„Das Evangelium wird immer Anstoß erregen“

Baden-Baden (kli) – Kardinal Walter Kasper gilt als liberaler Theologe. Was sagt der frühere Bischof von Rottenburg-Stuttgart zu den katholischen Streitthemen? Antworten gibt er im BT-Interview.

Kardinal Walter Kasper hält die Spaltung der Kirche für einen Skandal.   Foto: Henning Kaise/dpa

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Kardinal Walter Kasper hält die Spaltung der Kirche für einen Skandal. Foto: Henning Kaise/dpa

Kardinal Walter Kasper überblickt Höhen und Tiefen seiner katholischen Kirche. Im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink spricht der emeritierte Kurienkardinal über Weihnachten, Schwächen und Reformwege der katholischen Kirche, die Ökumene und die Frage nach Weiheämtern für Frauen.

BT: Herr Kardinal, was ist Weihnachten für Sie?
Kardinal Walter Kasper: Weihnachten ist für mich das Geburtsfest des Gottessohnes Jesus Christus. Von dem Kind in der Kippe im Stall von Bethlehem und von der Botschaft des Engels vom Frieden auf Erden für alle Menschen, die guten Willens sind, geht für mich wie für viele Menschen, auch viele Nichtchristen, eine Faszination aus. Der für uns Menschen unbegreifliche Gott hat uns im Kind in der Krippe sein menschenfreundliches Gesicht gezeigt und ist uns auf eine menschliche zärtliche Weise nahegekommen. Er ist bei einem von anderen abgewiesenen, obdachlosen Paar, mitten unter armseligen, damals verachteten Hirten bei uns eingekehrt. Am Anfang der Stall, am Ende das Kreuz, das ist kein Märchen. Märchen sind aus ganz anderem Holz geschnitzt. Das ist mitten in der harten, oft kalten Wirklichkeit ein Bild und ein Vorgeschmack des Friedens und der Menschlichkeit.

BT: Nun ist die Corona-Pandemie für das Kirchenleben ein herber Einschnitt: Kirchliches Leben in Mitteleuropa bricht noch weiter ab. Kann die Kirche das aufhalten?
Kasper: Die Corona-Pandemie bedeutet für die Kirche wie für die ganze Gesellschaft einen harten Einschnitt. Das kirchliche Leben ist während des Lockdowns nicht einfach erloschen. Es ist an vielen Orten auf teilweise erfinderische neue Weise weitergegangen. Doch dass besonders an Ostern die öffentliche Feier der Eucharistie nicht möglich war und dass sie jetzt nur unter beschränkenden Auflagen geschehen kann, wird bei vielen Christen einen Entwöhnungseffekt vom sonntäglichen Kirchgang mit sich bringen.

BT: Hat das nur mit Corona zu tun?
Kasper: Nein. Der Rückgang der Kirchenbindung ist mitbedingt durch die nachlassende Bindung an Institutionen, die sich auch außerhalb der Kirche bei Parteien, Gewerkschaften, Vereinen und anderen findet. Tiefer gesehen ist der Gottesglaube in den Herzen vieler Menschen schwach geworden oder gar erstorben. Dazu kommen innerkirchliche Probleme, vor allem der Skandal und der enorme Vertrauensverlust aufgrund sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Die innerkirchlichen öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzungen, besonders die zwischen Bischöfen und von Bischöfen mit Rom, haben zu einem Profilverlust der Kirche nach innen wie nach außen geführt, so dass die Identität der Kirche für viele erodiert und vielen nicht mehr deutlich erkennbar ist, wofür die Kirche steht.

„Jammern hilft nicht weiter“

BT: Was folgt daraus?
Kasper: Wir werden zahlenmäßig weniger werden und in Zukunft ärmer dastehen, was die finanziellen Mittel betrifft. Jammern hilft nicht weiter. Wir müssen die Herausforderungen annehmen. Krisen hat es in der Kirchengeschichte schon oft gegeben; sie waren jeweils Anstoß zu Erneuerungsbewegungen. Einen solchen geistlichen Neuaufbruch brauchen wir auch heute.

BT: Wie kann dieser Neuaufbruch aussehen?
Kasper: Relevant wird das Christentum nicht durch Anpassung und Anbiederung. Eine Kirche, die alle Ecken und Kanten abschleift und kein eigenes Profil mehr hat, wird langweilig und im wahren Sinn des Wortes „gleich-gültig“ und damit uninteressant und irrelevant. Die Kirche muss Ballast abwerfen und sich auf ihr Kerngeschäft besinnen: Sie muss das Evangelium von Jesus Christus bezeugen, es leben und in der Liturgie feiern. Das ist ihre Identität. Dabei muss sie wissen: Das Evangelium hat von Anfang an nie allen gefallen, es hat schon immer Anstoß erregt, und das wird auch in Zukunft so sein.

