Das Comeback der Tiefengeothermie

Von Tobias Symanski

Freiburg/Karlsruhe/Mannheim (tas) – Nach Jahren des Stillstands tut sich in Sachen Erdwärme wieder mehr entlang des Oberrheins. Derzeit sind verschiedene Projekte in Planung.

Das Comeback der Tiefengeothermie

Das Geothermieprojekt nördlich von Straßburg: In der Region kam es vor Kurzem zu leichten Erdstößen. Foto: Patrick Hertzog/AFP

Erdwärme gilt als nahezu unerschöpfliche Energiequelle, doch die Nutzung in größerem Maßstab ist in der vergangenen Zeit ins Stocken geraten – auch weil es in der Folge von Tiefbohrarbeiten im Raum Basel im Jahr 2006 zu Erderschütterungen kam. Und auch die durch oberflächennahe Bohrungen in Staufen im Jahr 2007 verursachten Risse in Hunderten von Gebäuden beschäftigten die Bewohner der Stadt bis heute. Doch nun gibt es die Chance auf neue Geothermieprojekte am Oberrhein.

Der südbadische Energieversorger Badenova kann sich nach Jahren des Stillstands nun wieder für das Thema Tiefengeothermie erwärmen. Die Unternehmenstochter Wärmeplus hat eine sogenannte Aufsuchungserlaubnis zur Erkundung der Tiefengeothermie-Potenziale beim Regierungspräsidium Freiburg beantragt. Sie betrifft die Region zwischen Freiburg, Breisach und Müllheim – also mitten im Stammland des südbadischen Versorger. Insgesamt liegen 19 Kommunen innerhalb des Erkundungsgebiets.

Dieser erste Schritt hat mit möglichen Bohrungen aber zunächst nichts zu tun. Bevor schweres Gerät anrollen kann, geht es erst einmal ums umfassende „Suchen, Sammeln und Sichten von Daten“, heißt es beim Freiburger Unternehmen. Ziel: Das Erstellen einer Studie, die Auskunft darüber geben soll, ob sich das Bohren in der untersuchten Region überhaupt lohnt.

Umweltministerium begrüßt neue Erdwärmenprojekte im Südwesten

Die derzeit wieder stärkere Zuwendung zur Tiefengeothermie wird auch vom Land Baden-Württemberg unterstützt. In einem Positionspapier aus dem vergangenen Jahr begrüßt das Stuttgarter Umweltministerium neue Erdwärmeprojekte im Südwesten ausdrücklich: „Die tiefe Geothermie soll künftig einen weit größeren Beitrag zur Energie- und ins-besondere Wärmeversorgung Baden-Württembergs leisten als bisher.“ Nicht zuletzt, um die Ziele des Klimaschutzgesetzes zu erreichen.

Auch im badischen Norden tut sich etwas in Sachen Geothermie. Der Karlsruher Stromkonzern EnBW und die Mannheimer MVV wollen das Gebiet „Hardt“ genauer unter die Lupe nehmen, das sich zwischen Heidelberg, Mannheim und St. Leon-Rot befindet. Damit rückt auch die derzeit ungenutzte Tiefenbohrung in Brühl wieder in den Fokus des Interesses, die seit dem Jahr 2016 vor sich hindümpelt. Das Vorhaben, mit heißem Wasser aus dem Untergrund Strom zu erzeugen und Gebäude zu heizen, scheiterte damals am Widerstand der Bürger und der Insolvenz des Projektbetreibers Geoenergy. Nun zielen MVV und EnBW darauf ab, die Energie aus dem Erdinneren in das bestehende Fernwärmenetz in der Region einzuspeisen.

Gleichzeitig hat das Unternehmen Deutsche Erdwärme in Karlsruhe drei Projekte am Start, am weitesten fortgeschritten ist das in Graben-Neudorf. Dort wird in 3.500 bis 3.700 Metern Tiefe ein 160 Grad heißes Thermalwasserreservoir vermutet. Hier soll Anfang 2021 gebohrt werden.

