Damit Geschichte eine Zukunft hat

Gernsbach (ueb) – „Gerne hätten wir die direkte Form des Austauschs gewählt.“ So begrüßte Bürgermeister Julian Christ die rund 80 Teilnehmer der ersten Bürgerwerkstatt zum Thema Altstadtentwicklung.

Der Antrag der Stadt Gernsbach auf Aufnahme der Altstadt in die Städtebauförderung des Landes ist erfolgreich: Der Bescheid kam gestern aus Stuttgart. Foto: Stephan Kaminski

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Der Antrag der Stadt Gernsbach auf Aufnahme der Altstadt in die Städtebauförderung des Landes ist erfolgreich: Der Bescheid kam gestern aus Stuttgart. Foto: Stephan Kaminski

Da veränderte Bedingungen veränderte Maßnahmen erfordern, führte Gernsbach diesen Austausch als Videokonferenz durch. Und lag damit offensichtlich richtig, wie die Resonanz am Dienstagabend bewies. Die inhaltlichen Grundlagen hatte die Stadtverwaltung schon ein Jahr zuvor gelegt, als sie die Bürger in einer Postkartenaktion nach der Aufenthaltsqualität ihrer Stadt befragte. Die Themen, welcher der Orte Lieblingsplatz der Gernsbacher sei, wo es besonders schön sei, wo sich Gernsbacher nicht so gerne aufhielten und was verbessert werden könne, beantworteten damals etwa 200 im Rathaus eingegangene Karten. Zur professionellen Unterstützung tiefgründiger Recherchen und zielgerichteter Planung hatte die Stadt am Dienstag Albrecht Reuß, den Stadtplaner und Geschäftsführer der cityplan GmbH, gewonnen. In seinem Stimmungsbild standen mehrere Fragen zur Auswahl. Und es war festzustellen, dass sich die Antworten im Vergleich zur Kartenaktion durchaus ähnelten.

Nach Freischaltung dreier Links auf heimischen Geräten ploppten die Meinungen der Besucher der Online-Werkstatt ziemlich schnell auf. Dabei waren sie farblich gut unterscheidbar und die Wertigkeit durch verschiedene Schriftgrößen verdeutlicht.

Die Antworten auf „Was zeigen Sie Ihrem Besuch“ dominierten erwartungsgemäß das Schloss Eberstein, das Alte Rathaus, der Kurpark, der Katz’sche Garten, die Zehntscheuern, die Stadtmauer, die Murginsel, aber auch die gute Gastronomie in der Altstadt. „Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn sie an die Altstadt denken?“ Ähnlich lautende Antworten wie auf die vorige Frage wurden auf vordersten Plätzen ergänzt durch „Brunnen, Altstadtsommer und filmreife Gassen“.

Auch kritische und konträre Meinungen

Auch kritische und konträre Meinungen waren zu vernehmen, indem es etwa um eine fehlende Fußgängerzone, die unbefriedigende Parkplatzsituation, die Durchfahrt der Altstadt durch Pkw, verschandelte Häuserfassaden, zu wenig Blumenschmuck an privaten Häusern oder Sanierungsbedarf an Fachwerkhäusern ging.

Viel Übereinstimmung herrschte bei der Frage nach den Lieblingsplätzen: Dabei wurden Katz’scher Garten, Kurpark, Marktplatz, Stadtmauer, Zehntscheuern, Waldbach und die verwinkelten Gässchen favorisiert. Bei Plätzen, die Gernsbacher nicht so gerne besuchen, belegten der Färbertorplatz, die Brückenmühle, der Salmenplatz, das Gleisle- und das Pfleiderer-Areal, die Stadthalle sowie die Hofstätte vordere Plätze. Als Grund für die Bewertung der Hofstätte als unattraktiv sahen die Konferenzteilnehmer die unbefriedigende Verkehrslösung dort und in der gesamten Altstadt an.

Besondere Priorität maßen die Werkstatt-Teilnehmer und auch Reuß der Nutzung bestehender Potenziale beider Seiten des Murgufers zu. Bei den Antworten zur Rolle des Tourismus für die Stadt waren sich die Gernsbacher einig, dass neben Wandern und der Nähe zum Kaltenbronn „noch einige Luft nach oben“ sei.

Nahezu gleichrangig bewerteten die Teilnehmer die Frage an sich selbst, inwieweit alle Bürger selbst zur Gestaltung beitragen könnten. Mit hier nur lückenhafter Nennung der gestellten Fragen und aktiv gegebenen Antworten endete zwar nach nicht einmal zwei Stunden die erste Online-Konferenz. Doch nach Sichtung und Auswertung durch die cityplan GmbH und durch die Verantwortlichen der Stadt sind weitere Schritte, die bis in den Winter 2021 andauern werden, geplant. „Keine Ihrer Anregungen wird in irgendwelchen Schubladen verschwinden“, versicherte der Stadtplaner zuversichtlich. Bürgermeister Christ zeigte sich darüber erfreut, dass „seine Gernsbacher“ nicht nur mit vielen kleinen und auch großen Ideen an der Altstadtentwicklung teilhaben wollen. Statt allein auf die Verwaltung zu setzen, signalisierten sie Bereitschaft, selbst nach Lösungen im Altstadtentwicklungsprozess zu suchen.

Auf dem YouTube-Kanal der Stadtverwaltung und der städtischen Facebook-Seite ist die gesamte Veranstaltung als Livestream nachzuerleben.

Altstadt schafft Sprung ins Städtebauförderungsprogramm

Erfreuliche Nachrichten aus Stuttgart: Der Antrag der Stadt Gernsbach auf Aufnahme der Altstadt in die Städtebauförderung des Landes wurde positiv entschieden. „Damit reden wir nicht nur von der Entwicklung unserer Altstadt, sondern haben die Chance, konkrete Ideen mithilfe finanzieller Förderung des Landes umzusetzen“, zeigt sich Bürgermeister Julian Christ erfreut. Gernsbach bekommt in diesem Jahr 900.000 Euro zur Sicherung und Weiterentwicklung des historischen Ortskerns, zur gestalterischen Aufwertung des öffentlichen Raums sowie zur Schaffung von innerörtlichem und barrierearmem Wohnraum. Nachdem das Förderprogramm Sanierungsgebiet Innenstadt Mitte II 2020 auslief, bereitete die Verwaltung den Antrag für ein neues städtebauliches Sanierungsgebiet vor und beauftragte die Stadtentwicklung GmbH (STEG) damit. Das neue Stadtentwicklungskonzept fasst bestehende Pläne der Stadt Gernsbach zusammen und gibt neue Anregungen für die Zukunft. Es diente als Grundlage für die Antragstellung beim Land für weitere Fördermittel, die nun freigegeben worden sind.


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