Daimler-Vorstand: Oberleitungen für Lkw sind „ausgemachter Blödsinn“

Berlin/Murgtal (tom) – Daimler-Trucks-Vorstandschef Martin Daum hat Oberleitungstechnologie als „ausgemachten Blödsinn“ bezeichnet.

Oberleitungs-Teststrecke in Brandenburg. Während Siemens die Technologie weiter forciert, hält Daimler wenig von den Oberleitungen für Lkw und ist an eWayBW nicht direkt beteiligt.  Foto: BMUB/Hilgers

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Oberleitungs-Teststrecke in Brandenburg. Während Siemens die Technologie weiter forciert, hält Daimler wenig von den Oberleitungen für Lkw und ist an eWayBW nicht direkt beteiligt. Foto: BMUB/Hilgers

Daum äußerte sich am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung der Lkw-Strategie von Daimler und der Präsentation des GenH2 Truck genannten Brennstoffzellen-Lastwagens von Mercedes-Benz. Dies hat der FDP-Bundestagsabgeordnete und Verkehrspolitiker Christian Jung berichtet.

Christian Jung vertritt die FDP im Wahlkreis Karlsruhe-Land und betreut für die Freien Demokraten den Landkreis Rastatt. Er ist ein Gegner des eWayBW-Vorhabens. Nach eigenem Bekunden hatte er in Berlin Martin Daum gefragt, warum in den innovativen und miteinander verschmolzenen Batterie-Wasserstoff-Brennstoffzellen-Lkw der Zukunft nicht als Option auch Lkw-Oberleitungs-Technologie integriert sei. Darauf hin habe der Daimler-Mann in der weltweit übertragenen Pressekonferenz gesagt: „Oberleitungstechnologie ist ausgemachter Blödsinn und Verschwendung volkswirtschaftlicher Ressourcen. Wir können das liefern, aber es macht keinen Sinn.“

„Persönliche Meinungsäußerung“

Daimler-Sprecher bestätigten auf BT-Anfrage Daums Worte. Sie weisen aber darauf hin, dass der Daimler-Trucks-Vorstandschef dies als persönliche Meinungsäußerung verstanden haben wolle.

Das Zitat habe sich auch nicht explizit aufs Murgtal bezogen, versichern die Daimler-Sprecher. Der Konzern stehe nach wie vor zum Konzeptvergleich im Rahmen des eWayBW-Pilotprojekts, auch wenn das Unternehmen bei den zukunftsweisenden Technologien eine andere Strategie verfolge. Nach Ansicht von Christian Jung richten sich Daums Worte aber ausdrücklich auch gegen die Lkw-Oberleitungs-Teststrecke im Murgtal. Daum habe seine ablehnende Haltung auch schon dem baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) mitgeteilt.

Der „GenH2 Truck“ genannten Brennstoffzellen-Lastwagen soll in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts in Serie gehen. „Je schwerer die Ladung und je länger die Distanz, desto eher wird die Brennstoffzelle das Mittel der Wahl sein“, habe Daum auf der Präsentation weiter gesagt, berichtet Jung. Der batteriebetriebene eActros werde 2021 serienmäßig ausgeliefert und 2024 um eine Langstrecken-Version mit 500 Kilometer Reichweite ergänzt.

„Die heutigen Technologie-Ankündigungen von Daimler als einem der wichtigsten Lkw-Produzenten überhaupt und die klaren Worte von Herrn Daum zeigen, dass wir die Lkw-Oberleitungsstrecke auf der B 462 nicht benötigen“, bilanziert Jung, „eWayBW“ sei nicht nachhaltig und ohne Nutzen für den Klimaschutz. Falls die FDP nach der Landtagswahl 2021 in der Landesregierung vertreten sein sollte, „werde ich mich persönlich dafür einsetzen, dass die Teststrecke zeitnah abgebaut wird.“

Pilotprojekt

eWayBW ist ein Pilotprojekt zur Erforschung von elektrisch betriebenen Hybrid-Oberleitungs-Lkw. Auf der Teststrecke B 462 zwischen Kuppenheim und Gernsbach-Obertsrot werden zwei Abschnitte mit Oberleitungen elektrifiziert. In einer dreijährigen Pilotphase wird der Betrieb von Hybrid-Oberleitungs-Lkw untersucht. Eine wissenschaftliche Forschung begleitet das Projekt. Die Technologie, die im Rahmen von eWayBW unter Realbedingungen getestet werden soll, ist unter der Abkürzung „eHighway“ bekannt.

Da das Pilotprojekt in Baden-Württemberg jedoch nicht auf einer Autobahn (Highway), sondern auf einer Bundesstraße stattfindet, wurde das „High“ gestrichen. Die zusätzlichen Buchstaben „BW“ stehen für das Land Baden-Württemberg.

Der Bau der Anlage mit 196 Oberleitungsmasten soll bis Februar 2021 beendet sein. Im Frühjahr 2021 soll die Pilotstrecke in Betrieb genommen werden. Daran schließt sich der dreijährige Realbetrieb an bis Frühjahr 2024. Nach der Betriebsphase soll die Oberleitungsinfrastruktur, sofern sich kein weiteres Betriebskonzept ergibt, rückgebaut werden. Im Falle eines Weiterbetriebs wurde vom Land die Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens zugesagt.

Quelle: www.ewaybw.de

Daimler setzt auf den eActros

Wenn der Warentransport auf der B 462 mit dem Betrieb von Diesel-Hybrid-Oberleitungs-Lkw teilweise elektrifiziert wird, beliefert Logistik Schmitt in der zweiten Projektphase mit einer weiterentwickelten Version des eActros das Mercedes-Benz-Werk Gaggenau mit Achskomponenten – hauptsächlich über die B 462. Diese Strecke entspricht zu einem großen Teil der von eWayBW. Die etwa ein Jahr andauernde Parallelfahrt von eActros und Oberleitungs-Lkw liefere die wichtigsten Daten und Erkenntnisse für den Vergleich beider Konzepte, beispielsweise zur Einsatz-Eignung der Fahrzeuge.

Bei Daimler macht man keinen Hehl daraus, dass man die Oberleitungstechnologie für nicht zukunftsweisend hält – vor allem hinsichtlich des Ziels, ab dem Jahr 2021 einen lokal emissionsfreien Lieferverkehr mit schweren Serien-Lkw zu ermöglichen. Als globaler Hersteller arbeite man an Lösungen, die weltweit eine hohe Wahrscheinlichkeit auf Umsetzung haben – diese sieht das Unternehmen bei der Oberleitung aufgrund ihrer hohen Infrastrukturkosten nicht, auch angesichts der rapiden Entwicklung der Batterie- und Brennstoffzelle.

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Erstellt:
16. September 2020, 17:30 Uhr
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