„Damit löst sich Wissenschaft letztlich auf“

Freiburg (naf) – Ronald G. Asch, Historiker der Universität Freiburg, spricht im BT-Interview über das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit und die Situation an den Hochschulen.

„Wenn Sie zum Nachwuchs gehören und auf die falsche Seite geraten, dann ist die Karriere möglicherweise zu Ende“, ist sich Asch sicher. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

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„Wenn Sie zum Nachwuchs gehören und auf die falsche Seite geraten, dann ist die Karriere möglicherweise zu Ende“, ist sich Asch sicher. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Die Freiheitliche Forschung und Lehre an den Hochschulen verteidigen, das hat sich das neu gegründete Netzwerk Wissenschaftsfreiheit auf die Fahnen geschrieben. 70 Wissenschaftler sehen diese Freiheit in Gefahr und haben sich bundesweit zusammengeschlossen, um auf ein Problem aufmerksam zu machen, dessen Existenz teilweise bestritten wird. Einer von ihnen ist Ronald G. Asch, Historiker an der Universität Freiburg. BT-Volontärin Nadine Fissl hat sich mit ihm über die Lage an den Hochschulen, den Umgang mit Meinungsverschiedenheiten und die Grenzen der Wissenschaftsfreiheit unterhalten.

BT: Herr Asch, Warum halten Sie ein Netzwerk Wissenschaftsfreiheit für notwendig?
Ronald Asch: Ich will die Lage nicht dramatisieren, aber, wenn sie auf die USA oder Großbritannien blicken, dann sehen Sie schon, dass dort die Grenzen dessen, was sie sagen können, sehr eingeengt werden. In den USA zum Teil in grotesker Weise, da reicht ein falsches Wort und ihre Stelle ist in Gefahr. So weit ist es in Deutschland natürlich noch nicht. Aber ein „wehret den Anfängen“ ist notwendig. Es gibt zunehmend Zeichen, dass Dinge hier nachgeahmt werden, trotz einer anderen Problemlage. Es gibt zunehmend Diskussionsfelder, wo Sie sehr aufpassen müssen. An manchen Universitäten natürlich mehr, an manchen weniger. Also zum Thema Islam etwa, oder Migration, auch die Frage: Haben geschlechterspezifische Eigenschaften etwas mit biologischen Faktoren zu tun oder nicht, das sind alles Felder, wo man sehr schnell in die Ecke gerät und als Rassist, homophob oder transphob angefeindet wird.

Professor Ronald G. Asch. Foto: privat

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Professor Ronald G. Asch. Foto: privat

BT: Können Sie so einen Fall nennen?
Asch: Ja, bei meinem Kollegen Prof. Jörg Baberowski aus Berlin. Er war schon vor vielen Jahren eine Zielscheibe für sehr weit linksorientierte Gruppen. Dann hat er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel zur Migrationspolitik veröffentlicht, der nicht jedem gefallen hat, und seitdem versucht man, ihn als rechtsradikal zu diffamieren. Das hat natürlich auch Folgen. Wenn er an auswärtigen Universitäten Vorträge hält, kann das sehr leicht zu Störungen und Boykottaktionen gewaltsamer Art führen. Ich kenne ihn persönlich und in diesem Fall weiß ich: Diese Angriffe sind einfach nicht gerechtfertigt. Das war mit ein Grund, dass ich diesem Netzwerk beigetreten bin.

„Diese Leute haben Einfluss.“

BT: Beim wissenschaftlichen Arbeiten geht es allerdings nicht um Meinung. Was hat das mit dem universitären Kontext zu tun?
Asch: Die Gegner haben argumentiert, wer solche Meinungen äußert, muss mundtot gemacht werden. In Baberowskis Fall hat so jemand eine maßgebliche Rolle dabei gespielt, ein Forschungsprojekt zu verhindern. Diese Leute haben Einfluss.

BT: Welche Einflussmöglichkeiten gibt es?
Asch: Es gibt studentische Aktivistinnen und Aktivisten, die damit drohen, eine Veranstaltung zu sprengen, um Druck auf die Rektorate auszuüben. Und das Problem ist eben, dass die Rektorate eine Tendenz haben, eher nachzugeben. Sie wollen keinen Ärger haben, machen Zugeständnisse und fallen zum Teil dann sogar auch Kollegen in den Rücken. Es gibt eine starke Neigung, den Dozenten zu sagen: „Vermeide dieses Thema lieber ganz. Ihr müsst ja dazu nichts sagen.“ Und so verhalten sich natürlich auch viele, um keinen Ärger zu bekommen.