BT: Anstoß erregen bedeutet heute?
Kasper: Die Corona-Krise hat unseren gewohnten Lebensstil infrage gestellt und stellt uns neue alte Fragen. Warum und wozu sind wir da, was ist der Sinn des Lebens, des Leidens und des Sterbens? Wie kann man menschlich und christlich leben in einer sterblichen Welt? Wo finden wir Vergebung unserer Schuld? Wo ist Licht und Kraft für den Aufbau einer neuen gerechten und friedlichen Welt? Wer kümmert sich um die Ärmsten der Armen, welche die Verlierer der Krise sind? Diesen Fragen muss sich die Kirche stellen. Die Antworten des Evangeliums werden dann im 21. Jahrhundert ganz neu aktuell werden. Nicht Jammergeschrei, tatkräftige Hoffnung ist angesagt.

„Die Spaltung der Kirche ist ein Skandal“

BT: 2021 sollte der nächste Ökumenische Kirchentag in Frankfurt stattfinden, Corona beschränkt ihn nun. Fortschritte gibt es in der Ökumene aber gerade kaum. Der Vatikan sagt Nein zu einem gemeinsamen Abendmahl mit evangelischen Christen. Wann folgt der Vatikan den Menschen, die Ökumene bereits leben?
Kasper: Die Spaltung der Kirche ist ein Skandal, und die Ökumene ist ein Muss; sie ist Pflicht und nicht Kür. Wenn ich an meine Kindheit und Jugend zurückdenke, dann hat die Kirche in der Zwischenzeit riesige Fortschritte gemacht, von denen ich damals noch nicht einmal träumen konnte. Vor drei Jahren konnten wir nach 500 Jahren das Reformationsjubiläum erstmals nicht gegeneinander, sondern miteinander begehen. Das soll im nächsten Jahr in Frankfurt und in den folgenden Jahren weitergeführt und vertieft werden. Viele Christen, vor allem Christen in konfessionsverschiedenen Ehen, haben erwartet, dass in Frankfurt ein gemeinsames Abendmahl möglich sein werde. Doch soweit ist auch eine evangelisch-katholische Theologenkommission nicht gegangen. Es gibt noch immer ernste Unterschiede; eine gemeinsame Abendmahlsfeier wäre zum jetzigen Zeitpunkt unehrlich.

BT: Was wäre aus Ihrer Sicht dann möglich?
Kasper: Zur Diskussion steht derzeit nicht das gemeinsame Abendmahl, sondern ob einzelne Christen in ihrem Gewissen für sich und in ihrer Situation schon jetzt hinreichende Gründe haben können, an der Kommunion einer anderen Kirche teilzunehmen. Dazu hat die römische Glaubenskongregation Nein gesagt. Ein Katholik wird dieses Urteil ernsthaft bedenken. Wenn er nach Prüfung seines Gewissens zu einem anderen Urteil kommt, wird man das respektieren; die Kirche kann sich nicht an die Stelle des persönlichen Gewissens setzen. Die theologische Diskussion geht darum weiter und muss weitergehen.

BT: Der Vatikan schaut genau und kritisch auf den Reformprozess der deutschen Kirche, den Synodalen Weg. Wie verfolgen Sie den Reformprozess und was kann, was soll am Ende herauskommen?
Kasper: Spätestens der Missbrauchsskandal hat gezeigt, dass in der Kirche dringender Reformbedarf besteht. Die Kirche muss zu jeder Zeit den Weg der Umkehr, der Reform und der Erneuerung gehen. Das kann nur im Zusammenwirken von Bischöfen, Priestern, Laien und Ordenschristen geschehen. Gegen solche Mitverantwortung von Laien hat Rom überhaupt nichts einzuwenden. Eine Kirche ohne Laien wäre ein totes Knochengerippe ohne Fleisch.

„Frustration vorprogrammiert“

BT: Was heißt das für den Synodalen Weg in Deutschland?
Kasper: Ich hätte es vorgezogen, der Synodale Weg hätte sich vor allem Fragen zugewandt, die er in eigener Kompetenz entscheiden kann. Nun stehen zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem Fragen zur Diskussion, die nach der Verfassung der katholischen Kirche in universalkirchlicher Zuständigkeit und die nach Lage der Dinge unrealistisch sind. Damit ist Frustration vorprogrammiert. Eine solche neue und noch tiefere Frustration wäre eine Katastrophe, die niemand wünschen kann.

BT: Was raten Sie?
Kasper: Mit etwas praktischer Vernunft und gutem Willen ist noch Zeit umzusteuern. Die universal-kirchlichen Fragen sollte man benennen und an die bereits angekündigte nächste Bischofssynode weitergeben. Dann kann man sich auf das vom Evangelium her realistisch Mögliche und Gebotene konzentrieren. Da ist weit mehr drin, als viele denken. So steht es beispielsweise jeder Diözese frei, Formen einer synodalen Kirchenleitung im Zusammenwirken des Bischofs mit gewählten Männern und Frauen einzuführen, in der alle wichtige Fragen, auch die Finanzen, gemeinsam beraten und mit Zustimmung des Bischofs entschieden werden. Meine Heimatdiözese praktiziert das unbeanstandet seit gut 50 Jahren. Warum andere nicht?

