Das Formel-1-Titelduell sorgt für neue Spannung

Baden-Baden (kos) – Der WM-Kampf zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton sorgt für neue Aufregung in der Formel 1. Ihre Rivalität erinnert an die Duelle von Michael Schumacher und Fernando Alonso.

Auf diesen Titelkampf haben viele Fans sehnsüchtig gewartet: Das Duell zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton bringt neuen Wind in die Formel 1. Foto: David Davies/dpa

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Auf diesen Titelkampf haben viele Fans sehnsüchtig gewartet: Das Duell zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton bringt neuen Wind in die Formel 1. Foto: David Davies/dpa

Das Schöne an Geschichte ist, dass sie sich stets wiederholt – ganz gleich wann oder in welcher Form. Wer sich in der derzeitigen Formel 1 noch vor Saisonbeginn über die sich verstetigende Eintönigkeit den Kopf zerbrochen hatte, kann guten Gewissens aufatmen: Mit dem „Fliegenden Holländer“ Max Verstappen scheint die Wachablösung für Dauerchampion Lewis Hamilton angetreten zu sein.

Schumacher gegen Ayrton Senna (1994), Alonso gegen Schumacher (2005, 2006) und nun Verstappen gegen Hamilton: Es gibt in der Geschichte der Formel 1 genügend Beispiele, in denen junge aufstrebende Piloten den etablierten Platzhirschen des Rennsports zunehmend den Rang abfahren wollten.

Nicht erst seit Hamilton (36) mit Mercedes im türkischen Grand-Prix im Jahr 2020 den Titelrekord von Schumacher eingestellt hat, mehren sich die Vergleiche zwischen den beiden Dauerweltmeistern: Siegrekorde, schnellste Rennrunden, Pole Positions, die meisten Weltmeisterschaften, die meisten Titel in Folge: Die Liste ist lang. Je mehr die beiden Dominatoren miteinander verglichen werden, desto mehr kommt auch die Frage auf, wer in Zukunft deren Platz einnehmen soll? Und so lohnt sich ein vergleichendes Auge darauf, was den Karriereabend und die Titelkämpfe beider Piloten betrifft. Nun fährt Hamilton nach wie vor in der Formel 1 und hat seinen Vertrag bekanntlich bis mindestens 2023 bei Mercedes verlängert. Dass seine Zeit allmählich abläuft, streitet Hamilton selbst gar nicht ab.

Einmalige Chance bei Red Bull in diesem Jahr vermutet

Warum aber fahren Hamilton und Verstappen erst in diesem Jahr Rad an Rad um den Titel? Red Bull scheint seit Saisonbeginn volles Risiko zu gehen, während Mercedes seine finanziellen Ressourcen längst für die umfassenden Regeländerungen einsetzt, die ab 2022 gelten werden. Für die Bullen ist es daher eine einmalige Gelegenheit, um den ersten Titel seit 2013 wieder ins eigene Haus zu holen. Die Spannung des derzeitigen Duells der beiden ergibt sich also aus der möglichen Einmaligkeit dieser Konstellation.

Die Art und Weise, wie die junge Generation mit Verstappen (24, Red Bull), Charles Leclerc (23, Ferrari) und Lando Norris (21, McLaren-Mercedes) in der Motorsport-Königsklasse zunehmend punktet und den Serienweltmeister herausfordert, erinnert dabei auffallend an die Zeit zwischen 2005 und 2006: Fernando Alonso, damals gerade einmal 24 Jahre alt, machte so lange Dampf hinter Schumachers Ferrari, bis er schließlich vor ihm landete und ihm die Formel-1-Krone abnahm.

Die Symbolik war eindeutig: Die Wachablösung für Schumacher (damals ebenfalls 36 Jahre alt), der vor allem seine Dominanz zu verteidigen suchte, war angetreten. Dass Schumacher seine (erste) F1-Karriere nach seiner erneuten Titelniederlage 2006 beenden würde, war damals erst im Laufe der Saison beschlossene Sache.

Dem Routinier dicht auf den Fersen: Michael Schumacher (vorne) musste sich gegen Ende seiner Ferrari-Karriere zunehmend härter gegen seine Konkurrenten behaupten.  Foto: Franck Robichon/dpa

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Dem Routinier dicht auf den Fersen: Michael Schumacher (vorne) musste sich gegen Ende seiner Ferrari-Karriere zunehmend härter gegen seine Konkurrenten behaupten. Foto: Franck Robichon/dpa

Zuvor war mit Alonso (Renault), Juan Pablo Montoya (BMW Williams) und Schumachers späterem Ferrari-Sukzessor Kimi Räikkönen (damals noch bei McLaren-Mercedes) absehbar, wie sehr ihm die Jugend in den frühen Jahren des neuen Jahrtausends zunehmend den Platz streitig machte. Dass Schumachers Zeit gezählt war, machte das Duell mit Alonso also mehr als deutlich – Vergleichbares könnte man aktuell im spektakulären Titelkampf zwischen Verstappen und Hamilton vermuten.

