Daimler-Betriebsrat warnt vor „Kahlschlag“

Gaggenau/Stuttgart (tas) – Die Gespräche über die Stellenabbaupläne bei Daimler Trucks nehmen Fahrt auf. Genau Zahlen liegen zwar noch nicht auf dem Tisch, der Betriebsrat ist aber alarmiert.

Im Werk Rastatt werden schwere Lkw-Getriebe für den Truck-Standort Gaggenau gefertigt: Bei Daimler wird derzeit intensiv über Jobabbau verhandelt. Foto: Daimler AG

© Daimler AG

Im Werk Rastatt werden schwere Lkw-Getriebe für den Truck-Standort Gaggenau gefertigt: Bei Daimler wird derzeit intensiv über Jobabbau verhandelt. Foto: Daimler AG

Seit vielen Wochen wird über die Stellenabbaupläne im Daimler-Konzern spekuliert – vor allem im Bereich der Pkw-Produktion. Der Stuttgarter Autobauer hatte zwar nie konkrete Zahlen genannt, doch immer wieder kursierten neue Schreckensszenarien in der Öffentlichkeit. Nun meldet sich der Daimler-Betriebsrat zu Wort und spricht von einem drohenden „beschäftigungspolitischen Kahlschlag“ an den Nutzfahrzeugstandorten des Unternehmens.
In einem vierseitigen Schreiben an die Belegschaft, das dem Badischen Tagblatt vorliegt, warnen die Arbeitnehmervertreter vor „einem drastischen Personalabbau an unseren Standorten“. Gemeint sind vor allem die Truck-Werke in Gaggenau, Wörth, Mannheim und Kassel. Von den Gesprächen über mögliche Personalreduzierungen, die der Betriebsrat derzeit mit dem Konzernmanagement führt, sind deutschlandweit rund 30.000 Beschäftigte betroffen. Daimler wollte sich am Freitag auf BT-Anfrage „grundsätzlich nicht zu den Inhalten interner Gespräche äußern.“

Das Unternehmen habe in einem „Auftaktgespräch mehrere Varianten vorgestellt, was passieren kann“, ist in dem Betriebsratsschreiben zu lesen. „Ein Beschäftigungsszenario sieht gar eine Halbierung unserer heutigen Mannschaft vor!“ Unterschrieben wurde das Papier unter anderem vom Betriebsratsvorsitzenden des Gaggenauer Werks, Michael Brecht. Er ist auch Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Daimler AG und als Aufsichtsrat im Konzern bestens über die Sparideen des Vorstands informiert.

Zuletzt hatte sich Brecht beim Thema Elektromobilität eingeschaltet und seinen Arbeitgeber vor der reinen Fokussierung auf das Thema gewarnt. Man dürfe nicht alles auf diese Karte setzen, sagte er der „Automobilwoche“. Die E-Mobilität nimmt bei den Stuttgartern derzeit einen großen Raum ein, die Produktpalette im Pkw-Bereich wird immer stärker daran ausgerichtet. Zuletzt wurde bereits mehr als jedes fünfte Fahrzeug der in Deutschland verkauften Mercedes-Benz- und Smart-Modelle als reines E-Auto oder Plug-in-Hybrid verkauft.

Immer kleinerer Stellenwert

Zwar ist der Nutzfahrzeugbereich in Sachen Elektroantrieb noch lange nicht auf dem Niveau der Pkw-Sparte angekommen, doch auch hier hat Daimler ehrgeizige Pläne. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte der Konzern angekündigt, bis zum Jahr 2039 in Europa, Japan und dem Nafta-Raum (USA, Kanada, Mexiko) nur noch Lkw und Busse anzubieten, die im Fahrbetrieb CO2-neutral sind. Bereits in zwei Jahren will das Unternehmen E-Nutzfahrzeuge im Angebot haben, bis in zehn Jahren sollen wasserstoffbetriebene Serien-Fahrzeuge hinzukommen.

Das Problem für die Arbeitnehmer dabei: Der Antriebswechsel erfordert deutlich weniger Komponenten und damit auch weniger Beschäftigte. „Als ‚Ausgleich‘ sind sie (die Unternehmensleitung) bereit mit uns über neue Produkte, Aggregate und Fertigungsumfänge in den neuen Technologien zu diskutieren“, formulieren Brecht und seine Kollegen in dem Schreiben. „Diese würden aber aus heutiger Sicht nur einen kleinen Teil des Beschäftigungsrückganges auffangen. Auch deshalb, weil sie nicht bereit sind, diese neuen Technologien mit entsprechender Fertigungstiefe an unseren Standorten zu installieren.“

Die tatsächliche Zielzahl der Stellenstreichungen bei Daimler wurde bisher nie offen kommuniziert. Zuletzt war der Abbau von 10.000 bis 15.000 der weltweit rund 300.000 Stellen kolportiert worden. Einzelne Medien hatten sogar von bis zu 30.000 Stellen berichtet. Brecht sagte der „Automobilwoche“, faktisch machten die Personalkosten weniger als 15 Prozent der Gesamtkosten aus. „Da muss dem Unternehmen mehr einfallen, als uns jedes Mal die Personalkosten um die Ohren zu hauen.“

Das Mercedes-Benz-Werk in Gaggenau beschäftigt derzeit knapp 6.400 Mitarbeiter und stellt unter anderem Getriebe für die Nutzfahrzeugsparte her, die in der neuen Daimler-Antriebswelt einen immer kleineren Stellenwert einnehmen sollen. Die Betriebsräte des Unternehmens rechnen dennoch nicht damit, dass sich der befürchtete „Kahlschlag“ hier ergeben könnte. „Das ist aus unserer Sicht zwar ein unwahrscheinliches Szenario, weil in diesem weder in neue Produkte noch in die bestehenden Fertigungsumfänge weiter investiert wird, aber es macht deutlich, dass dringendes Handeln notwendig ist.“


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