirektor stand, wurden dem leise und bedächtig sprechenden Angeklagten zunächst nur die kleineren Mengen zugeordnet. Während er dabei den Verkäufer des Marihuana zweimal nicht nennen wollte, bekannte er plötzlich: „Im Gemeinschaftszimmer wurden 80 Gramm Marihuana gefunden. Die gehörten uns allen, um versorgt zu sein.“ Wegen des günstigeren Preises hätten er und der bei Koch am besten bekannte Dauergast vor dem Amtsgericht gleich 100 Gramm für eine Summe zwischen 800 und 1 000 Euro erworben. „Woher es stammt, kann ich nicht sagen.“ Von dem „Großeinkauf“ habe er sich jedoch nicht gleich den kompletten Anteil für seine 350 Euro genommen, „weil ich nicht so viel kiffen wollte“. Der Richter stellte jedoch anhand der THC-Werte des 19-Jährigen fest: „Sie waren dauerbekifft.“ Die zwei Verkäufe an den guten Bekannten zu zehn Euro wären noch von einer früheren Lieferung gewesen. „Er kam halt vorbei und fragte, ob ich ihm etwas geben kann“, erzählte der Angeklagte.

Abstand zu WG-Sippe halten

Richter Koch empfahl dem Geständigen, sich von der ehemaligen WG-Sippe fernzuhalten und auch die angekündigte Entziehung in enger Abstimmung mit der Jugendgerichtshilfe in Angriff zu nehmen. „Das wirkt sich dann auch positiv vor dem Jugendschöffengericht aus.“


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