Ähnlich wie dereinst Alonso wird Verstappen seit Jahren als der kommende Weltmeister hoch gehandelt. Dem stand neben einem immer wieder unterlegenen Auto vor allem einer im Mercedes im Weg: der britische Dominator Hamilton. Dieser hatte seit seiner einzigen Titelniederlage 2016 in nunmehr sieben Jahren in Folge, eine beispiellose Siegesserie mit Mercedes hingelegt und nun in der laufenden Saison die Chance, mit acht Titeln alleiniger Rekordhalter zu werden. Den achten Titel zu holen, hatte Schumacher 2005 und 2006 letztlich nicht geschafft.

Neue Höchstform von Red Bull und Max Verstappen

Dass diese Aufgabe nicht mehr so einfach erscheint wie vielleicht in den vergangenen Jahren, zeigt das Duell mit Verstappen und Red Bull. Diese bestechen aktuell in einer seit den Siegesjahren von Sebastian Vettel nicht mehr da gewesenen Ergebnissen. Die Karten dafür, dass der Holländer in diesem Jahr seinen ersten Titel holt, liegen also denkbar gut.

Nun könnte man gegen den Alonso-Vergleich einwenden, dass Verstappen mit seinen bislang 17 Rennsiegen (davon sieben Triumphe allein in der laufenden Saison) längst kein „Rookie“ mehr und in der Formel-1-Welt längst fest etabliert ist. Doch auch Alonso sammelte vor seinen Meisterschaften über die Jahr einige Podiumsplätze und Rennsiege, bis der Titel schließlich hinter seinem Namen stand.

Angesprochen auf die Parallelen zur eigenen Vita bemerkte selbst Altmeister Alonso vor dem Grand Prix der Türkei: „Wir hatten in Barcelona in Blau gehüllte Tribünen, und jetzt haben wir in Zandvoort in Orange gehüllte Tribünen, es gibt also viele Ähnlichkeiten“, sagte er. „Man braucht dieses gewisse Etwas. Es sind nicht nur die Siege, denn Verstappen ist ja noch kein Weltmeister, aber er kann die Zuschauer hinter sich bringen“, befand Alonso. Und so lassen sich auch charismatische Parallelen feststellen zwischen dem Spanier und dem ehrgeizigen Holländer.

Entscheidung fällt im letzten Rennen

Im WM-Kampf 2006 entschied letztlich ein Motorenwechsel in Schumachers Ferrari die denkbar knappe Weltmeisterschaft für den Spanier. Während Max Verstappen beim vergangenen Russland-Grand-Prix in Sotschi bereits seine Motorenstrafe absaß und diese in einen zweiten Platz verwandelte, musste Hamilton seine Strafversetzung beim Türkei-Grand-Prix absitzen und war mit Platz fünf hinterher sichtbar unzufrieden. In einer derart engen Saison kann schließlich jeder einzelne Punkt über Sieg oder Niederlage entscheiden – das weiß auch Hamilton aus eigener Erfahrung.

Der WM-Führung ist er folglich erst einmal wieder beraubt worden. Wie sehr ihn das ärgert, zeigte Hamilton auch in Istanbul durch seine sonst eher seltene Kritik am eigenen Team und dessen Strategieentscheidungen. „Ich bin jemand, der Risiken eingeht. Ich wäre das Risiko gerne eingegangen“, kritisierte er die Vorsicht seines Kommandostands, während sein WM-Konkurrent sein Wochenende mit einer Champagner-Dusche auf dem Podium abrundete.

Ob auf den Briten in den noch verbleibenden sechs Rennen das gleiche Schicksal wartet wie auf Schumacher 2006, ist noch offen. Sicher erscheint nur, dass der Titelkampf voraussichtlich erst im letzten Saisonrennen im Dezember unter den Flutlichtern von Abu Dhabi entschieden sein wird: entweder für den amtierenden Platzhirsch oder aber für den jungen Verfolger.

Für die Erfüllung seines Titeltraums muss Verstappen also noch kräftig anpacken. Die Parallelen zwischen 2006 und 2021 machen dennoch Hoffnung auf ein Ende der alljährlichen Mercedes-Dominanz, die seit 2014 (noch) ungebrochen ist. Für ein neues Spektakel sorgt das WM-Duell aber allemal im größten Zirkus der Welt.

Ihr Autor

BT-Volontär Konstantin Stoll

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Erstellt:
15. Oktober 2021, 12:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 16sec

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