Das Hochwasser startet den Countdown

Au am Rhein (naf) – Ein Arbeitstag bei der KABS: Die Bekämpfung von Stechmückenlarven zu Fuß und per Hubschrauber wird stark von der Wetterlage beeinflusst.

Im Landeanflug: Wegen stürmischer Windböen kann der KABS-Hubschrauber die mit BTI versetzten Eiskugeln nicht in den geplanten Gebieten verteilen. Foto: Nadine Fissl

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Im Landeanflug: Wegen stürmischer Windböen kann der KABS-Hubschrauber die mit BTI versetzten Eiskugeln nicht in den geplanten Gebieten verteilen. Foto: Nadine Fissl

Der Wind peitscht einzelne Regentropfen vor sich her. Sie platschen den acht Menschen ins Gesicht, die dick eingepackt in Pullover und Mütze auf den angekündigten Regenschauer warten. Mit Warnwesten, Handschuhen und Ohrenschützern stehen sie an diesem kühlen Morgen spät im Mai im Grün. Motorenlärm stört die Idylle zwischen Streuobstwiesen und Feldern, wo ein Lkw steht, der so garnicht ins Bild und auch fast nicht auf die schmale Landstraße außerhalb von Au am Rhein passt. „Biologische Stechmückenbekämpfung“ steht in großen Buchstaben auf seinen Seiten.

Der Wind wird stärker, der Lärm lauter und ein schmaler Hubschrauber hebt plötzlich hinter dem Lastwagen ab. „Er macht noch einen Testflug“, ruft Artur Jöst seinen Kollegen zu. Der Diplom-Biologe ist Distriktleiter der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplage, kurz KABS, und somit auch für die Bekämpfung aus der Luft verantwortlich – eine Herausforderung an diesem Morgen.

Der Wind ist zu stark für die leichte und wendige Maschine, erklärt Jöst. „Selbst wenn der Pilot versucht, alles einzukalkulieren, die stürmischen Böen verteilen das Material überall.“ Die Menge der mit dem Wirkstoff BTI versetzten kleinen Eiskügelchen ist an die Größe des Gebiets angepasst und soll nur auf dem im Vorhinein ausfindig gemachten Brutgebiet der Stechmücken verteilt werden. Sobald es richtig anfängt zu regnen, könnte der Wind nachlassen, weiß der Pilot aus Erfahrung. Er und auch Jöst wollen nicht so einfach aufgeben, der Zeitplan ist schließlich straff. Je nach Temperatur können sich die Larven den Stechmücken sehr rasch durch ihre vier Stadien zur Puppe entwickeln. Letztere nimmt kein Futter und damit keinen Wirkstoff mehr auf, kann also nicht mehr bekämpft werden. Die kühlen Temperaturen schaffen also zwar Zeit, trotzdem zählt jeder Tag.

BIT-Eiskugeln. Foto: Nadine Fissl

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BIT-Eiskugeln. Foto: Nadine Fissl

Der Hubschrauber kommt zurück. Man muss kein Experte sein, um zu sehen, dass die Windböen es der kleinen Maschine nicht leicht machen, trotzdem landet der Pilot rasch und geschickt. Er hält sieben Finger nach oben – Startsignal für das Team. Jetzt geht alles ganz schnell: Der Schredder hinter dem Lastwagen wird angeworfen, Eis aus dem Laderaum hineingegeben und die unten herausfallenden Kügelchen in blauen Wannen und danach in den Applikationskübel am Hubschrauber geschüttet. Sieben gefüllte Wannen, damit will es der Pilot noch einmal versuchen.

400 Kilogramm, so viel Eis hat der Kübel unter dem Helikopter normalerweise geladen, erzählt Jöst, während die Maschine ein weiteres Mal abhebt. „Zehn bis 20 Hektar können wir so mit einem Flug bearbeiten.“ Die großflächige Bekämpfung per Luft ist wichtig, denn die dritte Hochwasserwelle im Mai hat sich auch in seinem Gebiet, das sich über Durmersheim, Au am Rhein und Rheinstetten zieht, bemerkbar gemacht.

Doch als der Pilot landet, schüttelt er den Kopf – für heute haben sich die Flugversuche erledigt. „Da muss man auch an die Sicherheit des Piloten denken“, sagt Jöst, der nun Lastwagen, samt gefrorenem BTI und einige der wartenden Mitarbeiter wieder wegschicken muss. In zwei Tagen wolle man es wieder versuchen; wie wichtig es ist, dass dann alles funktioniert, wird sich noch später zeigen.

Zurück im Lager werden Warnweste und Ohrenschutz gegen extra hohe Gummistiefel, Rucksack mit BTI-Granulat und sogenannter Dipper getauscht. Es geht zu Fuß mit der Bekämpfung weiter. Im Zweierteam sollen verschiedene Gebiete bearbeitet werden, ein digitales Höhenmodell hilft dabei. „Dadurch sehen wir die einzelnen Senken und können genau dokumentieren, wo wir schon waren“, erklärt Jöst. KIT-Studentin Bianca startet die von der KABS eigens dafür kreierte App an ihrem Handy. Sie hat durch eine Ausschreibung an der Uni von dem Nebenjob erfahren und begleitet Jöst und Co. seither regelmäßig durch Rheinauen, Wiesen und Wälder.