BT: Was wollen Sie mit ihrem Netzwerk erreichen?
Asch:
Wir sind ja noch im Aufbau, sodass noch viele Diskussionen stattfinden. Ziel ist zunächst einmal, dass angegriffene Kolleginnen und Kollegen wissen, dass sie mit einer gewissen Solidarität rechnen können. Auch dass man gegenüber einer Öffentlichkeit, die versucht diese Leute auszugrenzen, eine Gegenöffentlichkeit herstellen kann. Außerdem ist durchaus geplant, besonders problematische Fälle zu dokumentieren. Vielleicht den Leuten auch Beistand anzubieten, um einfach mehr Balance in der Diskussion zu schaffen. Das ist das Ziel.

BT: Welche Reaktionen hat das Netzwerk bisher auf seine Gründung erhalten?
Asch: Wir haben relativ viele Anfragen von Interessenten, die mitmachen wollen. Es gibt also offensichtlich ein gewisses Bewusstsein dafür, dass da ein Problem vorhanden ist. Man hört aber natürlich auch von anderen Leuten, dass das Problem nicht existieren würde – das empfinde ich als heuchlerisch.

BT: Wenn das Problem so offensichtlich ist, warum sehen das dann die meisten nicht so?
Asch: Wenn ich selbst dem Mainstream angehöre und nie in dieser Weise angegriffen wurde, dann fühle ich mich natürlich erstmal wohl. Da liegt dann nahe, zu denken: „Ich habe doch keine Probleme, wenn ihr euch vernünftig verhalten würdet, hättet ihr auch keine.“ Bei manchen ist das aber auch einfach ein Trick. Wenn Sie Macht haben, ist die beste Möglichkeit, sich gegen Kritik zu immunisieren, zu sagen: „Ich habe überhaupt keine Macht“.

Aufteilung in gute und böse Meinungen


BT: Wissenschaftliche Arbeiten werden aber nach objektiven Maßstäben bewertet. Wie kann da die Einstellung eine Rolle spielen?
Asch: Sehen kann man das beispielsweise bei Begutachtungen. Wir sind alle auf Drittmittel angewiesen. Ich habe es selbst schon erlebt, dass Maßstäbe der politischen Korrektheit bei Begutachtungen angelegt wurden, und Projekte deshalb schlechter beurteilt wurden. Wenn Sie sich nicht ausdrücklich zu Diversität und positiver Diskriminierung bekennen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen das Negativpunkte einbringt, nicht ganz gering. Die meisten Wissenschaftler werden das nicht riskieren wollen, bei einer Sache, die ihnen wichtig ist. Dann machen sie lieber diese Zugeständnisse. Ich will es nicht dramatisieren, wir sind ja auch Beamte und können nicht gefeuert werden. Wenn Sie allerdings zum Nachwuchs gehören und auf die falsche Seite geraten, dann ist die Karriere möglicherweise zu Ende.

BT: Wieso Seiten? Argumente lassen sich ja austauschen und entkräften.
Asch: Natürlich spielen politische Standpunkte in Geisteswissenschaften immer eine gewisse Rolle, das ist auch ganz natürlich. Aber es läuft heute doch stärker darauf hinaus, dass es nicht nur verschiedene Meinungen, sondern eben gute und böse gibt. Der Historikerverband hat zum Beispiel eine Resolution verabschiedet, die darauf hinauslief zu sagen, dass jede Kritik an der aktuellen Migrationspolitik illegitim, böse und rechtsradikal ist. In diesem Fall hatte man – vielleicht auch nicht unberechtigt – Angst vor rechtsradikalen Bestrebungen. Aber wenn sie versuchen, einen ganzen Verband auf eine solche Linie festzulegen, das führt zu einer Spaltung des Verbands.

BT: Und Sie meinen, das ist eine Gefahr für die freie Wissenschaft?
Asch: Sicher. Wir haben ja grundgesetzlich eigentlich die Freiheit von Forschung garantiert. Aber wenn sie in dieser Weise unter Druck geraten, eine bestimmte politische Linie zu vertreten, dann bleibt von den sensiblen Fächern zukünftig vielleicht nicht so viel übrig. Es gibt mittlerweile auch nicht mehr die Möglichkeit, sich einer objektiv zu diskutierenden Wahrheit anzunähern. Jede Identitätsgruppe hat ihre eigene Wahrheit. Also wenn ein Afroamerikaner sagt „das ist meine Realität“ kann jemand, der weiß ist, nichts dazu sagen – ist dazu also nicht legitimiert. Oder ein Mann kann nichts zur Befindlichkeit einer Frau sagen. Das ist ein gefährlicher Weg, damit löst sich Wissenschaft letztlich auf.

