Das Ball-Monster verursacht blaue Flecken

Bühl (moe) – Zwölf Jahre Bundesliga haben die Bühler Volleyballer gespielt. In der Anfangszeit hat BT-Redakteur Moritz Hirn mittrainiert. Wir haben den Artikel für Sie aus dem Archiv gekramt.

Drei Mann, ein Block: Joel Bruschweiler, Moritz Hirn und Valters Lagzdins (von links) verhindern, dass der Ball übers Netz fliegt. Foto: Bernhard Margull/Archiv

© bema

Drei Mann, ein Block: Joel Bruschweiler, Moritz Hirn und Valters Lagzdins (von links) verhindern, dass der Ball übers Netz fliegt. Foto: Bernhard Margull/Archiv

Die Worte von Erik Weber stechen sich in meinen Kopf wie ein Tattoo: „An deiner Stelle hätte ich vor der Ballmaschine schon Angst“, sagt er. Ein Lachen kann er sich dabei nicht verkneifen. „Die knallt dir die Bälle mit über 100 Stundenkilometern um die Ohren“, fügt der (damalige) Zuspieler der Bühler Bundesliga-Volleyballer hinzu. Fortan werde ich den Gedanken nicht mehr los: die Ballmaschine. Ich erwarte Schmerzen. Doch ich bin selbst schuld: Ich verbringe einen Tag als Volleyball-Profi beim TV Bühl (heute Volleyball Bisons Bühl). Hinweis: Dieser Artikel ist ursprünglich am Samstag, 22. Oktober 2011, im Bühler Lokalteil erschienen. Im Rahmen des Formats „Throwback Thursday“ des BT-Instagram-Teams haben wir ihn aus dem Archiv gekramt und fürs Web optimiert.

Als hätte ich mir im Vorfeld nicht schon genug Sorgen gemacht: Wie nehmen mich die Profis auf? Wie streng ist der Trainer? Und kann ich einigermaßen mit den baumlangen, durchtrainierten Sportlern mithalten? Geschlafen habe ich vergangene Nacht jedenfalls nur wenig. Meine Sorgen sind aber größtenteils unbegründet, zumindest was den letzten Punkt angeht. Mein Arbeitstag mit den Volleyballern beginnt um neun Uhr – mit Massage. Dafür reicht selbst meine Kondition.

Auch meine „Teamkollegen“ sind äußert nett und unkompliziert. „Hallo, ich bin der Paul“, stellt sich mir Paul Lohrisch vor. Unter Sportlern ist man per Du. „Ich bin Moritz und darf heute mittrainieren“, antworte ich. „Na dann, viel Spaß“, sagt Paul und lässt sich auf die Massageliege fallen.

Spaß habe ich in der Tat, schließlich darf auch ich das Regenerationsprogramm genießen. „Seit dem letzten Fußballspiel zwickt meine rechte Wade“, teile ich Mandy Höher meine Bedürfnisse mit. Die Physiotherapeutin und ihre Kollegin Yvonne Mineur sind jeweils an zwei Tagen für die Wehwehchen der Sportler da. Das Ambiente ist ungewöhnlich. Geknetet wird nicht in einer Praxis, sondern in einer der Volleyballer-WGs – zwischen Sofa und Fernsehgerät. Im Vergleich zu den durchtrainierten Profis bin ich das, was man landläufig als „halbes Hemd“ bezeichnet. Dennoch hatte ich mit größeren Muskelbergen gerechnet. Beherzt greift Mandy in meine Wade. Bisher gefällt mir das Profileben ausgesprochen gut.

Die damalige Physiotherapeutin Mandy Höher hat die Spieler und hier BT-Redakteur Moritz Hirn in einer der Volleyballer-WGs massiert. Foto: Bernhard Margull/Archiv

© moe

Die damalige Physiotherapeutin Mandy Höher hat die Spieler und hier BT-Redakteur Moritz Hirn in einer der Volleyballer-WGs massiert. Foto: Bernhard Margull/Archiv

Die Streicheleinheit hat einen weiteren angenehmen Nebeneffekt: Ich komme viel leichter ins Gespräch mit meinen neuen „Kollegen“. Es geht um Computerspiele, Freundinnen, aber auch unangenehme Aspekte des Alltags: „Als Profi in meinem Alter hat man eigentlich pausenlos Schmerzen“, sagt Nicola Renovica. Schmerzen! Sofort taucht die Ballmaschine wieder vor meinem geistigen Auge auf.

Auch für ernstere Themen bleibt Zeit: Geld zum Beispiel. Elf der zwölf TV-Spieler sind Vollprofis und verdienen ihre Brötchen mit Baggern, Pritschen und Schmettern. „Bis zur Rente reicht es nicht. Aber man kann etwas auf die Seite legen“, erzählt Matthias Pompe. Er selbst hat Sportmanagement studiert. Noch will er sich aber voll auf Volleyball konzentrieren.