BT: Auch die Frauenfrage lastet schwer auf der Kirche. Beunruhigt es Sie, wenn sich engagierte Laien von der Kirche abwenden, wenn sich der Vatikan hier nicht bewegt?

Kasper: Natürlich beunruhigt mich diese Frage, und sie bewegt mich seit mehr als 30 Jahren. Es ist unbestreitbar, dass am Anfang der Kirche Frauen wichtige Aufgaben wahrnahmen, und auch später hat es oft bedeutende prophetische heilige Frauen gegeben, die ohne ein Amt zu haben weit mehr bewirkten als alle Bischöfe und Kardinäle zusammen. Heute stehen wir in einem Prozess der Ablösung des patriarchalen Ehe-, Familien- und Gesellschaftsmodells. Frauen werden sich ihrer Würde bewusst, verlangen ihre Rechte und erheben ihre Stimme. Das hat schon Papst Johannes XXIII. als „Zeichen der Zeit“ erkannt. In der Kirche haben wir die Signale weithin verschlafen. Der laut gewordene Protest ist darum verständlich.

„Weil schon viel mehr ginge“

BT: Weil die Kirche die Signale weiter verschläft?
Kasper: Weil schon viel mehr ginge. Wenn man bedenkt, dass man bei den meisten Entscheidungen auf der Ebene einer Pfarrei oder eines Bistums nicht unbedingt eine sakramentale Weihe braucht, vielmehr Glaubenssinn, Sachverstand und Erfahrung, dann steht nichts entgegen, entsprechende Verantwortlichkeiten befähigten Laien, Frauen wie Männern, zu übertragen, die sie in Zusammenarbeit mit dem Bischof oder Pfarrer ausüben. Verbunden mit Formen synodaler Ordnung ergäbe sich eine angemessene Verteilung der Verantwortung zwischen Bischof, Priester, Laien- und Ordenschristen, Frauen und Männern in der Kirche.

BT: Und die Weihe?
Kasper: Ja, es bleibt die Frage der Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern. Ehrlich gesagt, ich sehe nicht, wie man nach katholischem Verständnis über die fast zweitausendjährige ununterbrochene Tradition hinweggehen kann. Ich weiß, das ist heute schwer zu vermitteln. Doch würde man schon mal alles das tun, was ohne Änderung auch nur eines Buchstabens der kirchlichen Verfassungsordnung möglich ist, wäre die Machtfrage, die gegenwärtig die Diskussion vergiftet und verzerrt, weitgehend vom Tisch. Man könnte die Frage dann entspannter diskutieren und glaubwürdig zeigen, dass es bei kirchlichen Ämtern nicht um Macht, sondern um Dienst geht, der in der Gemeinschaft ausgeübt wird. Ämter um der Macht willen anstreben ist das Evangelium-Widrigste, das man sich denken kann. Jesu Wort „Bei euch soll es nicht so sein!“ (Markus 10,44) gilt für Bischöfe und Priester, aber auch für Frauen und Männer im Laienstand. Ich träume von einer Kirche, die nicht nur dem grammatikalischen Geschlecht nach – wir sagen ja die Kirche – weiblich ist, die vielmehr auch in ihrer konkreten Erscheinung ein frauliches Gesicht hat.

BT: Denken Sie manchmal: Was würde Jesus zu der Kirche sagen, die wir heute kennen?
Kasper: Jesus würde dasselbe sagen wie damals: „Bekehrt euch, und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15).

„Das Konzil nur zur Hälfte verwirklicht“

BT: Aber die Kirche hat die Botschaft Jesu oft ins Gegenteil verdreht: Machtmissbrauch, Unterdrückung, Droh- statt Frohbotschaft. Was hat die Kirche daraus gelernt?
Kasper: Das Zweite Vatikanische Konzil hat solche Fehlentwicklungen zu korrigieren versucht. Wir haben das Konzil bisher leider erst zur Hälfte verwirklicht. Doch grundsätzlich ist die Kirche damit auf dem rechten und auf einem guten Weg.

BT: Herr Kardinal, Sie stehen im fortgeschrittenen Alter. Wenn man das fragen darf: Von Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., heißt es, er stelle sich den Tod so vor, dass er im Himmel seine Eltern wiedersieht. Wie ist Ihre Vorstellung vom Leben nach dem Tod?
Kasper: Im Tod werden wir „Gott sehen, wie er ist“ (1 Johannes 3,2). Das ist größer und herrlicher als alles, was wir uns ausdenken können. „Kein Auge hat es gesehen und kein Ohr hat es gehört, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Korinther 2,9).

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Erstellt:
23. Dezember 2020, 18:00 Uhr
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