Studenten können etwas bewegen: Der AStA einer Berliner Hochschule ließ Gomringers Gedicht Avenidas von einer Fassade tilgen. Es sei sexistisch. Foto: David von Becker/dpa

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Studenten können etwas bewegen: Der AStA einer Berliner Hochschule ließ Gomringers Gedicht Avenidas von einer Fassade tilgen. Es sei sexistisch. Foto: David von Becker/dpa

BT: Was wäre dann der richtige Weg?
Asch: Ich kann auch durchaus als Europäer und Weißer etwas über die Geschichte Südamerikas oder Afrikas schreiben. Ich muss meinen eigenen Standpunkt natürlich kritisch reflektieren und auch den Erfahrungshorizont der Menschen vor Ort berücksichtigen. Ich selbst bin ein Mensch des 20. Jahrhunderts und schreibe Bücher über das 16. und 17. Jahrhundert. Dass uns der Erfahrungshorizont eines anderen so unzugänglich ist, dass wir gar nichts mehr sagen können und nur noch der Betroffene etwas über seine Situation sagen kann, das halte ich für sehr problematisch.

BT: Wenn aber eine betroffene Person vor Ihnen steht und sagt, dass sie sich persönlich angegriffen fühlt. Wie reagieren Sie darauf?
Asch: Das kommt ganz auf den Zusammenhang an. Es gibt natürlich Empfindlichkeiten, die man berücksichtigen muss. Auch sollte man keine herablassenden Bemerkungen machen, selbst, wenn es aus bloßer Nachlässigkeit geschieht. Aber wir können natürlich nicht auf jede Empfindlichkeit Rücksicht nehmen. Nehmen sie die Massendeportation von Armeniern in der Türkei Anfang des 20. Jahrhunderts. Wenn ich unterrichte, müsste ich die Möglichkeit haben, das anzusprechen, selbst, wenn ein Kommilitone türkischer Herkunft dann sagt, dass er sich dadurch beleidigt fühlt.

Wo liegt die Grenze zum Rassismus?

BT: Wo muss die Grenze zum Rassismus dann gezogen werden?
Asch: Das müssen Sie letztlich im Einzelfall bestimmen. Herabwürdigende Äußerungen oder gar solche, die zur Gewalt aufrufen, sind natürlich zu verurteilen und damit müssen die Universitäten auch umgehen. Wogegen ich mich aber wehren würde, ist allen Europäern, die weiß sind, strukturellen Rassismus zu unterstellen – egal, was sie sagen. Und davon auszugehen, dass man sich als Weißer schuldig fühlen muss, dafür ist die Geschichte viel zu ambivalent. Recht und Unrecht sind nicht so einfach verteilt.

BT: Die Geschichte hat gezeigt, dass Wissenschaft auch unmenschlichen Zielen dienen kann, also nicht alles darf. Oder sehen Sie das anders?
Asch: Natürlich gibt es Tabus. Wenn man behaupten würde, Angehörige bestimmter ethnischer Gruppen seien aus genetischen Gründen unterlegen, das wäre für mich ein absolutes Tabu.

BT: Wie können die verschiedenen Seiten zusammenkommen?
Asch: Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass eine sachbezogene, empirisch basierte Forschung manche Debatten, auch rationalisieren kann – wenn die Gegenseite bereit ist, sich darauf einzulassen. Aber das setzt voraus, dass man sich erstmal auf ein wissenschaftliches Gespräch einlässt, das nicht von Anfang an völlig moralisiert wird. Man muss sich mit einer gewissen Unbefangenheit gegenübertreten. Es geht mir und meinen Mitstreitern darum, dass nicht von vorneherein jede Diskussion totgemacht wird, mit dem Argument, Kritik an bestimmten Gesellschaftsformen sei rassistisch. Es wird in der Praxis immer Fälle geben, wo das Urteil nicht so einfach ist. Streitigkeiten entstehen auch dort, wo ein Kollege etwas sehr provozierend formuliert. Aber ein gewisses Maß an Provokation gehört zur wissenschaftlichen Debatte eben dazu.


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