Ich mich auch. Das Mittagstraining in der Schwarzwaldhalle steht an. „Endlich Bälle“, denke ich. „Moritz, gleich lernst du die Ballmaschine kennen“, zerstört Matthias meine Vorfreude. Das mulmige Gefühl in der Magengegend ist zurück. Zum ersten Mal treffe ich auch den argentinischen Trainer Ruben Wolochin. „Herzlich willkommen“, begrüßt er mich. „Das wird heute ein langer Tag.“

Respekt und blaue Flecken vor der Ballmaschine

Das Training beginnt locker. Ich spiele mich mit Valters Lagzdins ein. Der 21-Jährige ist der einzig verbliebene Bühler in der ersten Mannschaft. Wir kennen uns schon lange. „Das war ganz in Ordnung. Hast du extra geübt?“, fragt er. „Eigentlich nicht. In der Schule hab ich Volleyball gespielt.“ Valters schmunzelt. Sicher hat er gemerkt, dass das schon über zehn Jahre her ist.

Am anderen Ende der Halle hat Trainer Ruben in der Zwischenzeit die Ballmaschine in Stellung gebracht. Das zwei Meter große Monstrum schleudert eine Kugel nach der anderen in Richtung der Annahmespieler. Alleine das Zuschauen tut weh. Irgendwann kann auch ich mich nicht mehr drücken. „Auf Moritz, jetzt du“, fordert mich Ruben auf. „Stell‘ sie ein bisschen langsamer ein“, ruft er Paul zu, der die Maschine mit Bällen füttert. „Nein, nein, Paul. Lass mal, das packt er schon“, meint Matthias. Ich werde leider nicht gefragt. Der erste Ball rast so schnell auf mich zu, dass ich ihn nicht mal sehe. Der zweite knallt auf meine Unterarme. Ein brennender Schmerz. Schlimmer als ich dachte. Jetzt bloß nichts anmerken lassen, schließlich will ich nicht als Weichei dastehen. Nach weiteren drei Volltreffern hat David Molnar ein Einsehen. Er korrigiert meine Armhaltung: „Nimm deine Arme früher nach unten.“ Siehe da, die Bälle fliegen nicht mehr kreuz und quer durch die Halle. Es tut aber immer noch höllisch weh. „Der war gut! Damit hören wir auf“, ruft Matthias. Danke! Meine Unterarme sind glühend rot. Das ganze Ausmaß der Ball-Attacken zeigt sich allerdings erst am nächsten Tag: blaue Flecken sogar auf der Handfläche.

14 Uhr, das Training ist zu Ende. Um 19 Uhr geht es in der Halle der Weststadtschule weiter. Die Spieler haben Zeit für Einkäufe, Sprachschule oder Müßiggang. „Leg dich ruhig ‚ne Weile hin“, empfiehlt Matthias. „Wer gute Leistungen bringen will, muss auch gut erholt sein“, fügt Erik hinzu. Dennoch entscheide ich mich für einen Besuch in der Redaktion.

Der BT-Redakteur als Balljunge: Nach dem Zirkeltraining lässt es Moritz Hirn ruhiger angehen. Foto: Bernhard Margull/Archiv

© bema

Der BT-Redakteur als Balljunge: Nach dem Zirkeltraining lässt es Moritz Hirn ruhiger angehen. Foto: Bernhard Margull/Archiv

Das Abendtraining beginnt vielversprechend für mich. Stretching. Während die Zwei-Meter-Riesen bei den Kniebeugen mächtig stöhnen, tue ich mich mit meinen 180 Zentimetern und der kürzeren Distanz zum Boden deutlich leichter. Der Ehrgeiz packt mich. Auch beim anschließenden Zirkeltraining bin ich vorne dabei. „Jungs, das kann doch nicht sein, dass Moritz der Schnellste ist“, findet Ruben. Ich nehme es als Kompliment. Auch bei Sprüngen aus dem Stand auf einen 1,10 Meter hohen Kasten überrasche ich. „Wow, das war gut“, sagt Zuspieler Axel Jacobsen.

Doch mein Höhenflug ist schnell beendet. Angriffsübungen. Schmettern. Einigermaßen unbeholfen nähere ich mich dem Netz. Am ersten Ball schlage ich vorbei, der nächste landet im Netz. Der dritte geht zwar darüber, aber ich mache mir keine Freunde. Der blau-gelbe Synthetiklederball schlägt im Gesicht von David ein. Ich fürchte ähnlichen Schmerz wie nach der Ballmaschine. Doch der ungarische Nationalspieler winkt ab: „Kein Problem, nix passiert.“ Zumindest habe ich einige Lacher auf meiner Seite.

Fortan konzentriere ich mich aufs Punkte zählen und Bälle holen. Es wird nochmals richtig laut. Kommandos schallen durch die kleine Halle. Ruben unterbricht die Spielzüge immer wieder und gibt Anweisungen im Staccato-Stil. Kurz. Präzise. Bestimmt. Er staucht seine Schützlinge teilweise ordentlich zusammen. Ganz am Ende des Trainings zeigt sich der Trainer aber nochmals von seiner milden Seite. Er verkürzt die Einheit von drei auf zweieinhalb Stunden. Wirkliche Freude kommt aber nicht auf. Ich frage ihn, wie ich mich geschlagen habe. „Gut“, lautet das knappe Fazit. Das größere Kompliment kommt von David. Richtig, der dem ich vorhin den Ball ins Gesicht gepfeffert habe: „Du hast unseren grauen Trainingsalltag etwas bunter gestaltet und darfst natürlich gerne jederzeit wiederkommen.“ Darauf hätte ich große Lust. Aber nur wenn das Ball-Monster nicht wieder aus seinem Käfig gelassen wird.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.