Dalai-Lama-Freund Franz Alt im BT-Interview

Baden-Baden (kli) –Der Baden-Badener Franz Alt spricht im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink unter anderem über seine Freundschaft mit dem Dalai Lama und ihre erste Begegnung im Jahr 1981.

„Was heißt gescheitert?“: Franz Alt und der Dalai Lama, 2015 in Frankfurt. Foto: Manuel Bauer/Archiv

© Manuel Bauer

„Was heißt gescheitert?“: Franz Alt und der Dalai Lama, 2015 in Frankfurt. Foto: Manuel Bauer/Archiv

Der Baden-Badener Franz Alt, langjähriger Fernsehjournalist, ist seit Anfang der 80er Jahre mit dem Dalai Lama befreundet. Im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink erzählt Alt, warum ihn das geistliche Oberhaupt der Tibeter beeindruckt.

Interview

BT: Herr Alt, Sie kennen den Dalai Lama seit Anfang der 80er Jahre. Was zeichnet ihn aus?
Franz Alt: Am meisten beeindruckt mich seine 100-prozentige Konsequenz in Sachen Gewaltfreiheit. Dem tibetischen Volk ist ja viel Leid zugefügt worden, aber er bleibt dabei. Das ist konsequenter Pazifismus, auch in schwierigen Zeiten. Ich war dabei, als er die schrecklichsten Nachrichten aus seiner Heimat erhalten hat: Dörfer und Tempel zerstört. Aber er bleibt geduldig. Die tibetische Jugend drängt zu Gewalt als Lösung. Aber der Dalai Lama sagt: „Sollte eines Tages eine starke Minderheit meines Volks zu Gewalt greifen, würde ich zurücktreten.“ Ämter sind ihm nicht wichtig. Wenn man ihn mit „Eure Heiligkeit“ anspricht, sagt er: „Ich bin ein einfacher buddhistischer Mönch.“ Ihm ist außerdem eine säkulare Ethik wichtig. Die Religionsgrenzen müssen weg, es braucht eine globale Ethik, der alle zustimmen können.

BT: Man könnte auch sagen: Er hat sein Ziel – Freiheit oder zumindest Autonomie des tibetischen Volkes – bisher nicht erreicht. Ist er gescheitert?
Alt: Was heißt gescheitert? 2000 Jahre nach der Bergpredigt von Jesus sagten Helmut Kohl, Charles de Gaulle und Bismarck, mit der Bergpredigt könne man nicht regieren. Aber Gorbatschow sagte, man kann! Ich habe den Dalai Lama neulich in einer Videokonferenz mit jungen Leuten erlebt. Er sagte ihnen: „Ihr braucht mehr Geduld.“ Manche jungen Leute sagen ihm: „Vietnam hat doch bewiesen, dass es nur mit Gewalt geht.“ Da antwortet er: „Gewalt darf nie unser Weg sein, das hat am Ende nie zu Frieden geführt.“

BT: Manche nennen ihn einen Träumer. Sie nicht?
Alt: Er ist kein Träumer. Er ist Realist. Deutschland hat im Jahr 2015 eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Aber der Dalai Lama sagt: „Das kann Deutschland nicht jedes Jahr machen. Die Flüchtlinge sollen wieder in ihre Heimat zurück und ihr Land wieder aufbauen.“ Da ist er ganz praktisch und real veranlagt.

BT: An welche Begegnung mit ihm erinnern Sie sich besonders gern?
Alt: An unsere erste im November 1981. Meine Frau und ich waren mit einer Reise der Volkshochschule Karlsruhe drei Wochen in China unterwegs, davon eine Woche in Tibet. Meine Frau hat dort heimlich einen Film gedreht, mit einer Touristenkamera. Sie hat sich im Vorfeld von einem Tibeter auf ein Tonband Fragen in tibetischer Sprache aufsprechen lassen, die sie dort mit Hilfe eines tibetischen Freundes Tibetern heimlich gestellt hat. Daraus entstand ein Film, den ich später in der ARD gezeigt habe. Als der Dalai Lama nach Deutschland kam, hat er mich anrufen lassen und gefragt, ob ich ihm privat den Film vorführen könne. Das war nicht so leicht, denn eigentlich stand die Geburt unseres zweiten Kindes bevor. Aber es hat dann geklappt: Ich fuhr nach Frankfurt in sein Hotel, um ihm privat den Film zu zeigen, und war einen Tag später bei der Geburt unserer Tochter dabei. Der Dalai Lama hatte bei dem Film Tränen in den Augen. Er sah zum ersten Mal authentische Stimmen aus Tibet, die ohne Scheu erzählten, was ihnen an Leid zugefügt wurde. Damals sagte er, er wünsche sich, dass wir Freunde werden.

BT: Wie haben sich diese Begegnungen auf Ihr Leben ausgewirkt?
Alt: Zum einen beruflich: Ich habe etwa 15 Fernsehinterviews mit ihm geführt, fünf Bücher mit ihm veröffentlicht und viele Berichte geschrieben. Darüber hinaus hat er mich aber auch darin bestärkt, am Thema Klimaschutz dranzubleiben. Er sieht von seinem Exilsitz in Dharasalam/Indien aus die Berge des Himalaja. Die zehn größten Flüsse entspringen dort. Der Klimawandel führt möglicherweise zu einem Krieg ums Wasser. Milliarden Asiaten hängen an dem Gletscherwasser aus dem Himalaja. Die Wasserfrage ist die dramatischste Folge des Klimawandels, und er hat das täglich vor Augen. Und natürlich habe ich auch sprirituell von ihm gelernt.

„Ruhe ist das Allerwichtigste“

BT: Was genau?
Alt: Selbst wenn er die schlechtesten Nachrichten aus Tibet bekam, ist er ruhig geblieben. Ich habe ihn mal gefragt, ob er sich denn nie aufrege. Er antwortete: „Warum soll ich mich aufregen? Dann muss ich mich ja nur wieder abregen, und das ist mir zu anstrengend.“ Ruhe ist das Allerwichtigste. Man muss konsequent und beharrlich an Lösungen arbeiten, man braucht Geduld.

BT: Was wünschen Sie ihm zum 85.?
Alt: Ich wünsche ihm ein langes Leben, von dem er träumt. Dass er seine Wirkkraft weiter für die Freiheit Tibets einsetzen kann. Er fasziniert die halbe Welt, die Fußballarenen bei seinen Vorträgen sind voll. Die Welt braucht solche Vorbilder.


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