KIT-Studentin Bianca verstreut das BTI-Granulat in der Senke einer Wiese. Foto: Nadine Fissl

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KIT-Studentin Bianca verstreut das BTI-Granulat in der Senke einer Wiese. Foto: Nadine Fissl

Heute geht es in das Gebiet „Veldesgrund“ in Au am Rhein, wo schon ein überfluteter Waldpfad wartet – „sehr ortsnah und damit sehr relevant“, wie Jöst sagt. Teams, die zu Fuß unterwegs sind, müssen mehrere Aufgaben erfüllen, erklärt er. Mit dem wie eine Schöpfkelle geformten „Dipper“ nehmen sie Proben aus den Wasserstellen und können so einschätzen, wie viele Larven darin leben und in welchem Stadium sich diese befinden. So überprüft Jöst nicht nur, welche Stellen er noch per Hand bearbeiten muss, er kontrolliert auch, ob der Hubschrauberflug erfolgreich war.

Fidele Larven bereiten Sorgen

„Das macht mir Sorgen“, sagt er, den Inhalt eines mit fidelen Larven gefüllten Dippers betrachtend. Die Wasserstelle, aus der die Probe stammt, ist zu groß, um sie per Hand zu bearbeiten, der Hubschrauber hatte sie am Tag zuvor angeflogen. Doch die Larven im dritten Stadium sind nicht nur lebendig, es sind auch unglaublich viele. „Hoffentlich geht uns das nicht hoch“, sagt Jöst. Bevor es zu spät ist, müsse die Fläche unbedingt in den kommenden Tagen behandelt werden.

Die nächste Wasseransammlung wartet querfeldein im Wald, die digitale Karte führt. Eine Probe mit dem Dipper zeigt: Auch hier muss etwas passieren. Der Tümpel ist klein genug, um das direkt zu tun. Also rein ins kühle Wasser, das zirka bis zur Mitte der Schenkel reicht; dicke Äste und rutschiger Sumpfboden erschweren die Sache ein wenig. „Ich bin schon einige Male baden gegangen“, schmunzelt Jöst, während er das Granulat auf der Wasseroberfläche verteilt. Bei der nächsten Kontrolle werden hier einige tote Larven zu finden sein, ehe sie zum Grund absinken.

Ein Dipper voller Larven im dritten Entwicklungsstadium. Foto: Nadine Fissl

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Ein Dipper voller Larven im dritten Entwicklungsstadium. Foto: Nadine Fissl

Doch es sind nicht nur die Larven der Stechmücken, die bei der Einnahme des BTI eingehen, auch andere Mückenarten sind betroffen – ein Grund, warum der Wirkstoff immer wieder in Kritik geraten war. „Die betroffene Fliege legt ihre Eier meist in Gewässern, die dauerhaft geflutet sind“, erklärt Jöst. Diese würden nicht von der KABS bearbeitet. Und selbst wenn sie in Einzelfällen auf betroffene Gebiete ausweicht, so wäre eine sehr große Menge an BTI nötig, um sie zu gefährden. Die KABS entnehme außerdem regelmäßig Biomasse in Gebieten, die sie bearbeiten, um die dortige Entwicklung zu kontrollieren. Auch dem Biologen liegt am Herzen, dass die Umwelt nicht negativ beeinflusst wird, betont Jöst.

Lange Arbeitstage sind je nach Wasserstand Standard für Distriktleiter und Biologe Artur Jöst – hier beim „dippen“. Foto: Nadine Fissl

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Lange Arbeitstage sind je nach Wasserstand Standard für Distriktleiter und Biologe Artur Jöst – hier beim „dippen“. Foto: Nadine Fissl

Im nächsten gefluteten Graben findet er in mehreren Dippern nur eine einzige Larve – das Wasser bleibt frei vom Granulat.

Dafür wartet Arbeit an Stellen, an denen man im ersten Augenblick noch nicht einmal Wasser erwartet hätte. Das digitale Höhenprofil zeigt mögliche Wasseransammlungen auf einer Wiese mit hohem, saftig grünen Gras. Als Bianca sie überquert, platscht es schon bald unter ihren Gummistiefeln. Auch solche Flächen müssen sowohl im Auge behalten als auch – wie in diesem Fall – behandelt werden. Die Orte der Wasseransammlungen unterscheiden sich, das macht die Abwechslung aus. „Manchmal muss man sich auch ziemlich durch den Wald kämpfen“, sagt Jöst. Manchmal haben sich zwei Rehkitze im hohen Gras versteckt, wie Bianca es begeistert erlebt hat. Auch strahlender Sonnenschein und heftige Regenschauer wechseln sich ab. Umwelt und Wetter bestimmen die Arbeit bei der KABS und stellen sie nicht selten vor Herausforderungen. Dass Gemeinden wie Au am Rhein in der warmen Jahreszeit trotz alledem nicht verstochen werden, dafür sind Jöst und Co. draußen unterwegs – wenn es nötig ist, auch bei Windböen.

Ihr Autor

BT-Volontärin Nadine Fissl

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Erstellt:
27. Mai 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 41sec

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