Damit sollte der Fels zerklüftet werden

Dass bei der Geothermie in den vergangenen Jahren eher auf die Bremse getreten wurde, liegt auch an negativen Erfahrungen nach verschiedenen Tiefenbohrungen im Rheingraben. Ende 2006 bebte im schweizerischen Basel die Erde, nachdem in ein mehr als 5.000 Meter tiefes Bohrloch Wasser mit hohem Druck ins Gestein verpresst worden war. Damit sollte der Fels zerklüftet werden, um später das Wasser, das sich in den Hohlräumen erwärmen sollte, besser hindurchleiten zu können. In der Folge kam es zu mehreren Erdstößen, die in der Spitze den Wert 3,4 auf der Richterskala erreichten und auch im Raum Südbaden zu spüren waren. Es entstanden zwar keine größeren Schäden, doch die Bevölkerung in der Region war verunsichert. Ende 2009 kam das endgültige Aus für das Vorhaben.

Auch die jüngsten Erdstöße im Raum Straßburg können nicht auf der Liste der vertrauensbildenden Maßnahmen verbucht werden. Im Straßburger Vorort Vendenheim plant das Unternehmen Fonroche das frankreichweit erste Geothermie-Kraftwerk, das sowohl Strom als auch Fernwärme produzieren soll. Doch vor einem Jahr kam es auch hier zu Erdstößen, als Wasser tief in den Untergrund gedrückt wurde. Behördlich angeordnete Tests an den zwei Bohrlöchern hatten im vergangenen Oktober nach ersten Erkenntnissen erneut für Erschütterungen gesorgt.

Auf der deutschen Rheinseite ist man beunruhigt. Bereits im vergangenen Jahr habe der Gemeinderat der Stadt Kehl den zuständigen Präfekten im Elsass angeschrieben, um Informationen zu den Erschütterungen zu bekommen. „Wir haben bis heute keine Auskunft erhalten“, sagt der Sprecher der CDU/FDP-Fraktion, Richard Schüler, der auch 1. Vorsitzender der Bürgerinitiative (BI) gegen Tiefengeothermie im südlichen Oberrheingraben ist. Seinen Worten zufolge organisiere sich der Widerstand derzeit beiderseits des Rheins gegen das Geothermie-Projekt.

Erfahrungen hat die Kehler BI diesbezüglich reichlich gesammelt. Vor einigen Jahren stellte sie sich bereits Geothermie-Bohrungen des börsennotierten Dienstleisters Daldrup & Söhne im südlich von Kehl gelegenen Neuried entgegen, bis heute kommt das Projekt nicht recht in die Gänge. Wie ein Unternehmenssprecher auf Anfrage des BT mitteilt, ruht das Vorhaben derzeit.

Bürger mit Informationen versorgen

Die Verantwortlichen bei Badenova sind sich durchaus bewusst, dass die Menschen entlang des Oberrheins die damaligen und aktuellen Geschehnisse rund um die Erdstöße nicht einfach so ignorieren. Deshalb will der Energieversorger bereits im frühen Projektstadium die Bürger mit Informationen versorgen und auch zu Wort kommen lassen. Eine erste von zwei Online-Regionalkonferenzen soll in der kommenden Woche mit Fachleuten, Behörden und Kommunalvertretern durchgeführt werden. Dabei konnten Bürger auch ihre Fragen rund um die Geothermie loswerden.

BI-Chef Schüler bleibt trotzdem skeptisch. „Man kann natürlich offen über das Thema reden, aber wenn an Häusern Schäden durch die Geothermieprojekte entstehen, werden die Betroffenen damit alleine gelassen. Denn das Land hat sich bei den Entschädigungszahlungen zurückgezogen.“ Sprich: Wer Risse an Gebäuden hat, müsse erst einmal vor Gericht beweisen, dass diese durch Erdwärmebohrungen verursacht wurden. So ein Gutachten könne bis zu 200.000 Euro kosten. Schüler: „Keine Bürgerinitiative, und erst recht kein einzelner Hauseigentümer wird sich so etwas leisten.“